Nach der Krim-Krise – kommt jetzt der LNG-Boom in Europa?

1 Antwort bitte > Helmut Kusterer

Erdgas aus Westsibirien kann aufgrund der Pipelineinfrastruktur nur nach Europa und nicht in andere Regionen geliefert werden. Es handelt sich um eine gegenseitige Abhängigkeit. Was wäre, wenn es dennoch einen Lieferstopp gäbe?

26. Mai 2014

Drei Handlungsstränge könnten verfolgt werden: Erstens zusätzliche Pipelinelieferungen der Ersatz russischen Gases in der Größenordnung von circa 120 BCM/a (ohne Türkei) ist durch weitere Pipelinelieferungen nicht vollständig darstellbar.

Zweitens LNG aus USA die Lücke mit LNG aus USA zu schließen ist nicht realistisch. Die dortigen Verflüssiger sind noch nicht fertiggestellt und Teile der Produktion sind bereits vertraglich an Länder außerhalb der EU verkauft.

Die Frage des amerikanischen Exportverbotes ist ebenfalls nicht abschließend geklärt. Zu einem Preis am Henry Hub, der zwischen 4,5 und5 $/mmBtu liegt, kämen für Verflüssigung, Transport und Regasifizierung weitere circa 5 $/mmBtu hinzu. Die Preise in Europa liegen unter 8 $. Bei diesen Preisrelationen ginge das US-LNG nach Asien und nicht nach Europa, es sei denn, man wäre in Europa bereit, Preise auf asiatischem Level zu bezahlen derzeit circa 14 $/mmBtu -, oder die USA würden Energielieferungen nach Europa subventionieren. Drittens bliebe noch die Möglichkeit der Kompensation mit sonstigen LNG-Mengen.

Die LNG-Importe waren vor Fukushima deutlich höher und sind danach abgeschmolzen. Die Importmengen wären problemlos wieder auf das Niveau von 2010 zu erhöhen, zumal jetzt weitere Re-Gas-Terminals in Rotterdam und in Rovigo in Betrieb sind. In Frage kommen alle LNG-Terminals außer in Spanien und Portugal, da diese beiden Märkte nur begrenzt per Pipeline mit Mitteleuropa/Frankreich verbunden sind.

Die relevanten LNG-Importkapazitäten betragen rund 110 BCM/a. Das ist in etwa die Dimension der russischen Exporte nach Europa ohne Türkei. Davon waren 2011 circa 56 BCM/a genutzt, heute sind es rund 28 BCM/a. Wir könnten heute circa 50 BCM/a in Nordwesteuropa mit LNG kompensieren, fraglich ist, ob die Mengen am Markt auch vertraglich frei wären.

Alles in allem zeichnet sich kein LNG-Boom ab. Er lässt sich politisch nicht verordnen und bei funktionierenden Märkten spricht der Preis dagegen. Und es bleibt die Frage: Wer trägt die Investitionen?

Erschienen in Ausgabe: 05/2014