Make or buy in Wind

Spezial

Erneuerbare Energien - Selbst einen Windpark bauen oder ihn kaufen, ist die Kernfrage, wenn es um grüne Investitionen und lukrative Gewinnaussichten geht. Stadtwerke sind auf einen guten Schnitt aus, um die Wende zu nehmen. Eine Mischung aus verschiedensten Finanzierungsmodellen und Strategien wird dazu verfolgt. Bei Offshore-Windparks spielen zudem die ganz anderen Größenordnungen eine Rolle.

28. September 2016

Energieversorger sind spätestens seit dem Dekarbonisierungsbeschluss von Paris darauf aus, ihr Erzeugungsportfolio in die Klimaschutzspur zu bringen. Windparks haben nicht nur bei Vattenfall, RWE oder E.on Konjunktur. Auch Stadtwerke engagieren sich verstärkt in diesem Bereich.

 

Fragt sich nur, was sich wirklich rechnet: kaufen oder das betreffende Projekt allein oder mit Partnern stemmen. Genau in dieser Frage ist der Schweizer und international tätige Anlageberater Recap global investors unterwegs. Da seine Anlagerichtlinien vorsehen, dass der Fonds mindestens 50% seiner Gelder in deutsche Onshore-Windprojekte investiert, ist Deutschland als Investitionsstandort mit aktuell 85% der Schwerpunkt.

Bürgerbeteiligung als Option

Als Spezialist für Bewertung und Finanzierung prüft der Anlageberater kontinuierlich verschiedene Marktzugänge zu neuen Projekten und berät Investoren, ob sie in ein fertiges Windparkprojekt einsteigen oder es von der Pike auf selbst entwickeln sollten. So hat der Fondsberater im letzten Jahr den Verkauf der Gesellschaftsanteile am niedersächsischen Windpark Sandbostel von RWE International an den luxemburgischen Spezialfonds FP Lux Investments betreut. Während Recap seither beim Betrieb der Anlagen im Asset Management unterstützt, ist die RWE-Tochter Innogy weiter für die technische Betriebsführung zuständig. Im August 2016 nahmen beide Unternehmen die fünf Windkraftanlagen von Sandbostel mit einer Gesamtnennleistung von 11,8MW offiziell in Betrieb.

Bei der Münchner Thüga-Gruppe steht Windenergie ebenfalls hoch im Kurs. Die 46 Gesellschafter der Tochter Thüga Erneuerbare Energien haben bis 2020 rund 1Mrd.€ für Erzeugungsprojekte im Bereich regenerativer Energien vorzugsweise für Onshore-Windstrom eingeplant. Im Schnitt werden rund 80% der Investitionskosten über KfW-Mittel und der Rest mit Eigenkapital abgedeckt. »Neben dem Erwerb schlüsselfertiger Windparks haben wir in den zurückliegenden Jahren viel Energie in den Aufbau der Projektentwicklung investiert«, sagt Geschäftsführer Thomas Walther im September. Der erste Windpark, den sein Unternehmen zusammen mit dem Stadtwerk vor Ort von Entwicklung über Finanzierung bis hin zur Baubeschaffung und -betreuung in kompletter Eigenregie im April ans Netz gebracht hat, steht in der Baden-Württemberger Kommune Külsheim.

Die fünf Anlagen des Typs Nordex N117 mit einer Nabenhöhe von 141m und einer Nennleistung von je 2,4MW speisen bei mittlerer Windgeschwindigkeit etwa 31Mio.kWh Strom pro Jahr in das öffentliche Netz ein. Sie können damit knapp 9.000 Haushalte versorgen.

»Was uns von anderen Projektentwicklern unterscheidet, sind Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger und Kommunen. Im Windpark Külsheim beispielsweise erhalten über gesellschaftsrechtliche Beteiligungen und Bürgerdarlehen sowohl die Stadt Külsheim als auch die Anwohner ihren Anteil am wirtschaftlichen Erfolg des Windparks. Ein wichtiger Aspekt für die Akzeptanz der Energiewende vor Ort.«

Bis zu 15% könnten sich Bürger über das Stadtwerk Ku¨lsheim beteiligen. Ist dieser Prozess abgeschlossen, reduzieren sich die Anteile der Betreiber, Stadtwerk Tauberfranken und Thu¨ga Erneuerbare Energien, die jeweils 50% am Windpark halten.

Zwei Seiten der Niedrigen Zinsen

»Mit der aktuellen Pipeline an Projekten, die noch unter dem jetzigen Erneuerbare-Energien-Gesetz genehmigt werden, werden wir unser Gesamtportfolio bis Ende 2017 um zirka 75MW auf 300MW ausbauen können. Das entspricht einer Gesamtinvestition von mehr als 600 Millionen Euro«, erklärt Walther. Die langfristig laufenden KfW-Kredite sorgten für ein hohes Maß an Planbarkeit in der Finanzierung. »Die aktuell historisch niedrigen Zinsen tragen wesentlich dazu bei, dass die Degressionsstufen in der EEG-Vergütung darstellbar sind.«

Dass die derzeitigen niedrigen Zinsen schlüsselfertige, zum Verkauf stehende Projekte verteuern können, ist bei der Stadtwerke-Kooperation Trianel zu hören. Trianel unterhält unter ihrem Dach gleich zwei Gesellschaften, die sich um Windparkprojekte an Land kümmern.

So betreibt Trianel Onshore Windkraftwerke (TOW) eine Reihe von Windparks, darunter Eisleben und Wendorfer Berg in Sachsen-Anhalt sowie Hünfelden und Rabenau in Hessen. Kurz vor der Inbetriebnahme steht der Windpark Twerberg in Ostwestfalen (NRW). Die Gesamtleistung aller Parks beträgt 101,3MW.

Auswahl Passend fürs Portfolio

In einer Nachfolgegesellschaft treiben seit August 2015 rund 40 Stadtwerke und Energieversorger in der Trianel Erneuerbare Energien (TEE) den Ausbau des Ökostromportfolios aus Wind- und Sonnenenergie voran. 500Mio.€ haben sie veranschlagt, um bis 2018 eine Erzeugungsleistung von 275MW ans Netz zu bringen. Bis zu einem Drittel setzen sie eigene Kapitalmittel ein.

Aktuell umfasst das deutschlandweite Stadtwerke-Portfolio rund 56MW an Windkraftleistung, verteilt auf vier Projekte in Rheinland-Pfalz, Bayern und Hessen, sowie 20MW an PV-Leistung in Brandenburg. Die zwei Windanlagen mit 4,8MW in Jeckenbach (Rheinland-Pfalz) sind am Netz. Die Inbetriebnahme der zwei Windparks in Bayern ist für die erste Jahreshälfte 2017, für Buchenau in Hessen noch in diesem Herbst vorgesehen.

Der Projekteinstieg erfolgt zu unterschiedlichen Stufen entweder vor dem Baustart, während des Baus oder nach der Fertigstellung. Entscheidend ist, dass avisierte Windparkprojekte ins Portfolio der Stadtwerkepartnerschaft passen.

Großprojekt Offshore

Auch in Offshore-Windstrom wird kräftig investiert. Energieversorger, Spezialtechnikunternehmen und Anlagen- und Vermögensberater sind hier an vorderster Front aktiv. Den Bau des 1,6Mrd.€ teuren und 396MW starken Windparks Merkur 45km nördlich vor der Nordseeinsel Borkum hat sich ein Kapitalgeber-Konsortium vorgenommen, in dem erstmals 66 Turbinen des Typs GE Haliade 150-6 MW kommerziell zum Großeinsatz kommen sollen. Zum Konsortium gehören die belgische auf Offshore- und Küstenbau spezialisierte Deme-Gruppe, der Industriekonzern GE, der Schweizer Manager von Privatmarktanlagen Partners Group, das Investmentunternehmen für Infrastruktur und Immobilien Infrared Capital Partners und die staatliche französische Energiemanagementagentur ADEME.

Die fünf Partner wollen zusammen 500Mio.€ Eigenkapital zum Projekt beisteuern, heißt es in der Mitteilung der Betreibergesellschaft Offshore Merkur. Die Hälfte davon übernehmen die Eidgenossen auf Betreiben ihrer Aktionäre, so dass sie an der Projektgesellschaft zu 50% beteiligt sind. 25% geht auf das Konto von Infrared. Projektentwickler und Deme-Tochter Deme Concessions Wind ist mit 12,5% dabei. Die restlichen 12,5% teilen sich ADEME und GEs Finanzplaner für Energieprojekte GE Energy Finance Services.

Finanzierungssumme von Banken

1,2Mrd.€ und somit das Gros der Finanzierungssumme kommt von einem internationalen Bankenkonsortium. Dazu zählen ABN Amro, Commerzbank, Deutsche Bank, KfW, Natixis, Rabobank, SEB AG, Sumitomo Mitsui und Société Générale. Allein 457,4Mio.€ stellt die deutsche KfW-Gruppe aus dem Programm zur Förderung der Offshore-Windenergie bereit, das die Bundesregierung aufgelegt hat.

Der Start der Bauarbeiten zum Offshore-Fundament soll im August 2017 erfolgen. Laut einem Doppelvertrag ist GE für die Lieferung und Installation der Turbinen, Deme-Tochter Geosea für den schlüsselfertigen Abschluss des Windparkprojektes zuständig. Geplant ist, den Windpark 2019 in Betrieb zu nehmen, so dass er an 500.000 Haushalte 1.750GWh Ökostrom liefern und zugleich die staatliche Einspeisevergütung für Offshore-Energie in Anspruch nehmen kann.

Zu 100 Prozent aus Eigenkapital

Vattenfall und die Stadtwerke München SWM bringen für ihr gemeinsames Offshore-Windparkprojekt Sandbank 90km westlich vor der Nordseeinsel Sylt ein Investitionsvolumen von rund 1,2Mrd.€ auf. An der gemeinsamen Projekt- und Betreibergesellschaft Sandbank Offshore Wind halten die Schweden 51 und die Münchner 49% der Anteile. Sie ist zu 100% durch Eigenkapital der beiden Unternehmen finanziert.

Zur Bereitstellung des Eigenkapitals bedienen sich die SWM ihrerseits eines Darlehens der Europäischen Investitionsbank EIB in Höhe von 500Mio.€. Der Windpark entsteht in unmittelbarer Nähe des Parks Dantysk, den Vattenfall und die SWM Anfang 2015 in Betrieb nahmen. Er verfügt über eine Leistung von 288MW.

Um diese Leistungsgröße geht es auch bei Sandbank. Im September speiste Sandbank den ersten Strom von der Nordsee in das deutsche Stromnetz ein, meldeten die Partner. Von den 72 Windenergieanlagen konnten seit Ende Juli 2016 bereits 21 Windenergieanlagen erfolgreich installiert werden. Voraussichtlich im Frühjahr 2017 soll der Park die volle Leistung liefern können und dann im Dauerbetrieb eine ja¨hrliche Strommenge erzeugen, die rechnerisch dem Bedarf von 400.000 deutschen Haushalten entspricht.

Josephine Bollinger-Kanne

 

Erschienen in Ausgabe: 08/2016