Mehr angebotsorientierte Verwendung

Portrait/Interview

Die Viessmann-Tochterfirma Microbenergy arbeitet an einem Projekt, um den Wärmesektor stärker in den Regelenergiemarkt zu integrieren. 2015 soll das Vorhaben auf hundert Wärmepumpen ausgedehnt werden, sagt Geschäftsführer Ulrich Schmack.

27. August 2014

Herr Schmack, Microbenergy bereitet derzeit ein Projekt vor, das 2015 den Wärmemarkt stärker in die Energiewende einbeziehen soll als bislang. Das Ziel ist, mit Wärmepumpen Regeldienstleistungen zu erbringen. In welchem Umfang müssen heute in Deutschland Regeldienstleistungen erbracht werden, und welchen Teil könnten davon künftig Wärmepumpen übernehmen?

Heute werden in etwa 5 GW positive sowie negative Regelleistung in den drei Segmenten des Regelenergiemarktes, das heißt Primär-, Sekundär- und Minutenreserve ausgeschrieben.

In der Theorie könnten Wärmepumpen einen großen Teil des Marktes für negative Regelleistung bedienen, in der Praxis werden sie sich den Markt aber mit weiteren Technologien teilen.

Wir wollen aber nicht nur Regelenergie anbieten. In erster Linie wollen wir die tageszyklische Speicherkapazität des Wärmemarktes nutzen, um Lasten zugunsten des Gesamtsystems zu verschieben, sprich die Wärmepumpe soll dann laufen, wenn genügend Strom im Netz zur Verfügung steht beziehungsweise dann nicht laufen, wenn der Strom im Netz knapp ist.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Anlagen in Privathaushalten oder Gewerbebetrieben zu einem virtuellen Verbund oder Pool zusammengeschaltet werden können?

Zunächst ist eine leistungsfähige Kommunikationstechnik die Basis für einen virtuellen Verbund. Nur wenn eine ausreichende Datengrundlage vorhanden ist, kann der Energiebedarf des nächsten Tages in sogenannte Fahrpläne gegossen werden, die helfen, einerseits die Prognosegenauigkeit zu erhöhen und andererseits die Möglichkeit geben, kurzfristig lastverän-dernd einzugreifen.

Welche Rolle können EVU in diesem System einnehmen?

Die EVU dürften ein Interesse daran haben, die Speicherkapazität des Wärmemarktes als Flexibilitätsoption zur Bilanzkreisbewirtschaftung zu nutzen.

Die Anlagen sind in der Regel monodirektional; besser wäre aber ein bidirektionales Prinzip. Wie ist der Stand der Technik?

Hier gibt es noch eine Vielzahl von Fragen zu klären. Technisch ist heute viel möglich, die Fra-ge ist, welche Kommunikationskosten verträgt welches Geschäftsmodell?

Können verschiedene IT-Services auf die gleiche Datenstruktur zurückgreifen? Und noch vieles mehr.

Der Wärmemarkt ist bislang kaum Thema in der Energiewende. Gelingt mit dem Wärmepumpenverbund die Kehrtwende?

Die Energiewende ist ein Paradigmenwechsel. Von einer bedarfsorientierten Erzeugung gehen wir in eine angebotsorientierte Verwendung.

Die wenigsten können sich heute vorstellen, dass Wärme im großen Stil aus elektrischer Energie erzeugt wird, schließlich war es Jahrzehnte lang genau anders herum. Deshalb wird die enorme tageszyklische Speicherkapazität des Wärmemarktes häufig nicht gesehen. Nach unserer Einschätzung wird es noch eine Weile dauern, bis sich das ändert, wenige Pilotver-suche werden daran nichts ändern.

Mit welchem Zeitraum rechnen Sie?

Circa drei bis fünf Jahre.

Wie viele Anlagen werden in dem Projekt eingebunden, und auf wie viele Jahre ist es angelegt?

Es gibt drei Projektphasen. Die erste Phase läuft bereits und umfasst zehn Anlagen. Im nächsten Jahr beginnt die zweite Phase; dann werden einhundert Wärmepumpenanlagen eingebunden. Je nach Projektentwicklung wird es danach eine dritte Phase geben, in der dann einige Tausend Geräte vernetzt werden sollen. Einen Termin gibt es dafür aber noch nicht.

Sie haben dem Konzept den Namen IVES gegeben. Was verbirgt sich dahinter?

Es steht für Integriertes Verbrauchs-, Erzeugungs- und Speichersystem. Wir haben bereits 2012 die These aufgestellt, dass spätestens ab 2018 der Ausbau der Erneuerbaren nicht mehr durch eine Einspeisevergütung, sondern durch den Eigenverbrauch vorangetrieben wird. Das zeichnet sich bereits jetzt ab.

Erschienen in Ausgabe: 07/2014