»Mit offener Basis wird das vernetzte Haus ein Erfolg«

Menschen

Smart Metering Den anstehenden Strukturwandel meistert die Energiewirtschaft nur mit IT- und Kommunikationstechnik, sagt Gabriele Riedmann de Trinidad, Leiterin des Konzerngeschäftsfelds Energie, Deutsche Telekom.

29. November 2011

Beim Start des neuen Geschäftsfelds letztes Jahr stellten Sie klar, Sie verkaufen keinen Strom. Was versprechen Sie sich davon, nur IT-Services zu bieten?

Durch die Digitalisierung entstehen im Energiemarkt viele neue Prozesse und Geschäftsmodelle, bei denen genau unsere Kernkompetenzen gefragt sind. IT ist der Schlüssel für den bevorstehenden Strukturwandel. Wechselprozesse oder Verbrauchsdatenerfassung machen dies deutlich: Statt einem Wert pro Jahr und Vertragskunde verarbeiten Energieversorger künftig rund 35.000 Datensätze, die einerseits für die monatliche Stromabrechnung dienen, andererseits aber auch Datengrundlage für das Lastmanagement darstellen. Versorger brauchen daher leistungsfähige IT- und Kommunikationssysteme, um diese Daten zu übertragen und zu verarbeiten.

Wie sieht Ihr Angebot konkret aus?

Für Versorger ist es in der Regel zu aufwendig, selbst ein neues IT-System zu entwickeln und zu betreiben. Die wenigsten Anbieter zählen diese Aufgabe zu ihrer Kernkompetenz. Hier haben wir ein Cloud-Angebot für die SAP-Branchenlösung Energiewirtschaft entwickelt. Energieversorger, Wohnungswirtschaft und MSB können Hard- und Software zum monatlichen Festpreis pro Zähler mieten – inklusive der SAP-Lizenzen. Die Lösung deckt alle wichtigen Aufgaben ab – vom Energiedaten-Management und der Abrechnung über die Marktkommunikation beim Kundenwechsel bis zur halbjährlichen Aktualisierung gemäß den Anforderungen der Bundesnetzagentur.

In der Modellstadt T-City Friedrichshafen testet die Telekom bereits viele Lösungen. Was sind Ihre Erfahrungen?

Wir haben dort unter anderem zwei Stadtteile flächendeckend mit Smart Meter versorgt. Die Verbraucher können nun sehen, wie viel Energie sie wirklich verbrauchen. Nur so können Konsumenten anfangen, Strom zu sparen – und genau das tun sie: Stromfresser wie alte Gefriertruhen und -schränke oder Trockner werden durch stromsparende Geräte ersetzt. Verhalten wird geändert. Eine Auswertung ergab, dass die Bewohner mit Smart Metering derzeit knapp vier Prozent ihrer Stromkosten sparen. Das hört sich nach wenig an. Hochgerechnet auf die Bundesrepublik sind das aber immerhin 4,5 Milliarden Kilowattstunden oder zwei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Bei Gewerbetreibenden liegen die Einsparmöglichkeiten weit darüber.

Wollen Sie Smart Metering daher verstärkt im gewerblichen Bereich anbieten?

Nach der EnWG-Novelle vom Juni müssen alle Verbraucher mit einem jährlichen Bedarf von mehr als 6.000kWh in Zukunft Smart Metering betreiben. Darunter fallen bereits kleinere Betriebe wie Bäcker, Metzger, Zahnärzte oder Tankstellenbetreiber, die dann gezielt Energie sparen können. Wir rechnen mit einem Einsparpotenzial von rund 25 Prozent. Die angestrebte Energieeffizienzquote der EU von 20 Prozent ist durchaus zu erreichen, wenn wir alle Möglichkeiten ausschöpfen. Das Gute daran: wer 25 Prozent Energie einspart, senkt gleichzeitig auch seine Kosten. Auf diese Zielgruppe werden wir daher ebenfalls zugehen.

Aber auch bei Endverbrauchern sehen wir noch weitere Möglichkeiten. Zum Beispiel mit der Heimsteuerung. Damit können Verbraucher nicht nur Strom, sondern auch ihre Heizung oder die Alarmanlage steuern.

Die Deutsche Telekom hat für die Heimsteuerung bereits ein eigenes Produkt vorgestellt. Machen Sie jetzt RWE Konkurrenz?

Die Smart Connect Box ist eine offene Plattform – auch für RWE und viele andere Unternehmen. Zusammen mit E.ON, EnBW, eQ-3 und Miele entwickeln wir bereits Standards für diese Plattform. Unser Ziel ist, möglichst viele Partner dafür zu gewinnen. Denn das vernetzte Haus wird nur ein Erfolg, wenn wir Insellösungen umschiffen. Smart Connect ist für uns der Schlüssel, um Verbraucher spielerisch an das Thema Energiemanagement heranzuführen und deutlich zu machen: Energieeffizienz geht uns alle an. Die Plattform wird voraussichtlich ab Mitte 2012 erhältlich sein und unabhängig vom Telekommunikationsanbieter an jedem Breitbandanschluss funktionieren. 2020 könnte die Hälfte aller deutschen Haushalte mit einer solchen Anwendung ausgestattet sein.

Frank Griesel

Vita

Gabriele Riedmann de Trinidad

Die Elektrotechnikerin (M.A.) organisierte von 1992 bis 2008 für Siemens und Nokia Siemens Networks im Ausland viele Projekte im Bereich Telekommunikationsnetze.

•Als Senior Vice President bei Landis+Gyr kümmerte sie sich ab 2008 um den Bereich Advanced-Metering-Projekte in Europa, im Nahen Osten sowie in Afrika.

•Seit August 2010 leitet sie bei der Deutschen Telekom das Konzerngeschäftsfeld Energie.

Erschienen in Ausgabe: 10/2011