Mit Hochdruck für die Versorgungssicherheit

Projekt der Superlative: Multiple fracs auf Söhlingen Z15

Auf der Erdgas-Bohrlokation Söhlingen Z15 bei Hemslingen in der Lüneburger Heide geht es hoch her. Mit Tiefladern werden mächtige Hochleistungspumpen und merkwürdige Gerätschaften angefahren und vor dem Bohrlochkopf in Stellung gebracht. Ganz offensichtlich hat man hier etwas Großes vor...

01. August 2003

Für die Einwohner in Söhlingen sind Erdgasbohrungen nichts Ungewöhnliches. Schon vor über 20 Jahren zogen die seismischen Messtrupps der BEB Erdgas und Erdöl GmbH durch die Lüneburger Heide und lieferten den Geologen die Grundlage für einen tiefen Blick durch die Erdschichten. In Tiefen von teilweise über 5.000 m entdeckten die Erdwissenschaftler in den Gesteinsschichten des Rotliegenden verheißungsvolle Strukturen, die sich tatsächlich als ergiebige Erdgaslagerstätten herausstellten.

Inzwischen haben die BEB und ihre Konsortialpartner den Großraum mit zahlreichen Bohrungen erschlossen. Die Erdgasförderung aus der Lüneburger Heide trägt inzwischen zu etwa 40 % zur gesamten deutschen Gasproduktion bei, die mit jährlich 20 Mrd. m³ etwa ein Fünftel des deutschen Bedarfs deckt.

Einige der Tiefbohrungen haben zwar Erdgas nachgewiesen, aber die Zuflussraten sind wegen zu geringer Porosität und Durchlässigkeit der Speichergesteine für eine wirtschaftliche Erdgasförderung nicht ausreichend. Um die Gasreserven aus solchen Lagerstätten dennoch nutzbar zu machen, haben Bohringenieure die Technik der abgelenkten Bohrung entwickelt. Dabei wird zuerst ganz konventionell senkrecht in die Tiefe gebohrt, dann aber aus der Vertikalen abgelenkt, bis das Erdgas führende Gestein unter einem flachen Winkel angebohrt wird. Damit schließt man eine ungleich längere Strecke in diesem Bereich auf und das Gas kann auf eine wesentlich längere Distanz in das Bohrloch strömen. Die damit erreichte Erhöhung der Produktionsrate kann die Förderung aus einer solchen Lagerstätte wirtschaftlich machen und damit die gewinnbaren Reserven in Deutschland vergrößern.

Leider werden auch mit dieser Methode nicht immer die erhofften Resultate erzielt. In hartnäckigen Fällen, in denen sich das Gas gar nicht aus seiner Lagerstätte herausbewegen will, wenden Erdgasgesellschaften einen weiteren Trick an. „Multiple fracs“ heißt das Zauberwort, das die bislang nicht produzierbaren Gasreserven in Norddeutschland erschließen soll. Dabei wird unter hohem Druck (etwa 600 bar) eine hydraulische Flüssigkeit in das mit Stahlrohren ausgekleidete Bohrloch gepumpt. In der Lagerstätte trifft diese Flüssigkeit auf das ungeschützte Gestein. Weil der Druck der Flüssigkeit durch das Eigengewicht steigt, ist er in der Tiefe mit etwa 1.100 bar erheblich höher als der Gesteinsdruck. Es entstehen Risse im Lagerstättengestein. Um zu verhindern, dass sich diese Risse bei Reduzieren des Drucks wieder schließen, wird gleichzeitig ein druckfester Sand in die sich öffnenden Risse gepumpt. Dieses so genannte Stützmittel hält damit die Wegsamkeiten für das Gas frei. Das Aufreißen des Lagerstättengesteins kann nun mehrfach in einer Horizontalbohrstrecke angewandt werden und führt zu einer erheblichen Vergrößerung des „Einzugsbereichs“ des Erdgases.

In Söhlingen Z15 steckt das Erdgas in dichten Dethlingen-Sandsteinen der Rotliegend-Formation. Porosität und Durchlässigkeit dieses Sandsteins, der in einer Tiefe von fast 4.800 m unter der Heidelandschaft liegt, ist um einiges schlechter als die von Beton. Doch in dieser Tiefe herrschen hohe Drücke von fast 600 bar. Dieser Druck muss erst einmal überwunden werden, wenn in der 1 km langen Horizontalbohrstrecke nacheinander an fünf Stellen das Gestein geklüftet werden soll. Einschließlich der Horizontalbohrstrecke, die sogar wieder mit 2° nach oben geführt wurde, hat die Bohrung eine Länge von 6.085 m erreicht.

Mit der Einbindung der ExxonMobil Production Deutschland GmbH als technischem Operator und dem Know-how der ExxonMobil als Shareholder und weltgrößtem Erdölkonzern baut die BEB ihre einzigartige Stellung auf dem deutschen Gasmarkt weiter aus. Damit ist sichergestellt, dass alle Arbeiten unter dem Schirm einer hoch entwickelten Sicherheitsphilosophie durchgeführt werden. Die modernen Techniken verursachen aber auch enorme Kosten. Dennoch wagt die BEB den Einsatz, um die gewinnbaren deutschen Erdgasreserven möglichst hoch zu halten. BEB vermutet in so genannten „Tight gas“-Lagerstätten Erdgasreserven von 150 Mrd. m³. Wenn es gelingt, diese Reserven zu erschließen, verlängert sich die Reichweite der deutschen Erdgasvorräte ganz erheblich.

Für die BEB machen die enormen Investitionen Sinn, denn das hannoversche Erdgasunternehmen deckt fast die Hälfte seines Aufkommens durch die Förderung aus eigenen Lagerstätten in Deutschland. Die Kontrolle dieser Vorkommen und die Produktion aus Lagerstätten, die quasi vor der Haustür liegen, sind große Pluspunkte, die sich in der Versorgungssicherheit niederschlagen. Und die wird durch eine Infrastruktur mit dem Betrieb eines eigenen, 3.000 km langen Hochdruck-Transportleitungssystems, von Erdgasaufbereitungsanlagen sowie von strategisch günstig gelegenen Erdgasuntergrundspeichern maßgeblich gestützt.

Energiemärkte im Visier der Politik

BEB-Geschäftsführer Hartmut Putze zu aktuellen Entwicklungen

Liberalisierung ist das Stichwort, Wettbewerb das Programm. Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Europäische Kommission intensiv mit der Umgestaltung der Gas- und Strommärkte in Europa. Ergebnis der Arbeit ist eine Vielzahl von Richtlinien, Gesetzen und Verordnungen. Diese sollten allerdings den Besonderheiten und Rahmenbedingungen der Marktstrukturen aller Mitgliedsländer der EU Rechnung tragen. Der so genannte „deutsche Weg“ ist bei der Umsetzung der EU-Vorgaben oftmals in die Kritik geraten. Energie Spektrum befragte BEB-Geschäftsführer Hartmut Putze zu seiner Meinung.

ES: Herr Putze, vielfach wird seitens der Politik Kritik an den etablierten deutschen Energieunternehmen und dem Wettbewerbsniveau geäußert. Ist diese berechtigt?

Putze: Diese Kritik läuft oft ins Leere. Nehmen Sie das Beispiel der BEB. Wir haben seit Juni 2000 neben dem Unbundling of Accounts auch ein Management Unbundling eingeführt. Letzteres garantiert die diskriminierungsfreie Behandlung von externen Transportkunden und hat sich in der Praxis bestens bewährt. Dass der Wettbewerb funktioniert, belegt die Entwicklung der abgeschlossenen Transportverträge, die sich bei BEB in 2002 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt haben. Allein im März dieses Jahres haben wir sieben Transportverträge abgeschlossen. Obwohl BEB im Markt hervorragend positioniert ist, haben wir auch Mengen an Wettbewerber verloren. Der Wettbewerb in Deutschland funktioniert - und dies durchaus besser als in anderen Ländern der EU! Als attraktiver Anbieter wird BEB von einem liberalisierten Markt insgesamt profitieren.

ES: Wie sollte der Wettbewerb nach Ihrer Ansicht organisiert sein?

Putze: Um es kurz zu machen. Ich setzte schlicht auf den Markt. Der Markt wird das richtige Wettbewerbsniveau einstellen. Daher unterstützen nach wie vor den Gedanken der Verbändevereinbarung, eines verhandelten Netzzugangs. Viele Beispiele in der Geschichte zeigen, dass dirigistische Eingriffe in die Wirtschaft und ein übertriebenes Maß an Regulierung zu Fehlallokationen führen. Wenn die Betreiber der Infrastruktur nicht genügend Anreize haben, ihre Systeme zu erweitern und in technisch einwandfreiem Zustand zu erhalten, wird die Erdgasversorgung in Deutschland mittel- und langfristig leiden. Daher kann man meine Position kurz und knapp zusammenfassen: Ein „ja“ zum Wettbewerb, wenn er marktgesteuert ist. Ein klares „nein“ zu staatlichen Eingriffen, wenn sie übertrieben oder nicht notwendig sind.

ES: Was halten Sie von dem Vorschlag der EU-Kommission, eine Richtlinie zur Versorgungssicherheit aufzustellen?

Putze: Den Richtlinienvorschlag halte ich für unvernünftig. Obwohl Brüssel die Leistungsfähigkeit des in Deutschland praktizierten marktwirtschaftlichen Systems ausdrücklich anerkannt hat, sieht der Vorschlag vor, die Versorgungssicherheit europaweit durch dirigistische Eingriffe zu regulieren. Damit wird nicht nur in das grundrechtlich geschützte Eigentum der Energiedienstleistungsunternehmen eingegriffen, die Richtlinie ist zudem wirtschaftlich schädlich. Die Forderung der Kommission nach einer Quasi-Sozialisierung von Vorsorgemaßnahmen - zum Beispiel der Freigabe von kommerziell gebundenen Speichermengen im Falle einer Versorgungskrise in anderen Mitgliedsstaaten - kämen einer Enteignung gleich. Zudem birgt sie die Gefahr, dass die derzeitigen Anstrengungen der Unternehmen zur Stärkung der Versorgungssicherheit auf ein Mindestmaß zurückgeführt werden, um wirtschaftliche Nachteile gegenüber Trittbrettfahrern auszuschließen. Versorgungssicherheit kostet nun mal Geld.