Macht der Masse

Neues Produkt Stromfonds

Um das Risiko beim Stromeinkauf breit zu streuen, bietet MVV Energie seit November 2004 mit dem Stromfonds ein neuartiges Produkt für Gewerbe- und Industriekunden an.

18. Mai 2005

Für Gewerbe und Industrie ist es riskant, die gesamte Jahresmenge Strom an einem Tag zu beschaffen. Denn die Preise schwanken pro einer Mio. kWh Strom um 4.000 bis 8.000 €. „Das entspricht bis zu acht Prozent der gesamten Stromkosten dieser Kunden. Wer zum falschen Zeitpunkt einkauft, ist mindestens ein Jahr lang an seinen ungünstigen Kaufpreis gebunden“, erläutert Karl-Heinz Trautmann, Mitglied des Vorstands von MVV Energie, die Hintergründe für die Einführung des neuen Angebotes.

Wer sich die Entwicklung der Energiepreise in den letzten Jahren ansehe, erkenne sofort die heftigen Ausschläge, die durchaus mit dem Deutschen Aktienindex vergleichbar seien, weiß Trautmann. Im letzten Jahr schwankten die Preise um 0,4 bis 0,7 Cent/kWh. Das entspreche 15 % des durchschnittlichen Großhandelspreises im Jahr 2004. Mit seinem Stromfonds streut nun MVV Energie für seine Kunden das Risiko, an einem Tag mit hohen Strompreisen die gesamte Menge kaufen zu müssen, indem man an mehreren Einkaufszeitpunkten Stromteilmengen beschaffe. „Unsere Stromfondsmanager beobachten die Entwicklung am Großhandelsmarkt und beschaffen die Teilmengen zu günstigen Zeitpunkten. Diese Einkaufsvorteile geben wir an unsere Kunden weiter. Damit wird langfristig ein Energiepreis, der unter dem Jahresdurchschnittspreis liegt, erreicht“, betont der MVV-Vorstand.

Bisher Privileg der Großen

Die Situation im Energieeinkauf ist für viele Gewerbe- und Industriekunden nicht unproblematisch. Am Großhandelsmarkt werden nur Standardprodukte ab einer Mindestgröße von einem Megawatt-Band gehandelt. Dies entspricht 8,7 Mio. kWh pro Jahr. Deshalb war eine Strombeschaffung, die das Risiko streut, bisher auch nur ein Privileg für große Kunden mit einem Jahresverbrauch ab rund 50 Mio. kWh.

Trautmann sieht hier die Chance für das neue Angebot: „Um am Großhandelsmarkt wirtschaftlich Energie einzukaufen, muß der Stromfonds ein Mindestvolumen von mindestens 100 Millionen Kilowattstunden pro Jahr aufweisen. Diese kritische Grenze haben wir für den Stromfonds bereits überschritten. Optimal wäre für uns ein Gesamtvolumen von 500 Millionen bis zu einer Milliarde Kilowattstunden.“

Sinnvoll sei die Teilnahme am Stromfonds für Unternehmen mit einem Jahresverbrauch zwischen einer und 60 Mio. kWh Strom. Zunächst wird dabei der individuelle Bedarf aller Kunden analysiert. Der Einkauf der erforderlichen Strommengen wird dann auf zwölf Beschaffungszeitpunkte im Jahr aufgeteilt.

Dabei fielen keine weiteren Kosten an. „Im Gegenteil“, betont Trautmann, „da wir die Kosten, die durch die aufwendige Beschaffungsstrategie anfallen, durch eine Vielzahl von Kunden teilen und eine langfristige Partnerschaft anstreben, können wir sogar günstigere Preise als bei einer herkömmlichen Vollversorgung veranschlagen.“ Zunächst habe man ausschließlich den deutschen Markt im Visier, aber später wolle man sich auch ausländische Märkte genauer ansehen. (mn)

Interview

ES: Wie sind die ersten Reaktionen der Kunden auf das neue Angebot?

Wir erhalten täglich mehrere Anfragen. Bereits in der kurzen Vermarktungszeit konnten über zehn Kunden gewonnen werden. Man muß dabei auch bedenken, daß bei den Zielkunden die Energiepreisentwicklung bisher noch eher eine untergeordnete Rolle spielte. Das wird sich künftig entscheidend ändern.

ES: Wie groß ist das Marktpotential?

In Deutschland gibt es in unserem Zielsegment rund 5.000 potentielle Kunden.

ES: Wer trägt das Risiko, wenn sich die Preise nach oben entwickeln?

Mit unserer Einkaufsstrategie bestimmen wir jeden Monat einen oberen Grenzwert, bei dessen Erreichen der Einkauf sofort durchgeführt wird. Das heißt, das Risiko bei steigenden Preisen ist nach oben begrenzt. Fallen die Energiepreise, so profitieren unsere Kunden hiervon. Wir setzen den Grenzwert dann analog zu dem fallenden Energiepreis um eine monatlich neu definierte Spanne herab.

ES: Der Stromfonds soll der Vollversorgung dienen. Ist auch eine Teilversorgung möglich?

Wird eine Teilversorgung gewünscht, ist dies grundsätzlich möglich. Wir glauben aber nicht, daß das sinnvoll wäre: Die restliche Strommenge müßte alternativ beschafft werden. Der Kunde müßte erneut Zeit und Kosten investieren.

ES: Wie sieht Ihr zeitliches Konzept aus?

Um von den Marktschwankungen profitieren zu können, ist eine Vorlaufzeit vor der physischen Belieferung notwendig. Wir beschaffen jetzt die benötigte Strommenge für 2006. Im Januar 2005 haben wir die erste Teilmenge bereits zu einem günstigen Preis eingekauft. Möchte ein Kunde einsteigen, ist dies also jederzeit möglich. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 03/2005