Mit dem Rücken zur Wand

Markt

Wettbewerb Chinas Solarindustrie baut gewaltige Kapazitäten und technologisches Know-how auf. Europäische Hersteller könnten ins technologische Hintertreffen geraten.

29. Januar 2010

Baoding ist eine von den mehr als 150 Millionenstädten in China, von denen die meisten Europäer noch nie etwas gehört haben. Die Stadt liegt zwei Autostunden südlich der Hauptstadt Beijing.

Baoding entwickelt sich seit einigen Jahren zu einem Zentrum der chinesischen Erneuerbare-Energien-Branche. Wesentlichen Anteil daran hat Yingli Solar. Wer sich von Norden der Stadt nähert, bemerkt noch vor den ersten Häusern auf der linken Seite den großen Yingli-Fabrikkomplex. Kurz darauf folgt ein 20-geschossiges Luxushotel.

Das Hotel gehört Liansheng Miao, Gründer und CEO von Yingli Solar und mutmaßlich einer der reichsten Männer Chinas. Gefragt nach seinem Erfolgsrezept, erklärt Miao: »Wir sind das erste chinesische Solarunternehmen, das vertikal integriert ist. Dadurch haben wir den Zugriff auf die gesamte Prozesskette und können sie selbst optimieren.«

Vertikal integriert, das heißt: Yingli produziert auf allen Wertschöpfungsstufen der Photovoltaik (PV) – vom Siliziumblock, Ingot genannt, über Wafer und Solarzellen bis zum fertigen Solarmodul.

Ende 2009 gliederte das Unternehmen mit der eigenen Fertigung von Polysilizium auch den fehlenden ersten Schritt der PV-Prozesskette ein. Die Entwicklung des Produktionsprozesses hatte es in die Hände von Sanjeev Lahoti vom Technologieunternehmen Virasa Technologies gelegt.

Heraus kam ein Prozess, der an das herkömmliche Siemens-Verfahren der Abscheidung aus der Silan-Gasphase anknüpft, aber »thermisch optimiert« sei, berichtet Lahoti. Mit rund 60kWh/kg Polysilizium sei der von ihm entwickelte Weg halb so energieaufwendig wie sonst üblich. Entscheidend sei hier das Recyceln des Prozessgases. »Daran scheitern bisher die meisten«, sagt Lahoti, »wir nicht. Wir gewinnen etwa 80 Prozent zurück.«

Yingli will in der neuen Fabrik 3.000t Solarsilizium herstellen, genug für rund 400MW Zellen. Das würde allerdings noch nicht den eigenen Verbrauch decken, denn die Anfang 2010 verfügbare Zellenfertigungskapazität ist 600MW – ein weiterer Ausbau steht ganz oben auf der Agenda.

Vor so einer Perspektive fürchten sich nicht wenige europäische Wettbewerber. Frank Asbeck ist Gründer und Vorstandssprecher der Solarworld AG. Sogar er, sonst nicht für eine kleinmütige Haltung bekannt, forderte jüngst indirekt Handelsbeschränkungen. Europäische Sozial- und Umweltstandards müssten auch für chinesische Solar-Unternehmen gelten: »Davon muss die Gewährung der Einspeisevergütung in Deutschland abhängig gemacht werden.«

Hinter der Forderung steckt nicht nur eine menschen- und umweltfreundliche Haltung, sondern auch Sorge über den sich verschärfenden globalen Wettbewerb. Nachdem die Preise für Solarmodule 2009 um rund 40% gefallen sind, stehen nicht wenige europäische PV-Unternehmen mit dem Rücken zur Wand.

Chinas Unternehmen sind von den Preisabschlägen weniger stark betroffen. Sie haben seit Jahren ein Kostenniveau, das je nach Fabrikat zwischen 15 bis 30% unter dem der europäischen Konkurrenz liegt. Die Gründe für die geringeren Kosten sind vielfältig. Die von Miao erwähnte vertikale Integration ist sicherlich ein Faktor, jedoch ist dieses Geschäftsmodell auch unter europäischen PV-Unternehmen verbreitet.

Vorsprung in der Produktion

Einen eher schwachen Erklärungsansatz liefern die Personalkosten. Yingli zahlt 200 bis 300€ monatlich für einen Operateur in der Produktionslinie für chinesische Arbeitsverhältnisse einen Spitzenlohn. Die Personalkosten machen aber, über die gesamte Wertschöpfungskette ermittelt, nach Unternehmensangaben nur 6% aus. Das ist auch für europäische Verhältnisse ein Spitzenwert.

Das günstige Kostenniveau dürfte mehr mit geringen Finanzierungskosten, niedrigen Grundstücks- und Energiepreisen zu tun haben – eine Mutmaßung, die unbelegt bleiben muss.

Chinesische Gesprächspartner werden bei diesem Thema schmallippig und verweisen auf die hohen Subventionen, die die PV-Industrie in Ostdeutschland bekommt. »Solche Sonderkonditionen erhält die chinesische Solarwirtschaft nicht«, behauptet Baodings Verwaltungsdirektor Ma Xuelu.

Den Hauptgrund für die niedrigen Produktionskosten müssen europäische Wettbewerber fürchten: die kostenoptimierte Produktionstechnik. Ein Gang durch die Yingli-Fabrikhallen belegt ein hohes technisches Niveau der Anlagen: Roth & Rau, Meyer Burger, Centrotherm, Baccini, Tempress – hier versammelt sich die Crème der PV-Equipmentlieferanten mit ihren neuesten Produkten.

Dazu kommt eine rigorose Orientierung auf Kostenoptimierung. »Das Potenzial für Kostenreduzierungen liegt einzig und allein im Equipment, das ständig auf dem neuesten Stand ist, sowie in der ständigen Verbesserung der technischen Prozesse in der Fabrik«, sagt Miao.

Hier spricht nicht nur der PR-Profi. Europäische Kunden wie Mathias Esse, Einkaufsleiter beim deutschen PV-Systemintegrator Krannich Solar, sehen es ähnlich: »Die großen chinesischen Unternehmen haben von Anfang an auf Kostenreduzierung gesetzt und jetzt einen Vorsprung von drei Jahren. Die Preisvorteile entstehen aus diesem Vorsprung in der Produktionstechnik.«

Beispiel Waferfertigung: Bereits seit zwei Jahren verarbeitet Yingli 180µm dünne Wafer und ist so den meisten Produzenten einen Schritt voraus. Die Wafer werden, wie weltweit üblich, mit Drahtsägen aus dem zerteilten Ingot gesägt.

China baut Marktanteil aus

Die Sägen arbeiten mit einem Hunderte Kilometer langen Draht und einem gewaltigen Einsatz von ›Slurry‹, einer Mischung aus Glykol und Siliziumkarbid-Körnern, die die harten Siliziumblöcke eher durchschleift als sägt. Der Prozess ist teuer und dreckig. Bereits 2010 will Yingli diamantbesetzte Drähte einsetzen – neueste Technologie aus der Schweiz.

Immer noch – und oft zu Recht – haben chinesische PV-Produkte ein Imageproblem: geringer Preis geringe Qualität. Große Anbieter wie Yingli oder Suntech sind aber dabei, diese Probleme hinter sich zu lassen. Die Berliner Zeitung bekam vor einiger Zeit eine nichtöffentliche Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zugespielt, in der Analysten hinsichtlich der europäischen Standorte der Photovoltaikindustrie ein düsteres Bild malten. Die LBBW-Experten erwarten, dass die chinesischen Firmen ihren Marktanteil schnell ausbauen. Wer in Europa überleben wolle, müsse seine Produktivität erheblich steigern.

Jörn Iken

PREISENTWICKLUNG

PV-Anlagen 2009 um 20% günstiger

Der Preis für eine schlüsselfertige Photovoltaik-Anlage ist im Jahr 2009 um durchschnittlich 20% gegenüber dem Vorjahr gesunken. Dies ergab eine Studie der Meine Solar. Sie führte dazu eine bundesweite Online-Umfrage unter 500 Probanden durch, die ihre Anlagen 2009 in Betrieb genommen hatten.

Lag der Durchschnittspreis bundesweit im Jahr 2008 noch bei 4.300€/kWp, sank er 2009 auf 3.450€/kWp. Laut Studie dürften so die Durchschnittspreise 2010 aufgrund des aktuellen EEG zwischen 3.000 und 3.150€/kWp liegen.

Der größte Teil der Solarmodule stammt mit fast 60% aus Deutschland, rund 36% aus Fernost und rund 5% aus anderen Ländern.

Erschienen in Ausgabe: 01/2010