Mehr als nur Anschlüsse

NETZE Durch Unbundling und Regulierung gerät das klassische Netzgeschäft immer mehr unter Kostendruck, so dass die Vermarktung neuer Produkte und Dienstleistungen verstärkt an Bedeutung gewinnt.

18. August 2006

„Viele Netzbetreiber gehen dazu über, ihre Dienstleistungen aktiv am Markt anzubieten. Dabei ergibt sich ein breites Spektrum von Optionen von klassischen technischen Dienstleistungen in den Bereichen Netzbau, Instandhaltung und Betriebsführung über die Beratung bis hin zu neuen Serviceleistungen wie Transport- oder Vertragsmanagement im Gasnetzbereich“, so das Fazit der aktuellen Studie ‚Der Markt für Netzdienstleistungen: Potenziale, Erfolgsfaktoren, Wettbewerb’, die das Trend- und Marktforschungsinstitut trend:research kürzlich veröffentlichte. Für die Zielgruppen (EVU/Stadtwerke) haben die Marktforscher eine deutliche Konzentration im Bereich von Planungsund Projektierungs- beziehungsweise Bauvorhaben festgestellt. Im Instandhaltungsbereich findet ebenfalls bei einem Teil der Befragtengruppe eine Vergabe statt, während die eigentliche Betriebsführung der Netze derzeit überwiegend von den EVU und Stadtwerken noch selbst geleistet wird. Die Entscheidung, auf externe Unterstützung für die eigenen Netze zurückzugreifen, wurde von den Befragten primär mit fehlendem Personal und mangelndem Know-how begründet. Zudem begünstigen die Kosten sowie die Erhöhung der Flexibilität die Entscheidung zur Vergabe. Knapp 20 Prozent der insgesamt rund 100 Interviewteilnehmer (sowohl Anbieter als auch Anwender) sehen zudem künftig weiteren Bedarf an externer Unterstützung, vor allem bei Mess- und Zählerwesen sowie Netzzugangsmanagement und Netznutzungsentgeltkalkulation.

Der Markt für technische Netzdienstleistungen bei Stromnetzen erreichte 2005 ein Volumen von knapp 10 Mrd. €. Dabei entfielen über 50 % auf den Bereich Bau (Erneuerung rund 80 %, Neubau 20 %). Insbesondere die kleineren EVU seien aufgrund der noch unklaren Situation bezüglich einer möglichen Senkung der Netzentgelte bei den Investitionen zurückhaltend gewesen, so trend:research. Dagegen hätten sich die wieder anziehenden Investitionen der größeren EVU für den Ausbau der Hoch- und Höchstspannungsnetze positiv niedergeschlagen. Das Gesamtmarktvolumen für Netzdienstleistungen bei Stromnetzen werde bis 2015 voraussichtlich auf knapp 13 Mrd. € ansteigen, prognostizieren die Marktforscher, begünstigt zum einen durch die verstärkte Vergabe von Leistungen zur Netzeinbindung von dezentraler Energieerzeugung (insbesondere Windkraft). Zum anderen steigt laut Studie die Investitionsbereitschaft der EVU nach 2010 generell wieder an, „nachdem die Margen aus dem klassischen Netzgeschäft mit Einführung der Anreizregulierung nicht so stark weggebrochen sind wie anfangs befürchtet“. Die Wettbewerbsintensität bei Dienstleistungen im Stromnetzbereich wird von den befragten Anbietern insgesamt als mittel bis hoch (jeweils 44 %) eingestuft. Zukünftig rechnet zudem über die Hälfte der Befragten mit einer weiteren Zunahme des Wettbewerbs in diesem Marktsegment, bedingt durch zunehmende Angebote der Netzservicegesellschaften der größeren EVU sowie neuer Marktteilnehmer aus der EU.

Im Gasnetzbereich wird die Wettbewerbsintensität ähnlich dem Stromsektor als mittel (43 % der Antworten) bis hoch (38 %) eingeordnet. Hier schätzt etwa ein Drittel der Entscheider den Wettbewerb als zunehmend stark ein und erwartet weiterhin einen extremen Verdrängungswettbewerb. Mit der Folge, dass „Unternehmen zunehmend Kooperationen eingehen, um sich erfolgreich zu positionieren“, so die Studienautoren. Bei den Strategien der Dienstleister dominiert derzeit deutlich die Full-Service- Strategie. 64 % der befragten Unternehmen gehen mit einem entsprechenden Komplettangebot an den Markt. Kooperationen und Partnerschaften stehen mit 39 % ebenfalls hoch im Kurs. Eine auf Wachstum ausgerichtete Strategie streben 29 % der Befragten an (s. Grafik). Detaillierter betrachtet wird das Betätigungsfeld der Messstellenbetreibung (MSB) in einer weiteren aktuell veröffentlichten trend:research-Studie. Eine signifikante Mehrheit (62 % der befragten 111 Experten) vertritt die Auffassung, dass die Liberalisierung mittelfristig auch im Messen realisiert wird. Aktuell werden insbesondere Großkunden als relevante Zielgruppe eingestuft, während lediglich ein Fünftel Potenziale im Haushaltskundenbereich sehen. Die Studie hat insbesondere Sonderkunden aus Industrie und Gewerbe verstärkt als Nachfrager von Messstellenbetriebs- und Messdienstleistungen identifiziert.

Zähler noch kein ‚Produkt’

Das Potenzial spiegelt sich heute jedoch noch nicht auf der Anbieterseite wider: Lediglich 14 % der Befragten planen ein Auftreten als Messstellenbetreiber oder Dienstleister. „Der Fokus liegt heute noch auf dem Netzbetrieb. Zahlreiche Unternehmen haben offensichtlich den Zähler als Produkt noch nicht erkannt“, so ein Fazit der Bremer Marktforscher. Diese sehen jedoch durchaus gute Chancen. So ließen sich auch Kombinationen mit anderen Produkten realisieren, etwa „im vollständigen Netzbetrieb bei Arealnetzbetreibern einschließlich Zählung und Messung“. Auch im Marktauftritt für andere Netzbetreiber mit Aktivitäten außerhalb des eigenen Netzgebietes ergäben sich grundsätzlich unterschiedlichste Aspekte wie Logistiktätigkeiten, Zählbetrieb vor Ort oder die systemtechnische Abwicklung, das heißt „die bewusste und gezielte Auskoppelung von Teilprozessen im Zählen und Messen als eigenständigem Produkt am Markt“.

Generell rechnen die Branchenexperten damit, dass künftig der Messstellenbetrieb zunehmend an Versorgungsleistungen gekoppelt und über einheitliche Marketingmaßnahmen beworben wird. „Dabei werden Versorgungsunternehmen auch langfristig versuchen, ihr faktisches Messstellenbetriebsmonopol im Netzgebiet zu erhalten.“ (mn)

Erschienen in Ausgabe: 08/2006