Mit Fingerspitzengefühl in die Oper

Markt

Contracting - Ihren Umsatz will die MVV Energiedienstleistungen in fünf Jahren auf 600 Mio. € verdoppeln. Wichtigster Markt ist Berlin, darunter auch die Deutsche Oper.

08. Mai 2009

Seit dem Jahr 2000 mit Contracting-Lösungen in der Bundeshauptstadt vertreten, haben die Mannheimer so manche Referenz vorzuweisen: den Berliner Biotechpark etwa, das Jugend- und Freizeitzentrum FEZ oder auch einen Pool von rund 30 Schulen. Renommee verspricht vor allem ihr jüngstes Projekt, die Deutsche Oper. Im letzten halben Jahr wurden Belüftung, Heizung und Beleuchtung modernisiert, die jährlichen Energiekosten um mindestens 233.000 € gesenkt. Die garantierte Einsparung während der zwölf Jahre Vertragslaufzeit liegt bei 35,8 %. Gut 1,6 Mio. € wurden in die energetische Sanierung investiert, davon zwei Drittel von der Oper selbst.

»Hier war Fingerspitzengefühl gefragt«, erklärt Winfried Haas, Leiter Projektentwicklung bei MVV Energiedienstleistungen, Berlin. So sei im Probensaal für das Orchester auf die richtige Luftfeuchte zu achten, im Ballettsaal eine andere Raumtemperatur gefragt als etwa in der Verwaltung oder in den Werkstätten. Und der Luftaustausch im Opernsaal müsse so vonstattengehen, dass der Zuschauer davon nichts mitbekommt. Um möglichst bedarfsgerecht zu heizen, wurden die ursprünglichen zwei durch zehn Heizungsregelkreise ersetzt. Alle 1.100 Heizkörper lassen sich inzwischen hydraulisch einregulieren. Dadurch konnten die neuen drehzahlgeregelten Heizungspumpen deutlich kleiner ausfallen. Zudem ließ sich die Fernwärme-Anschlussleistung verringern, auch dank außentemperaturabhängiger Vorregelung.

Öffentliche Hand als Kunde

»Wer die Deutsche Oper im Einspar-Contracting hinbekommt, schafft auch jedes andere Projekt«, meint Michael Lowak. Der Geschäftsführer der MVV Energiedienstleistungen möchte den Umsatz in den nächsten fünf Jahren verdoppeln – bundesweit auf 600 Mio. €, in Berlin auf 120 Mio. €. Zu den wichtigsten Kunden zählt die öffentliche Hand. Allein in Berlin haben die Mannheimer bereits viermal den Zuschlag erhalten. Die Deutsche Oper wird diesen Sommer erneut auf der Vergabeliste stehen: Mit Geldern aus dem ersten Konjunkturpaket sollen größere Sanierungsmaßnahmen angeschoben werden, die durch Contracting allein nicht refinanzierbar wären. Erst ein Baukostenzuschuss ermöglichte auch ein weiteres Referenzprojekt der Mannheimer in Berlin.

Auf einem Versuchsgut des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) wurde die Wärmeversorgung von Erdgas auf Holzhackschnitzel umgestellt. Die Energiekosten sinken dadurch und dank weiterer Einsparmaßnahmen um 25 %. Ohne den Bundeszuschuss, der die Hälfte der Investitionskosten von 145.000 € deckt, wäre das Projekt wohl nicht in Gang gekommen. Denn die jährlichen Energiekosten von nur knapp 150.000 € bieten eine zu niedrige ›Baseline‹, um wirtschaftlich investieren zu können, wie Projektleiter Clemens Daase erläutert. Für MVV, am Ende der einzige Bieter, ist BfR eine gute Referenz, weil man es trotz Widrigkeiten angepackt hat – so musste das Hackschnitzelheizwerk aus Denkmalschutzgründen unter die Erde verlegt werden.

Gerade das Konjunkturpaket scheint wie gemacht für Kontraktoren. Kommunen erhalten daraus bis 2010 mittel- und langfristige Darlehen von insgesamt bis zu 3 Mrd. € für die Infrastruktur. Weitere 10 Mrd. € stehen im Konjunkturpaket II bereit. Der Multiplikator Contracting würde das mögliche Investitionsvolumen in öffentlichen Gebäuden verdreifachen, rechnet der Verband für Wärmelieferung. Zusätzlich bringen die Konjunkturbeschlüsse Erleichterungen im Vergaberecht. Stefan Scherz, Geschäftsführer der MVV Energiedienstleistungen, verspricht sich davon »kürzere Fristen und ein schnelleres Vorankommen«.

Gute Geschäftschancen sieht die Berliner MVV-Filiale auch in der Immobilienwirtschaft. Zum 1. Oktober soll die Wärmecontracting-Tochter der Berliner GSW Immobilien übernommen werden. Bisher hält die MVV 51 % der Anteile und versorgt bereits über 100.000 Wohneinheiten. Bis zu 20 % Effizienzsteigerung ließen sich im Gebäudebereich erzielen, schätzt Lowak. Der Contracting-Branche biete die Wohnungswirtschaft laut einer Prognos-Studie ein kurzfristig realisierbares Marktpotenzial von rund 2 Mrd. €, das sich bei geeigneten Rahmenbedingungen sogar auf bis sechs Milliarden ausweiten ließe.

Die Politik, so Lowak, bekäme damit ein Konjunkturprogramm zum Nulltarif – stünde dem die Mietgesetzgebung nicht ein Stück weit im Wege. Vor allem ältere Mietverträge erschweren die Auftragsvergabe an Energiedienstleister. Einzelne Mieter können die Contracting-Lösung blockieren. Frei zugänglich sei daher nur etwa ein Drittel des Wohnungsbestandes, rechnet Lowak. Nötig wären Spielregeln, die für alle Mietverträge gelten. »Letztlich profitiert ja auch der Mieter von den geringeren Nebenkosten.« Die Chancen für eine Neuregelung noch vor der Bundestagswahl hält Lowak allerdings für gering.

Erschienen in Ausgabe: 05/2009