Markterfolg durch Zertifizierung

Kennzeichnung soll Kunden eine Orientierungshilfe geben

Nach strengen Kriterien geht die TÜV Management Service GmbH vor, wenn es um das Zertifizieren von Ökostrom geht. Wer das Prüfzeichen führen darf, kann gegenüber der Öffentlichkeit sein Engagement in die Bereitstellung von Strom aus erneuerbaren Energien demonstrieren.

11. April 2001

Die Liberalisierung des Strommarktes macht es möglich: Jeder Haushalt kann sich den Stromanbieter und die Art des Stromes aussuchen. Die Palette ist breit gefächert, von Normal-, über Billig- bis hin zu Ökostrom. Trotzdem haben bis Spätherbst 1999 nicht mehr als 2,5 % der Bundesbürger ihren Stromlieferanten gewechselt. Jeder Zweite kann sich aber vorstellen, seinem angestammten Versorger ade zu sagen. Mehr als die Hälfte aller privaten Stromkunden ist auch bereit, so das Ergebnis einer gemeinsamen Umfrage der Marktforschungsunternehmen Management Consult (Mannheim) und Target Group (Nürnberg), für atomfreien Strom einen höheren Preis zu bezahlen (FAZ vom 30.10.1999). Diesen Trend bestätigt eine Studie der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW): Immerhin vier von fünf Bundesbürgern wünschen sich den verstärkten Einsatz regenerativer Energien wie Sonne, Wind, Wasserkraft, Biogas und Biomasse.

Bei diesen Bekenntnissen verwundert es nicht, dass bis Ende November bundesweit mehr als 75 Unternehmen ein Ökostrom-Angebot aufgelegt hatten. Der Stromkunde, der bereit ist zu wechseln, möchte jedoch zwei Fragen von seinem Lieferanten beantwortet haben: Kommt wirklich Strom aus regenerativer Energie aus seiner Steckdose. Wie glaubwürdig ist die Aussage seines Anbieters. Immerhin ist er bereit, einen Aufschlag zwischen 2 bis rund 20 Pf/kWh zu zahlen.

Die TÜV Management Service GmbH, Unternehmensgruppe TÜV Süddeutschland, hat gemeinsam mit dem VdTÜV ein Konzept zur Zertifizierung von Strom aus Erneuerbaren Energien, den Kriterienkatalog VdTÜV 1303, erarbeitet.

Die Eckpunkte lauten:

Es gilt das „Nutella-Prinzip“: „Drinnen ist, was draußen drauf steht“

Eindeutig setzt das Konzept voraus, was „Grüner Strom“ (Strom aus Erneuerbaren Energien) ist: Ein Produkt aus physikalisch erneuerbaren Energiequellen. Dazu zählen: Photovoltaik, Windkraft, Wasserkraft, Biomasse (naturbelassen), Biogas, Deponiegas und Geothermie.

Mindestens 25 % des Gesamtangebotes muss aus regenerativen Kraftwerken stammen, die eigens für das Ökostrom-Angebot gebaut worden sind.

Durch die Zertifizierung der Bereitstellung von Strom aus Erneuerbaren Energien wird dem Stromversorger ein Instrument angeboten, sich vom Wettbewerber zu differenzieren und seine gemachten Aussagen zu verifizieren. Das Zertifizierverfahren orientiert sich an der Vorgehensweise der Zertifizierung von Managementsystemen. Die Einführung eines Managementsystems nach ISO 9001 oder ISO 14001 ist nicht Voraussetzung, wird aber empfohlen. Im Rahmen eines Audits überprüfen die Experten der TÜV Management Service, ob der Stromversorger mindestens soviel Strom zeitnah aus erneuerbaren Ressourcen erzeugt, wie auf der Entnahmenseite den Kunden in Rechnung gestellt wird.

Wesentliches Ziel des Audits ist, zu hinterfragen, ob die Unternehmenspolitik des Stromversorgers auch geeignet ist, die vom Endverbraucher erwartete Zuverlässigkeit in das Engagement zur Förderung und zum Ausbau von Technologien zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien zu gewährleisten. Mit anderen Worten: Werden mit den Einnahmen aus Ökostrom auch neue Anlagen zur Herstellung von Ökostrom finanziert. Dieser Gradmesser für ein verstärktes regeneratives Engagement gilt für alle Unternehmen der Elektrizitätswirtschaft, vom Marktführer bis zum Newcomer. An den Marktführer, die RWE Energie AG in Essen, hat die TÜV Management Service GmbH im August vergangenen Jahres ihr erstes Zertifikat für die Bereitstellung von Strom aus Erneuerbaren Energien nach dem Kriterienkatalog des VdTÜV 1303 vergeben.

Im Juli 1996 hatte der Essener Stromkonzern mit dem „Umwelttarif“ als erstes Verbundunternehmen, seinen Kunden den Bezug von Ökostrom angeboten. Freiwillig verpflichtet sich dabei ein Haushaltskunde, für ein bestimmtes Kontingent ab 100 kWh, 20 Pf/kWh mehr zu bezahlen. Die RWE Energie verdoppelt den Betrag, um so neue regenerative Kraftwerke zu bauen. Bislang konnten aus dem Fördertopf der Bau von 26 Photovoltaikanlagen, drei Windturbinen und zwei Kleinwasserkraftwerken finanziert werden. Rund 15.000 Kunden, entspricht etwa 0,5 % im Haushaltskunden-Segment, konnte die RWE Energie AG bislang für den Umwelttarif gewinnen.

„Um den Bezug unseres grünen Stroms und den Bau der neuen Anlagen gegenüber unseren Kunden so transparent wie möglich zu machen, lag uns sehr an einem neutralen Gutachter“, betont Ludwig Kons, Audit-Beauftrager für regenerative Stromerzeugung bei der RWE Energie AG. Dass die Wahl auf die TÜV Management Service fiel, ist auch das Ergebnis von intensiven Kundenbefragungen gewesen: „Das TÜV-Zeichen steht auf der Verbraucherebene für Sicherheit, Qualität und Umweltfreundlichkeit“, so Kons.

Bei RWE Energie ist nicht nur von Interesse gewesen, ob die angegebenen regenerativen Wasser-, Wind- oder Solarkraftwerke auch wirklich vorhanden sind. Genauso wichtig sind beispielsweise Verträge und die Organisation von Wartung, Betrieb und Überwachung der regenerativen Stromerzeugungsanlagen, damit sichergestellt ist, dass das versprochene Volumen grüner Kilowattstunden real auch produziert und langfristig eingehalten wird. Neben den Messeinrichtungen, die kontinuierlich die Erzeugung des Ökostroms aufzeichnen, stand auch das Marketing auf dem Prüfstand: Die Werbung darf keine Versprechen für „sauberen“ Strom machen, die letztlich nicht eingehalten werden.

Auch für den Avanza Ökostrom, den die RWE Energie AG bundesweit anbietet (Aufschlag: 5 Pf/kWh), hat die TÜV Management Service GmbH die Zertifizierung übernommen.

Dipl.-Ing. Helmut Langl ist Referatsleiter Erneuerbare Energie bei der TÜV Management Service GmbH, München

Erschienen in Ausgabe: 03/2000