Moderne Form des Stadtwerkes

Interview

Abrechnung - In den kommenden Jahren laufen die Konzessionen für viele Netze aus. Chance und Herausforderung zugleich für Kommunen. Dabei sollten sie nicht alles alleine schultern, sagt Johannes Brüssermann, Geschäftsführer der Entega Service.

08. September 2009

es: Es gibt einen Trend zur Rekommunalisierung der Netze, welche Gründe sehen Sie dafür?

Einer der Hauptgründe ist mit Sicherheit das veränderte Selbstbild der Kommunen. Diese begreifen sich zunehmend als lokaler und regionaler Dienstleister mit Markenstatus: bürgerverbunden, umweltfreundlich und wettbewerblich. Durch den Rückkauf der Netze können sie diese Funktion stärken und gewinnen neue Möglichkeiten der Bürgernähe.

es: Das ist aber doch nicht alles.

Nein, natürlich ist auch ein entscheidender Faktor, dass mit den selbst erhobenen Durchleitungsentgelten regelmäßig neue Gelder in die kommunalen Kassen gespült werden. Nicht zuletzt bleiben auch wichtige Arbeitsplätze am Ort erhalten. Wartung, Erneuerung und Ausbau der Netze können spartenübergreifend viel besser koordiniert und lokale Unternehmen mit der Umsetzung beauftragt werden.

es: Wie hoch schätzen Sie das Potenzial der Rekommunalisierung konkret ein?

Marktuntersuchungen zeigen, dass mehr als 30 Prozent der Konzessionen in den kommenden drei bis vier Jahren auslaufen – je nach Bundesland liegt dieser Wert auch noch deutlich höher. Weitere 30 bis 40 Prozent stehen dann noch in der ersten Hälfte des kommenden Jahrzehnts, etwa bis 2015, zur Ausschreibung. Das freie Potenzial ist in den kommenden Jahren also sehr hoch.

es: Spiegelt sich der Trend bei Ihnen in der Praxis auch schon wider?

Ja. Wir beobachten eine deutliche Belebung des Geschäftes im Vergleich zu 2007. 2008 und 2009 sind mehr Marktteilnehmer aktiv mit Nachfragen an uns herangetreten. Diese Belebung betrifft nicht nur die Netzseite, es gibt sie auch auf der Vertriebsseite.

es: Und hier können Sie aushelfen.

Uns kommt das Thema sehr entgegen. Unsere Dienstleistung deckt im Prinzip alles rund um die Verteilnetzbetreiber ab. Das heißt, die Abwicklung der administrativen Standardprozesse innerhalb der Netznutzung übernehmen wir, damit hat das Stadtwerk dann keine Arbeit mehr.

es: Das dürfte gerade für Unternehmen interessant sein, die sich mit dem Thema völlig neu auseinandersetzen.

Genau diese Unternehmen, respektive Strukturen, brauchen solche Produkte. Denn sie können – und wollen – nicht alles selbst aufbauen. Die Kommunen suchen sich gezielt Dienstleister. Rekommunalisierung ist insofern ein sehr modernes Thema. Das Stadtwerk wird nicht zurückgeholt, sondern es wird eine moderne Form des Stadtwerkes implementiert. – Zumindest aus unserer Sicht.

es: Also das Stadtwerk eher als Manager.

Ja, im Endeffekt ist es das. Und das ist auch haargenau der Schlüssel, um dahinter die Renditen zu erwirtschaften. Ansonsten wird es schwierig.

es: Warum?

Im Endeffekt ist es eine Sache von Größendegression: Ich brauche eine bestimmte Menge. Und wir haben es mit sehr standardisierten Prozessen zu tun. Diese Dienstleistungen erbringt ein großer Netzbetreiber auch nicht anders als einer mit nur 2.000 Hausanschlüssen.

es: Sie sprechen mit Ihrem Angebot aber nicht alle Stadtwerke an?

Wir sehen Stadtwerke, Energieversorger oder Verteilnetzbetreiber bis ungefähr 100.000 Zählpunkte in unserem Fokus.

es: Um welche konkreten Leistungen handelt es sich bei Ihnen?

Wie schon gesagt, wir kümmern uns um die Abwicklung. Wir sind so aufgestellt, dass wir genau die Prozesse anbieten, die ein Verteilnetzbetreiber benötigt, die ein Vertrieb benötigt oder – bezogen auf die neuen Marktrollen – Messstellenbetreiber und Messdienstleister benötigen.

es: Und das bedeutet ...?

Wir decken in allen diesen Marktrollen die IT-getriebenen und -relevanten Prozesse ab. Einerseits in einem reinen Benutzermodell, in dem der Kunde auf unseren Systemen arbeitet, andererseits im Full Service, wo wir alles übernehmen – bis hin zu den Berichtspflichten in Richtung der Bundesnetzagentur. Wir haben hier ein sehr spezifisches Wissen. Wir kennen die Prozesse und Abläufe, die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen und wir haben die Erfahrung in der praktischen Umsetzung. Andererseits ist die Implementierung dieser standardisierten Prozesse nicht gerade billig: Es stellt sich nicht jeder eine eigene SAP- oder sonst irgendeine Maschine hin, sondern das übernimmt effektiver ein Dienstleister.

es: Kann das Ganze nicht auch das Stadtwerk selbst leisten?

Wir bieten eine kostenorientierte Abdeckung und Umsetzung von Prozessen, die gerade nicht ins Kerngeschäft eines Netzbetreibers gehören. Wir bieten Know-how, unter anderem im Bereich des Datenmanagements, in der Abrechnung und bei den Messstellen. Und bedenken Sie, dass die Anforderungen deutlich steigen. Eine Netznutzungsabrechnung ist zum Beispiel etwas, das eine normale Abrechnungsabteilung in einem Stadtwerk nicht realisieren kann.

es: Was sind die Gründe dafür?

Unter Netznutzungsabrechnung versteht man den Datenaustausch bei der Abrechnung der Netznutzung. Das hat weniger mit Abrechnung zu tun, die Abrechnungsmodelle sind relativ einfach. Sondern es hat mit regelmäßigem Datentransfer und -management zu tun.

es: Welche Zahl könnten Sie da nennen?

Wir hatten 2008 rund 45 Millionen Nachrichten, die zwischen den Systemen ausgetauscht wurden. Zwischen unseren als auch zu fremden. Insgesamt rechnen wir rund eine Million Zählpunkte ab.

es: Wie sieht es mit den Kosten aus?

Wir berechnen 7,50Euro pro Standard-Kunde. Das beinhaltet die gesamte Abwicklung der Netznutzungsentgeltabrechnung und des Lieferantenwechsels.

es: Und wieso gehen Sie konkret mit den 7,50 Euro an den Markt?

Das sage ich Ihnen: Es geht uns hier um Transparenz. Wir sind der Meinung, dass der Markt der Dienstleister im Energieumfeld wirklich an Fahrt gewinnen soll. Dafür stehen wir mit unserem Modell. Aber dann müssen wir auch dafür sorgen, dass der Markt eine gewisse Transparenz erhält.

es: Und wie erreichen Sie Transparenz?

Wichtig dafür ist natürlich, die Leistung darzulegen, sie ist durch die Standardprozesse bereits vorgegeben. Damit meine ich die von der Bundesnetzagentur vorgegebenen Datenaustauschformate einer GPKE im Bereich Strom und einer GELIGas. Wenn ich sage, ich erfülle diese, dann ist das eine eindeutige Aussage in Bezug auf die Leistung. Zur Leistung gehört natürlich auch ein Preis. Und den haben wir genannt.

es: Ist das ein Festpreis, oder wie könnte sich dieser Preis noch reduzieren?

Durch effiziente Prozesse. In unserem Bereich ist das nur durch eine vollkommene, durchgängige Elektronifizierung möglich. Die Daten müssten am Zähler das gleiche Format haben, welches wir am Ende dann auch verarbeiten. So können wir sie dann schneller verarbeiten und auch in viel höherer Qualität.

es: Viel diskutiert wird auch die Mehr-Mindermengen-Abrechnung bei Gas. Haben Sie hier schon eine Lösung parat?

Ebenfalls eine Dienstleistung bei uns. Trotzdem ist es vor allem die Aufgabe von Beschaffung und Vertrieb, Abweichungen vom Verbrauchsverhalten so gering wie möglich zu halten. Auch die Jahresverbrauchsprognosen sollten der Realität bestmöglich entsprechen. Die Einführung von Smart Metering bringt da einen entscheidenden Fortschritt: Der tatsächliche Verbrauch lässt sich besser einschätzen und verbrauchsbeeinflussende Faktoren werden deutlich.

es: Welche Dienstleistung könnten Sie denn bei Smart Metering anbieten?

Eine komplette Lösung – vom Zähler bis zur Bereitstellung des plausibilisierten Zählerstandes. Die Prozesse sind noch nicht verabschiedet, es soll erst in die Konsultation gehen. Aber wir werden ein separates Produkt entwickeln.

es: Und zum Abschluss: Wie sehen Sie die Zukunft für den Abrechnungs-Markt?

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Wir wissen nur eins: die Prozesse müssen durchgängig sein, sie müssen schlank sein, sie müssen in einer hohen Qualität zur Verfügung stehen. Dann haben wir auch die Möglichkeit, entsprechende Preise zu realisieren. Eine Abrechnung darf aber nicht drei oder fünf Prozent vom Gesamt-Energieverbrauch ausmachen. (mwi, mn)

Vita

Johannes Brüssermann

- Der Diplomingenieur Elektrotechnik arbeitete seit 2001 bei den Stadtwerken Mainz als Leiter des Bereiches Kundenservice und Abrechnung.

- Diesen Bereich gründete er 2003 in die Entega Service aus. Er ist als Geschäftsführer verantwortlich für die Prozesskette vom Zählermanagement bis zur Realisierung der Liquidität mit allen unterstützenden IT-Prozessen.

Erschienen in Ausgabe: 09/2009