Mittelfristig wenig Chancen für LNG

STUDIE - Gute Potenziale für Erdgasspeicherung und Handelsplätze, dagegen kein Durchbruch bei Flüssiggas, so schätzen Experten die Perspektiven des Gashandels in Deutschland ein.

21. Februar 2006

Mit dem Inkrafttreten der EnWG-Novelle im Juli 2005 erfolgte die Einführung eines neuen regulierten Gasnetzzugangssystems (Entry-Exit). Die eingeleiteten Verfahren zur Überprüfung der Preisgestaltung des Bundeskartellamtes gegen Gasversorger werden zudem neue Impulse zu einer strukturierten Beschaffung setzen. Unter anderem mit Hilfe einer umfangreichen Befragung von rund 100 Experten untersucht die aktuelle Studie ‚Gashandel 2007, Perspektiven in Gasbeschaffung, -speicherung und -transport’ des Trend- und Marktforschungsinstituts trend:research die Auswirkungen auf den Gashandel. Bedeutende Hemmnisse im Gashandel sehen die befragten Experten vor allem in der fehlenden Marktliquidität, sprich der Möglichkeit, Gashandelsgeschäfte abzuwickeln, sowie in der vorherrschenden Marktstruktur (jeweils knapp 60 % der Befragten), die - so die Kritik - von wenigen Ferngasgesellschaften dominiert wird. Weitere Hemmnisse sahen die Befragten auch im Fehlen einer deutschen Gasbörse, den unterschiedlichen Erdgasqualitäten, der Ölpreisbindung, einem unzureichenden Unbundling oder der langfristigen Vertragsbindung. Allgemein haben die Studienautoren festgestellt, dass die Marktteilnehmer „die jeweiligen Faktoren sehr unterschiedlich bewerten“.

Untersucht wurden auch die Chancen für Flüssiggas (Liquid Naturual Gas - LNG). Für die Distribution des Flüssiggases stehen LNG-Tanker mit einer weltweiten Kapazität von derzeit 20 Mio. m3 zur Verfügung. Ein Vergleich zum Jahr 2000 (12 Mio. m3) zeige den deutlich steigenden Bedarf in diesem Sektor. Denn nicht nur die Gesamtkapazität der Tanker, sondern auch die Zahl der Neuzulassungen habe sich gegenüber dem Jahr 2000 (11 Tanker) in 2004/2005 mit 20 LNG-Tankern beinahe verdopplt, heißt es in der Studie.

Bezüglich des erwarteten Nutzens, der sich aus dem Einsatz von LNG ergibt, war die Mehrheit der befragten Experten der Ansicht, dass LNG durchaus die Liquidität erhöhen und weitere Beschaffungsoptionen bieten könne, allerdings bestehe für Deutschland mittelfristig kein Bedarf, vor allem aufgrund des Pipelinenetzes. Demnach differieren hier die Prognosen mit denen für den internationalen Markt.

Die Mehrheit der rund hundert befragten Gasversorger, -händler und Ferngasgesellschaften hielt es für eher unwahrscheinlich, dass LNG in Deutschland mittelfristig zum Durchbruch kommt. Nur knapp über 5 % halten einen Durchbruch für wahrscheinlich (siehe Grafik). Als unbedingte Voraussetzungen speziell in Deutschland gaben die Befragten neben dem Bau neuer Terminals vor allem günstige Beschaffungskosten für LNG an.

Dagegen werden sich die Speicherkapazitäten, laut Aussage der Befragten, in Deutschland künftig positiv entwickeln. Fast die Hälfte er wartet einen Ausbau der Anlagen. Als Gründe wurden die Gasnachfrage, die Preisschwankungen, die Gewinnmaximierung sowie die Möglichkeit zur Nutzung von flexiblen Quellen genannt.

Großes Potenzial an Untertagespeichern

„Da sowohl Nord- als auch Süddeutschland ein ausreichendes Potenzial an Erdöl- und Erdgaslagerstätten besitzt, hängt die künftige Entwicklung des verfügbaren Arbeitsgasvolumens nicht von geologischen Faktoren, sondern von der Entwicklung des Erdgasmarktes ab“, heißt es in der Studie dazu.

Ähnlich positiv wie die Entwicklung der Gasspeicherkapazitäten in Deutschland prognostizieren die in der Studie befragten Experten die Zukunft der europäischen Hubs, also der Gashandelsplätze, an denen verschiedene Pipelines physisch zusammentreffen. Vor allem der Hub in Zeebrugge, der für die deutschen Gasunternehmen zurzeit den höchsten Stellenwert einnimmt, werde noch an Bedeutung gewinnen.

Entwicklung hinkt Strommarkt hinterher

Auf europäischer Ebene wird ebenfalls erwartet, dass die Bedeutung der Hubs in den nächsten zwei Jahrzehnten wachsen wird: „Durch die steigende Nachfrage nach Erdgas in Europa gewinnen die Hubs an Liquidität und Handelsvolumen. Neben der Funktion als Handelspunkt, bieten Hubs zusätzliche Speichermöglichkeiten, die den Ausgleich von Angebot und Nachfrage ermöglichen.“

Allgemein bleibt die Studie bei der Zukunftsbewertung des Gashandels eher skeptisch: „Ob sich angesichts der hohen vertikalen Integration der etablierten Gasunternehmen auch unter veränderten Rahmenbedingungen zukünftig eine wesentlich größere Dynamik entfalten kann, bleibt fraglich.“

Folglich würde, auch wenn die strukturierte Beschaffung in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinne, eine Öffnung des Gasmarktes im Vergleich zum Strommarkt nicht die Erwartungen der Akteure erfüllen.

Erschienen in Ausgabe: 01/2006