Monitoring-Portal zur Entwicklung von Einkaufsstrategien

Spezial

Beschaffung - Um den vielfältigen und komplexen Anforderungen beim Gaseinkauf zu begegnen, gilt es transparente Strategien zu entwickeln. Monitoring und Benchmarking wird dabei immer wichtiger. Eine Möglichkeit bieten Software-Systeme mit Prognose- und Simulationswerkzeugen.

11. September 2013

Die Gasbeschaffungsvarianten und Gasbeschaffungsstrategien vieler Industrieunternehmen haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Vielfach wird heute auf risikostreuende Modelle mit mehreren Einkaufszeitpunkten gesetzt, zu nennen sind hier Tranchenmodelle, teilstrukturierter Gaseinkauf sowie strukturierte Gasbeschaffung. Diese Modelle sind vielfach komplexer als die frühere Gasbeschaffung. Ein geeignetes unternehmensindividuelles Beschaffungskonzept in Verbindung mit einer Risikostrategie wird heute immer wichtiger.

Eine Lösung für diese Anforderungen bietet zum Beispiel das von der Energieberatung des VIK in Zusammenarbeit mit Softwareentwicklern und Industrieunternehmen entwickelte Monitoring-Portal für die Gasbeschaffung. Die Plattform ist für all jene Unternehmen geeignet, die keinen eigenen Bilanzkreis führen und somit nicht zwingend eine Software zur Bilanzkreisführung oder zum Portfoliomanagement besitzen.

Sie können über das Portal auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnittene Informationen abrufen. Es setzt sich aus vier unterschiedlichen Tools zusammen: Dem Lastgang- und Prognose-Tool, einem Tool zur Simulation des Einkaufs, dem Benchmark-Tool und einem Tool zur Abbildung der Beschaffungsstrategie.

So wird zum Beispiel der historische Lastgang des jeweiligen Unternehmens in das Lastgang- und Prognose-Tool eingelesen und der zuständige Messstellenbetreiber liefert die tagesaktuellen Lastdaten des Vortages. Am Anfang eines jeden Monats liest das Tool die brennwertkorrigierten Gasdaten vom Vormonat ein und überschreibt die geschätzten Werte.

Zahl der Tranchen Variabel

Aus diesen stets aktuellen Lastdaten generiert es täglich eine neue Lastprognose. Diese basiert zum einen auf der Umsetzung von Wochenenden und Feiertagen, von dem historischen Jahr in zukünftige Jahre. Eine weitere Grundlage ist die Methode der sogenannten Typtage, bei dem jeder Tag ein bestimmter, den historischen Lastdaten entnommener Wert zugeordnet werden kann.

Über diese automatische Lastprognose hinaus hat der Nutzer diverse Möglichkeiten, um geplante Lastveränderungen eingeben zu können. Hierdurch entsteht eine möglichst genaue Lastprognose.

Mit dem zweiten Tool kann der Nutzer bei der Simulation des Einkaufs zunächst einmal sein gewähltes Beschaffungsmodell aussuchen. Das System unterscheidet zwischen horizontalen Tranchen, vertikalen Tranchen und einer teilstrukturierten Gasbeschaffung. Auch Mehrlieferantenmodelle sind mitberücksichtigt. Bei Trancheneinkäufen ist die Zahl der Tranchen variabel, der Nutzer kann diese selbstständig auswählen. Bei der teilstrukturierten Gasbeschaffung muss er eine Abgrenzung zwischen Residualmenge und Einkaufsmenge definieren. Die Residualmenge kann öl- oder gasgebunden sein, aber auch spotmarktgebunden. Die Einkaufsmenge kann über Standardprodukte des Großhandelsmarktes aufgefüllt werden. Hierbei ist eine monatliche Abgrenzung möglich.

Chartdarstellungen der entsprechenden Modelle visualisieren die Einkaufsstrategien. Daneben kann der Nutzer die Abweichung zwischen Prognose und realen Lastdaten in der Historie überprüfen.

Die getätigten Einkäufe lassen sich zudem in eine Einkaufsmaske mit sämtlichen Randparametern eingeben und in einem Chart farblich darstellen. Auch hier ist die Möglichkeit gegeben, die Beschaffung bis auf einen Tag hinunter zu brechen.

Verschiedene Benchmarks

Zum dritten kann der Nutzer mit dem Benchmark-Tool seine Einkäufe und die gesamte Beschaffungsvariante gegenüber dem Markt benchmarken. Dabei gibt es verschiedene Wege. Es existiert zum einen die Möglichkeit, einen Benchmark gegenüber dem Spotmarkt zu erhalten. Andererseits kann der Nutzer aber auch ein sogenanntes ›kostenoptimales Portfolio‹ vorher festlegen und den Mittelwert der entsprechenden Preise dieser Produkte als Benchmark auswerfen.

Auch Abweichungen erfasst das Tool. So stellt es zum Beispiel die Gesamtdifferenz zwischen Real- und Prognosewerten den Abweichungskosten nach GaBi Gas gegenüber. Außerdem können Überschreitungs- und Unterschreitungsmengen durch vereinbarte Min-/Maxregelungen erfasst und kostenmäßig dargestellt werden. Daneben ist es möglich, an bestimmten Charts die Einkaufszeitpunkte von Produkten sichtbar zu machen und so in Vergleich zu Großhandelspreisen zu setzen.

Auch gleitende Limits möglich

Viertens und letztens kann der Nutzer mit dem Tool zur Abbildung einer Beschaffungsstrategie eine bestimmte, vorher im Beschaffungshandbuch festgelegte Beschaffungsstrategie hinterlegen. Möglich ist hiermit die Eingrenzung der Beschaffung durch obere und untere Limits, bei denen definitiv nach der vorher festgelegten Strategie gekauft werden muss.

Hierbei sind zum Beispiel auch gleitende Limits darstellbar. Daneben kann der Nutzer auch einen Korridor definieren, in dem Einkäufe getätigt werden können. Für sämtliche Produkte des Großhandels sind bestimmte mathematischen Regeln hinterlegt, sodass das Tool ausgehend von den vorher festgelegten Beschaffungsregeln die Empfehlung zum Einkauf von bestimmten Produkten auswerfen kann. Auch Kursverläufe mit entsprechend festgelegten Regeln kann das Portal als Chart sichtbar machen.

Für viele Unternehmen und Gaseinkäufer wird mittlerweile ein versorger- und händlerunabhängiges Monitoring, Benchmarking und Reporting beim Gaseinkauf wichtig. So fordert auch das Controlling diese Dinge häufig. Ein Monitoring, Benchmarking und Reporting dient zudem der transparenten Durchführung des Gaseinkaufs. Versorger und Händler bieten heute eine Vielzahl von Add Ons an, um die Gasbeschaffung transparenter zu gestalten und dieses ist auch zu begrüßen. Allerdings gilt es zu hinterfragen, ob der Versorger oder Händler, der das Gas liefert, seine Lieferung auch selber neutral benchmarken kann.

Markus Gebhardt (VIK)

Erschienen in Ausgabe: 07/2013