Mit Verstand und Verantwortung

Samir Brikho, Chef der Alstom Power Generation AG, im Portrait

Ihn schlicht als Manager zu bezeichnen, würde seiner Art nicht gerecht: Samir Brikho lenkt die Alstom Power Generation AG, Mannheim, mit starker Hand und Verantwortungsgefühl zugleich. Zudem führt er als stellvertretender Chef des Dampfturbinen-Segments die Kraftwerksaktivitäten der ehemaligen Wettbewerber ABB und Alstom in diesem Bereich zusammen.

04. Februar 2002

Ganz leger sitzt Samir Brikho am Besprechungstisch: Den steifen Kragen hat er an diesem heißen Sommertag gegen ein modisches Shirt getauscht. Nach mehreren Tagen Auslandsaufenthalt macht er Pause von Binder und Anzug. Vor ihm steht eine Tasse und eine Porzellankanne, durch deren Tülle die Dampfschwaden des grünen Tees dringen, den der Vorstandsvorsitzende der Alstom Power Generation AG so liebt.

Brikho wirkt konzentriert: Wenn er spricht, formuliert er überlegt, kommt schnell auf den Punkt und wiederholt sich nicht. Beispielsweise den gestuften Übergang der Kraftwerksaktivitäten von ABB und Alstom in Alstom Power argumentiert er knapp und präzise: „Rechtlich gesehen haben die beiden Kraftwerkssegmente von ABB und Alstom mit der Gründung von ABB Alstom Power sofort zusammen gehört. Dieser Name erleichterte uns die Argumentation gegenüber den Kunden, denn beide Kundenkreise - von ABB und von Alstom - fanden sich in dem neuen Logo wieder.“

Über Jahre hinweg haben die Kunden eine Beziehung zu den Anlagenbauern aufgebaut. Und dieses Vertrauen sollten sie auch in die neue Gesellschaft setzen, denn „unsere Kunden kaufen nicht irgendein Produkt, sie kaufen eine komplette Lösung“, sagt Brikho. Schließlich handele es sich bei den Kraftwerksprojekten um komplexe Gebilde. Immer wieder könne etwas dazwischen kommen, ein Projekt außerplanmäßig verlaufen. „Dann brauchen die Kunden die Gewissheit, dass ein starker Partner an ihrer Seite steht, der diese Situation meistert.“

Ohnehin spiele die emotionale Ebene ein starke Rolle, versichert der gebürtige Libanese: „Deutsche und Schweizer stehen für hochwertige Technik“, sagt der ehemalige ABB-Mann. Mit der Übernahme aller ABB-Anteile am Gemeinschaftsunternehmen durch Alstom Anfang dieses Jahres ist nun ein weiterer Integrationsprozess angelaufen. Aus ABB Alstom Power wurde Alstom Power, einer von fünf Sektoren des französischen Energie- und Verkehrsunternehmens. „Nun sind wir eine Gesellschaft, die viele Aktivitäten in Frankreich konzentriert. Also müssen wir unseren Kunden klar machen, dass wir keine rein französische Firma sind, dass sie nach wie vor die selbe Qualität von uns erwarten dürfen und dass auch in Zukunft an den traditionsreichen Standorten gefertigt wird“, sagt Brikho. Nicht ohne Stolz verweist er auf die Bedeutung des Mannheimer Standorts: „Für Dampfturbogruppen bildet Mannheim die weltweit führende Einheit. Und auch die Fertigung hat einen guten Ruf für Gasturbinen und die standardisierten Dampfturbogruppen.“

Genau genommen bekäme der Kunde sogar mehr als früher, meint Brikho. „Jetzt sind ABB und Alstom zu einem kräftigen Körper mit zwei Gehirnen verschmolzen, denn beide Unternehmen hatten in der Vergangenheit verschiedene technische Ansätze verfolgt. Nun sind die unterschiedlichen Verfahren unter einem Dach vereint und wir können aus einem Haus verschiedene Techniken bedienen, was Betrieb, Service und Modernisierung angeht“, nennt Brikho die Vorzüge des Zusammenschlusses.

In gewisser Weise passt das Bild mit den zwei Gehirnen auch auf Brikho selbst: Einerseits denkt er sehr betriebswirtschaftlich, andererseits signalisiert er Verantwortungsbewusstsein. Wie der Energiehunger in kommenden Jahrzehnten zu stillen ist und was wir unserer Umwelt zumuten können, sind für ihn wichtige Fragen bei der Ausrichtung des Unternehmens. „Schließlich verbrennen wir heute Erdgas, auf das die übernächste Generation wegen Knappheit vielleicht schon verzichten muss.“ Deswegen sei es nicht nur eine ökonomische Frage, wie hoch der Brennstoffnutzungsgrad eines Kraftwerks sei.

Zum Beispiel in den USA werde vielfach Energie vernichtet, denn etwa die Hälfte der Kraftwerke ist 25 Jahre und älter. „Hier könnten moderne Techniken den Brennstoffeinsatz deutlich reduzieren“, sagt Brikho. Zwar gehe das Geschäft gut - Gasturbinen- und Kombikraftwerke erfreuen sich einer großen Nachfrage - doch nicht die wichtigen Industrienationen stellen die wesentlichen Absatzmärkte dar. Vielmehr „geht& pos;s in Osteuropa richtig busy zu“, stellt Brikho klar. Auch Spanien und Griechenland wären attraktive Märkte, die noch an Bedeutung gewinnen werden. Und der liberalisierte Energiemarkt in Deutschland? „Die Kunden warten mit Investitionen vorerst noch ab. Ausgaben für effektive Mittellast- und Spitzenlastkraftwerke oder Gasturbinenanlagen werden zurückgestellt.“

Nicht allein die fossilen Energieträger gelte es sinnvoll einzusetzen, meint der Vorstandsvorsitzende. „Ich denke, einiges Potenzial steckt noch in den regenerativen Energieträgern und der Kraft-Wärme- Kopplung. Nur mit ihnen sind die Klimaschutzziele zu erreichen.“

Ressourcenschonende Techniken sind gefragt

Auch in anderen Regionen werde die dezentrale Energieversorgung eine wichtige Rolle spielen. Beispielsweise könne es nicht angehen, dass in Indien fast nur Dieselkraftwerke gebaut würden. Für Länder wie Indien oder China wären effektive und ressourcenschonende Techniken nötig. „Deswegen sehe ich Forschung und Entwicklung als eine wichtige Aufgabe unseres Unternehmens an. Rund drei bis vier Prozent unseres Umsatzes investieren wir weltweit in F&E-Aktivitäten, um Lösungen für eine nachhaltige Energieerzeugung zu finden.“ (du)

Erschienen in Ausgabe: 09/2000