Mister Power-to-X

Technik - Für die Sektorkopplung sind synthetisches Gas oder synthetischer Treibstoff mehr als Mittel zum Zweck. Denn so ist der Vorsprung der Energiewende im Strombereich nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung. Marc Grünewald von MAN Energy Solutions über CO2-Reduktion mit Power-to-X und Deutschlands Vorreiterrolle für den weltweiten Klimaschutz.

25. März 2019
Marc Grünewald
(Bild: MAN)

Der Kohleausstieg ist beschlossene Sache. Seit Januar gibt es ein grobes Ausstiegsschema. Kommt das zur rechten Zeit für die Power-to-X-Technologie? Erst seit zwei, drei Jahren wird verstärkt über die Anlagen gesprochen. Davor war es ein Thema für Expertenrunden.

Marc Grünewald: Richtig, Power-to-X hat in den letzten 12 Monaten an Aktualität gewonnen. Das gilt auch für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Dazu haben Studien wie zuletzt vom World Energy Council beigetragen, die eines sehr deutlich machen: Wenn wir unsere Klimaziele langfristig erreichen wollen, dann wird man über den Einsatz von synthetischen Kraftstoffen, sprich Power-to-X zur CO2-Reduzierung nachdenken müssen.

Erst recht vor dem Hintergrund eines Kohleausstiegs: Wie stellt die Bundesrepublik die Energieversorgung sicher?

Mit Blick auf die Grundlast, die heute noch zu über 50 Prozent auf Kohle und Kernenergie basiert, gibt es für die Zeit nach 2021 noch eine Menge Fragezeichen.

Welchen Beitrag könnte Power-to-X hier leisten?

Die Technologie kann die klimaneutralen Brennstoffe liefern, die wir brauchen. Wirtschaftlich sind die allerdings noch nicht, hier stehen wir ganz am Anfang. Heute wird die Tatsache, dass ich Geld ausgebe, um CO2 zu vermeiden oder um ein Produkt zu nutzen mit weniger CO2-Emissionen, noch nicht goutiert. Darüber brauchen wir eine politische Diskussion. Bezogen auf saubere Lösungen müssen aber nicht nur Politiker dazulernen, sondern auch wir als Gesellschaft.

Welchen Zeithorizont muss man denn für diese Lernprozesse einplanen?

VITA

Marc Grünewald

Grünewald ist Head of Business Development and New Energies, Power, bei MAN Energy Solutions.

Mit seinem Team sucht er nach neuen Geschäftsmodellen und Konzepten zur Energieerzeugung und betreut strategische Kapitalinvestitionen zum weltweiten Ausbau des Kraftwerksgeschäfts des Unternehmens.

Er verfügt über mehr als dreißig Jahre Berufserfahrung in der Energiebranche.

Ich begrüße die Initiative des BMWI in Richtung Reallabore. So besteht zum ersten Mal eine Möglichkeit, auf der Investitionsseite Unterstützung für den Bau dieser Anlagen zu bekommen. Wenn wir daraus eine Technologie made in Germany machen wollen, die wir weltweit exportieren möchten, dann muss die Technik eine industrielle Reife haben.

Ist es für die industrielle Reife ausreichend, wenn in den nächsten Jahren zwei, drei oder vier Anlagen im zwei- oder dreistelligen MW-Bereich gebaut werden? Bei der Photovoltaik dauerte es definitiv länger.

Wir gehen davon aus, dass mit der steigenden Zahl der gebauten Anlagen die Kosten runtergehen. Das ist der eine Teil. Der zweite Teil ist, dass es sicherlich nicht nur um deutsches Geschäft geht. CO2-Reduzierung ist ein globales Thema. Wir als MAN wären schlecht beraten, hier nur auf Deutschland zu setzen. Wir müssen so was international denken. Und wir fangen jetzt an.

Die Preise für PV-Anlagen haben sich über die Jahre deutlich verringert aufgrund der EEG-Einspeisevergütung. Heute ist es lukrativer, den Strom für die Eigenversorgung zu nutzen, statt ihn einzuspeisen. Konkret gefragt: Sollte man Power-to-X ähnlich fördern?

Ich will gar keine Förderung. Das kann nicht die wirtschaftliche Logik sein. Power-to-X rechnet sich, wenn CO2 einen angemessenen Preis erhält. Es ist definitiv nicht unser Interesse, einen neuen Subventionszweig aufzumachen. Ganz im Gegenteil.

Bezogen auf saubere Lösungen, müssen Politiker und wir als Gesellschaft dazulernen.

— Marc Grünewald, MAN Energy Solutions

Das muss sich rechnen. Weil es messbar und darstellbar ist. Bislang gibt es keine einheitliche Kostenrechnung für die CO2-Vermeidung. Es gibt Branchen, da sind wir schon so weit, beispielsweise in der Automobilindustrie. Deshalb investiert man dort in E-Mobilität. Wenn es das auch in anderen Industrien geben würde, dann wäre es auch viel leichter für Entwickler von Technologien wie Power-to-X.

Worauf kommt es an für Anlagen im MW-Maßstab? Sei es aus technischer Sicht, sei es aus regulatorischer Sicht in Deutschland.

Regulatorisch stehen wir am Anfang. Wenn man heute eine Anlage baut, müssen EEG-Zulagen und anderes bezahlt werden. Es sind noch viele Voraussetzungen zu schaffen, wenn man die CO2-Vermeidung ernst nimmt. Viele Regularien sind unter anderen Gesichtspunkten entstanden. Da muss die Politik sicherlich noch die eine oder andere Korrektur vornehmen. Erste Bestrebungen und Ideen Power-to-X betreffend gibt es ja bereits; aber wie gesagt, das ist alles noch in einem frühen Stadium.

Zum Beispiel?

Der Netzausbau ist noch nicht so weit, dass wir den gesamten regenerativen Strom verwenden können. Milliarden von Kilowattstunden passen, derzeit zumindest, nicht ins Netz.

Die könnte man stattdessen über Elektrolyse nutzen und Wasserstoff herstellen. Dieses CO2-freie Produkt kann in der Industrie eingesetzt werden. Der nächste Schritt ist die Methanisierung des Wasserstoffs. Dafür braucht es wieder CO2. Man kann es biogen gewinnen oder als graues CO2 aus industriellen Prozessen entnehmen.

Das heißt, es wird durch die Zugabe von H2 und CO2 zu CH4 im Methanisierungsreaktor umgewandelt. Dann hat man ein synthetisches Gas, das sich überall ins System einspeisen und quasi virtuell verrechnen lässt.

Sei es für die Wärmeerzeugung, sei es im Verkehr.

Richtig. Audi macht es in seinem Werk in Werlte ja bereits. Das Unternehmen wandelt Windstrom in synthetisches Gas um und nutzt es für die Mobilität der Gasfahrzeuge.

Dasselbe lässt sich im großen Stil denken für die Langstrecke mit Lkw oder für die Schiffsmobilität. Beide potenziellen Anwendungen haben den großen Vorteil, dass man an einer Stelle mit viel Überschussstrom eine Anlage bauen und ins Erdgasnetz einspeisen kann. Irgendwo in Deutschland oder der Welt kann es dann getankt und virtuell verrechnet werden.

Eines muss klar sein: Das Verkehrswesen kann nicht von heute auf morgen in ganz Deutschland auf E-Mobilität umgestellt werden. Das ist ein Langfristszenario. Also sollte man versuchen, die Millionen von Motoren im Bestand so grün wie möglich zu machen.

Kritiker bemängeln an der Power-to-X-Technologie vor allem den Wirkungsgrad.

Wir machen einen großen Fehler, wenn wir an dieser Stelle eine Diskussion über Wirkungsgrade führen. Das hatte ich gerade versucht klarzumachen. Es geht momentan in erster Linie darum, erneuerbaren Strom zu nutzen, den man sonst nicht nutzen kann. Die Elektrolyse ist heute technologisch noch am Anfang. Da reden wir über 60 bis 65 Prozent Wirkungsgrad. Irgendwann werden es 80 bis 85 Prozent sein. Heute hat Methangas nach der Umwandlung vielleicht noch 55 Prozent des ursprünglichen Energiegehaltes. Ganz klar, diesen Wirkungsgradverlust und diese Umwandlungsenergie muss ich einsetzen. Aber es geht hier nicht um Effizienz, sondern wir müssen über CO2-Vermeidung diskutieren.

Die Diskussion, die da immer wieder hochkommt über den Wirkungsgrad, ist irrelevant. Und mit Verlaub, sie ist auch falsch. Wenn man in der Lage wäre, durch Deutschland den erneuerbaren Strom überall hinzuleiten und bei allen Kunden unterzubringen, dann würden wir gar nicht über Power-to-X reden.

Sie erwähnten die Anlage bei Audi in Werlte. Die stammt von MAN und läuft seit 2013. Was für Erfahrungen haben Sie da gemacht? Und ist das aus Ihrer Sicht ein gelungenes Beispiel, was man ausbauen sollte?

Audi ist der Betreiber der Anlage und wir haben hierzu den Methanisierungsreaktor entwickelt und geliefert. Seitdem haben wir extrem positive Erfahrungen bei Betriebsführung und Verfügbarkeit der Anlage gemacht und haben die Zeit genutzt, um die Technologie weiterzuentwickeln.

Was heißt das genau?

Unter anderem konnten wir die Effizienz bereits deutlich steigern. Würden wir dieselbe Anlage, wie sie in Werlte steht, heute bauen, bräuchten wir viel weniger Platz, die Anlage wäre flexibler und auch die Investitionskosten viel geringer – und das alles bei einer gleichzeitig höheren Gasqualität. Sprich, wir haben die technologische Weiterentwicklung hier bereits vorangetrieben. Das wird noch weiter verstärkt werden, wenn wir eine solche Anlage dann im industriellen Maßstab bauen können.

Werlte liegt in Niedersachsen. In dem Bundesland ist jetzt der Bau von zwei Power-to-X-Anlagen mit je 100 MW im Gespräch. Treibende Kräfte sind Netzbetreiber von Strom- und Gasleitungen. Sehen Sie vor allem die Netzbetreiber als Zielgruppe?

Nicht nur, sondern auch die Industrie zum Beispiel. Das muss ja auch so sein. Das ist der große Vorteil der Power-to-X-Technologie, dass wir auch solche Kundengruppen mit Ideen, wie sie ihren CO2-Footprint reduzieren können, unterstützen.

Der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit in Industrie und Gewerbe ist inzwischen sehr deutlich ausgeprägt. Uniper verkaufte voriges Jahr nach eigenen Angaben zehn Millionen Herkunftsnachweise für Wasserkraftstrom. Doppelt so viele wie 2017. Abnehmer waren Industrie und Stadtwerke. Das heißt, das Interesse ist da.

Absolut.

Mit einer gewissen Inkubationszeit, man redet schon seit Jahren über Nachhaltigkeit, scheint das tatsächlich auch anzukommen in der Breite.

Ja. Ich nehme jetzt unser klassisches Beispiel. Immer mehr Schifffahrtbetreiber sagen, sie treiben ihr Schiff mit LNG und langfristig mit synthetischen Kraftstoffen klimaneutral an. Getreu dem Motto: Mein Schiff schmilzt keine Eisberge.

Das gilt nicht nur für den Gütertransport und Containerschiffe. Das Interesse der gesamten Bevölkerung geht immer mehr dahin, ihren Urlaub zum Beispiel auch möglichst klimafreundlich und klimaneutral zu gestalten.

Laut einer Studie der Dena im vorigen Jahr müssen die Fertigungskapazitäten für Elektrolyse in Deutschland massiv ausgebaut werden. Wie geht MAN dieses Thema an?

Sie können es so sehen: Wir haben unseren Namen von MAN Diesel und Turbo in MAN Energy Solutions geändert und uns das Ziel gesetzt, bis 2030 das Geschäft mit nachhaltigen Technologien und Lösungen zur zentralen Umsatzsäule unseres Unternehmens auszubauen. Das heißt, wir sind sicher, dass solche Technologien hier im Konzern einen signifikanten Beitrag leisten werden. Gerade am Beispiel Power-to-X wird deutlich, dass wir hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

Wir investieren aktuell massiv in die Forschung und Entwicklung solcher Lösungen und das betrifft die gesamte Wertschöpfungskette, also auch die Elektrolyse. Wir haben nun einen Standard für eine 50-MW-Komplettlösung entwickelt, damit wir nicht Zeit verlieren und schnell sind, wenn die ersten Projekte kommen. hd

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 5 bis 29