Bis Ende des Jahres wird laut BSI nun das dritte Smart- Meter-Gateway zertifiziert, zeitgleich soll die Markterklärung erfolgen. Darauf wartet die Branche seit Jahren. War diese Verzögerung nur ärgerlich oder hatte sie auch ihr Gutes?

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Florian Hartke, Gwadriga: Jede Aktualisierung der Geräte und der IT-Systeme hat Herausforderungen mit sich gebracht. Aber auch die Konzeption, Umsetzung und Härtung der Prozesse haben Zeit gebraucht, um wirklich Rollout-ready zu werden. Heute sind die Prozessausgestaltung sowie die Anbindung der Backend-Systeme unserer Kunden umgesetzt und bereit für den Rollout.

2020 wird voraussichtlich das Jahr eins des Massenrollouts für Smart Meter. Auf was stellt sich Gwadriga ein in den nächsten Jahren? Wird es einen sprunghaften Anstieg geben oder wird es peu à peu einen Markthochlauf geben?

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Wir setzen den Rollout bereits um. Mit unseren Kunden und dem bereits zertifizierten Gerät rollen wir die ersten Produktivgeräte aus. Damit verbunden ist ein SLA-verbriefter Betrieb. Nächstes Jahr werden sukzessive weitere unserer Kunden in den Rollout starten. Zeitpunkt und Hochlauf hängen im Wesentlichen von der Geräteverfügbarkeit ab. Die Vorgaben der sicheren Lieferkette (SilKe) sind bei der Ausgestaltung der internen und externen Prozesse der Messstellenbetreiber zusätzlich zu berücksichtigen. Hier stellt sich natürlich erst jetzt im Hochlauf die Praxisfähigkeit und Praktikabilität im täglichen Betrieb heraus. Im Moment stellt „SilKe“ noch eine Herausforderung dar. Für größere Mengen im Rollout muss sich eine praktikable Lösung etablieren.

VITA

Florian Hartke

Florian Hartke ist seit 2017 Produktmanager bei Gwadriga.

Seine Karriere startete er bei ZVO Energie, wo er zuletzt für die Geschäftsfeldentwicklung zuständig war.

Von 2013 bis 2017 war er dann als Produkt- und Innovations- manager Energieservices bei den Stadtwerken Kiel tätig.

Laut Gesetz müssen binnen drei Jahren zehn Prozent der betroffenen Messstellen umgerüstet werden.

Wir rechnen damit, dass es zum Fristende eine Stauchung geben wird, weil die Messstellenbetreiber Risiko und Kosten minimieren wollen und keine großen Stückmengen als First Mover ausbringen werden.

Der Smart Meter gilt als zentraler Baustein für die Energiewende. Gemeint sind damit dessen zahlreiche Funktionen zum Messen, Steuern und Regeln. Gwadriga ist ein Full-Service-Anbieter für Smart Metering. Was heißt das genau?

Wir sehen uns als Enabler für neue Geschäftsfelder unserer Kunden. Wir stellen die sichere Infrastruktur bereit und sorgen dafür, dass diese funktioniert. Hierbei fokussieren wir uns auf unsere Basisleistung der Gateway-Administration, das Messdatenmanagement und ergänzen diese um nachgefragte Mehrwertdienste. Dazu gehörten unter anderem eine MSB-Visualisierung und die Wan-Kommunikation mit M2M-Sim-Karten. Weiter sind wir als aktiver externer Marktteilnehmer zertifiziert und bieten auch ein CLS-Management an. Dies umfasst alles, was über die Controllable-Local-Systems-Schnittstelle des SMGW läuft. Zum Beispiel das Schalten von Flexibilitäten.

In Köln setzt Gwadriga das Projekt virtueller Wärmestrompool um, das über das Gateway Nachtspeicherheizungen zu- oder abschaltet. Ziel ist die Nutzung von Stromüberschüssen.

Das Schalten der Nachtspeicherheizungen erfolgt über das Controllable-Local-System (CLS). Das heißt, wir übernehmen den Befehl aus dem Leitsystem der Rheinenergie und setzen diesen in die zertifizierte Welt eines Gateways und der FNN-Steuerbox um. So führt das System dann beim Endkunden eine marktorientierte Schaltung durch. Auch in einem Projekt mit der Westfalen Wesernetz schalten wir Flexibilitäten. Dort stellen wir über den CLS-Kanal marktdienliche Signale zur Verfügung. Diese werden dezentral verarbeitet und zur Schaltentscheidung herangezogen. Darüber hinaus ist natürlich das Submetering bei der Wohnungswirtschaft interessant. Wir ermöglichen die Anbindung über die Local-Meter-Network (LMN)-Schnittstelle sowie über CLS. Über LMN werden Sensoren angebunden und direkt offen ins Meter Data Management (MDM) und anschließend in ein datenauffangendes System persistiert. Beim CLS trennt sich die Anbindung von Datensammlern in zwei Strömungen. Auf der einen Seite offene Standards, wo die Daten direkt ausgelesen und weiterverarbeitet werden können. Der andere Strang sind proprietäre Lösungen, wo über den CLS-Kanal ein transparenter Kanal aufgebaut wird und die Datenpakete ungeöffnet in ein Backendsystem transportiert werden.

Wir setzen den Rollout bereits um.

— Florian Hartke Gwadriga

In der Praxis lassen viele Vermieter die Verbrauchswerte für Wärme oder Wasser immer noch manuell ermitteln. In meiner Mietwohnung habe ich Röhrchen an den Heizkörpern, die ein Dienstleister einmal jährlich per Hand ausliest.

Die analogen Erfassungsgeräte wird es spätestens 2027 nicht mehr geben, weil die Energieeffizienz-Richtlinie der EU (EED – Energy Efficiency Directive) unterjährige Verbrauchsinformationen zur Pflicht macht und somit die Fernauslesung aller zur Abrechnung herangezogenen Zähler zum Standard wird. Bestandsschutz wird nicht gewährt. Ab 2020 beginnt die Umrüstung. Das heißt, alle etablierten Submetering-Dienstleister werden bis 2027 diese Zähler austauschen oder nachrüsten müssen, um einen rechtssicheren Betrieb zu gewährleisten.

Den Markt für Submetering haben wenige, bundesweit tätige Dienstleister im Wesentlichen unter sich aufgeteilt. Die neue Rechtslage zielt auch darauf ab, mehr Wettbewerb zu schaffen. Welche Rolle kommt dabei Dienstleistern wie Gwadriga zu?

Auch hier nehmen wir die Rolle als Enabler ein. Wir bieten unsere Leistungen allen Marktakteuren an. Die Unternehmen können sich auf ihre etablierten Leistungen konzentrieren, die neuen Aspekte des Smart Meterings bringen wir ein. Im Mai haben wir gemeinsam mit der Firma Varys ein Modell für Stadtwerke als Submeter- Betreiber vorgestellt.

Wie funktioniert das Modell?

Varys stellt den größeren Systemanteil bereit und geht auf die Wohnungswirtschaft zu. Übermittelt werden die Verbrauchsdaten aus digitalen Heizkostenverteilern, Wasser- und Wärmezählern über die LMN-Schnittstelle. Damit wird eine nach Messstellenbetriebsgesetz rechtssichere Lösung für Bündelangebote geschaffen, mit der sowohl ein Mehrsparten-Messstellenbetrieb über LMN als auch smarte Gebäudedienste über CLS abgebildet werden können.

Der ermittelte Energie- und Wasserverbrauch jeder Wohneinheit wird über die sichere Infrastruktur der SMGW in das Varys-Abrechnungssystem übertragen und dort weiterverarbeitet. Die Prozessintegration hat Gwadriga im Rahmen ihres Mehrsparten-Metering-Labors getestet und etabliert. Somit stehen hier praktisch erprobte Szenarien mit unterschiedlichen Integrationslösungen per LMN- und CLS-Schnittstelle zur Verfügung.

Sprechen Sie eigentlich auch direkt die Wohnungswirtschaft an?

Die Wohnungswirtschaft ist insofern ein sehr interessanter Kunde, weil bei verwalteten Immobilien die Prozesse und deren Effizienz eine große Rolle spielen. In der Wohnungswirtschaft ist es wichtig, frühzeitig eine vollständige und rechtssichere Heizkostenaufstellung zu erhalten. Momentan ist es so, dass die Daten vielfach nicht so schnell nach Abschluss der Heizperiode bereitstehen und die Daten häufig qualitative Mängel aufweisen.

Das bietet für Verwalter und Vermieter ein erhebliches Risiko. Auch bietet die neue Technik mehr Komfort für die Mieter, die regelmäßig über ihren aktuellen Verbrauch informiert werden, ohne dass jedes Mal ein Ableser die Wohnung betreten muss. hd