Erneuerbare

Nach dem Aus kommt der Weiterbetrieb

Das Auslaufen der EEG-Förderung macht Altanlagen nicht automatisch unrentabel. Direktlieferungen können Erlöse sichern.

12. Dezember 2018
Nach dem Aus kommt der Weiterbetrieb
(Bild: claer - stock.adobe.com)

Zwischen 2021 und 2025 scheiden rund 16.000 MW installierte Leistung Windenergie an Land aus der EEG-Förderung aus. Ob diese Anlagen weiter ihren Beitrag für den Klimaschutz und das Gelingen der Energiewende leisten können, hängt vor allem davon ab, wie sich die Wirtschaftlichkeit erreichen lässt.

Die meisten Experten gehen davon aus, dass die Betreiber von Bestandsanlagen per se am Weiterbetrieb interessiert sind. Unklar ist allerdings die durchschnittliche Dauer des Weiterbetriebs. Nach Ansicht des Bundesverbandes Windenergie ist mit einem sofortigen Ende des Weiterbetriebs zu rechnen, wenn Schäden auftreten, sprich Reparaturkosten anfallen.

Weiterbetrieb ja, aber …

Weiterbetrieb ja, aber …

»Klar ist, dass auf Basis heutiger Erlösmöglichkeiten die laufenden Kosten einen Weiterbetrieb nur bis zum ersten Schaden wirtschaftlich rechtfertigen«, so der Bundesverband Windenergie (BWE). Nach seiner Ansicht stehen damit Bestandsanlagen dem Markt in einer nicht mehr planbaren Art und Weise zu Verfügung.

Dass es überhaupt zum Weiterbetrieb kommt, hängt stets vom Einzelfall ab, sagen Experten. Grundsätzlich gehen die meisten Fachleute aber inzwischen davon aus, dass das Ende der EEG-Förderung nicht automatisch auch das Aus für Windparks und deren Windenergieanlagen (WEA) bedeutet.

»Langfristige PPA schaffen für bestehende Anlagen neue Perspektiven.«

— Rödl & Partner

Power Purchase Agreement

Denn zum einen können die Betreiber den erzeugten Windstrom von einem Dienstleister an der Börse vermarkten lassen. Zum anderen gibt es in Deutschland und Europa künftig immer mehr Stromabnahmeverträge in Form eines Power Purchase Agreement (PPA), heißt es. Für drei, fünf oder mehr Jahre verpflichten sich die Windparkbetreiber zur Stromlieferung, die mit einem fixierten Preis pro kWh vergütet wird.

Speziell für den Weiterbetrieb von Altanlagen nach dem Ende der EEG-Einspeisevergütung gilt PPA als erste Wahl. Denn anders als beim volatilen Börsenstrompreis kann der Betreiber für einen bestimmten Zeitraum seine Erlöse im Voraus genau planen. Diese Verlässlichkeit gilt auch für die Abnehmerseite; die Unternehmen können im Voraus ihre Energiekosten planen. Zudem erhöhen sie mit dem Windstrom des Vertragspartners den Grünanteil im Energieverbrauch.

Vor allem Konzerne achten wegen ihrer Reputation inzwischen auf Nachhaltigkeit und die CO2-Bilanz. Das gilt sowohl für die Produktherstellung als auch für den Energieverbrauch sowie den Energieeinkauf.

Verlässliche Erträge

Im September gaben viele Dienstleister im Vorfeld der Windenergy in Hamburg PPA-Vereinbarungen mit Unternehmen in Deutschland und Europa bekannt. Wpd liefert Strom eines Windparks in Finnland an ein dortiges Google-Rechenzentrum; VSB versorgt ein neues Motorenwerk von Daimler-Benz in Polen mit Windstrom aus einem lokalen Anlagenfeld. Auch WEA-Hersteller Enercon ist im Geschäft für Direktlieferungen. Das Unternehmen liefert künftig Erneuerbaren-Strom für den Strompool des Verbandes Deutscher Kühlhäuser und Kühllogistikunternehmen (VDKL). 

Der VDKL-Strompool ist den Angaben zufolge die größte verbandsgetragene Energieeinkaufsgemeinschaft Deutschlands mit einem Strombedarf von über 1,2 Mrd. kWh an bundesweit über 200 Standorten. Das PPA erfolge zum Fixpreis, so Enercon, und soll einen wirtschaftlichen Betrieb der Windparks nach dem Auslaufen der EEG-Förderung gewährleisten.

Direktlieferung

Der Strom stamme aus vier Bestandswindparks mit einer Gesamtleistung von 10,6 MW. Die Lieferung erfolge über die Enercon-Gesellschaft Quadra Energy.

»Wir liefern die grüne Energie über die gesamte PPA-Laufzeit zum Fixpreis, was sowohl unserem Kunden als auch dem Windparkbetreiber Planungssicherheit verschafft«, so Uwe Behrens, Geschäftsführer von Quadra Energy. Enercons PPA-Modell umfasst nach eigenen Angaben Beratung und Unterstützung bei Repowering-Vorhaben als auch verschiedene Szenarien für den Weiterbetrieb der Bestandsanlagen.

Kostenvorteile

Das Beratungsunternehmen Rödl & Partner stellte auf einem eigenen Branchentreffen im November in Nürnberg Corporate PPA als neues Marktinstrument für Erneuerbare vor. »Langfristige PPA zwischen Erzeuger und Verbraucher machen Investitionen in neue Anlagen wieder attraktiv und schaffen für bestehende Anlagen nach Auslaufen von gesetzlichen Vergütungsregeln neue Perspektiven«, heißt es in einer Unternehmensmitteilung. Gründe sind neben der Preisvolatilität an der Strombörse die niedrigen Stromgestehungskosten der Wind- und PV-Anlagen. Onshore-WEA erreichen den Angaben zufolge Gestehungskosten zwischen 4 und 8,2 Cent pro kWh je nach Standort; PV-Anlagen kommen auf Kosten zwischen 3,7 und 11,54 Eurocent je kWh je nach Anlagentyp und Globalstrahlung (alle Preise Stand März 2018). Laut Rödl & Partner gibt es in der EU bereits Ansätze, Hindernisse für PPA in den EU-Mitgliedsstaaten zu beseitigen. So könnte die EU zur Deregulierung des Strommarktes beisteuern und zum PPA-Wegbereiter in Deutschland werden, heißt es. Das gilt unter anderem für das Clean Energy Package der Europäischen Union.

Checkliste

Altanlagen-Weiterbetrieb ohne EEG-Förderung

Biomasse: eher fraglich

Geothermie: eher fraglich

Photovoltaik: eher geeignet

Wasserkraft: eher geeignet

Wind an Land: eher geeignet

(Quelle: Rödl & Partner)

Markttrend

Trotz zahlreicher energiepolitischer Prognoserisiken in Deutschland spricht der Trend dafür, dass PPA auf dem deutschen Markt ein Zukunftsmodell für die Refinanzierung erneuerbarer Energieanlagen ist, heißt es in der Rödl-Studie ‚Corporate PPA erfolgreich gestalten‘. Die Untersuchung analysiert die Märkte verschiedener Länder in Europa, Südamerika und Afrika.

»Wir liefern über die gesamte PPA-Laufzeit zum Fixpreis.«

— Uwe Behrens, Quadra Energy

Bankfähigkeit

Schätzungen zufolge umfasst das Marktvolumen für alle Erneuerbar-Anlagen mit EEG-Förderende 2021 im Bundesgebiet mehr als 6,1 GW. Die mit PPA einhergehende Verlässlichkeit für die Vertragspartner könnte aber auch einen strukturellen Effekt haben, der über das Vertragswerk hinausgeht.

Corporate-PPA-Modelle könnten dazu beitragen, Investitionen in Erzeugungstechnik bankfähig zu machen, heißt es im Deutschland-Kapitel der Rödl-Studie.

Vorreiter Skandinavien

Bei Erfolg könnten die Folgen weitreichend sein, heißt es. Folglich würden die bisher von zentralen Kapazitäten, Netzen und Handelsplattformen geprägten Strukturen in Deutschland dezentralisiert und entkoppelt. Bisher sind PPA in Deutschland selten.

Den Angaben zufolge entfielen 2017 rund 95 Prozent der PPA der EMEA-Staaten auf Norwegen, Schweden und die Niederlande. Deutschland fiel in die Kategorie Sonstige Länder. hd

Erschienen in Ausgabe: 10/2018