Nachhaltige Prozesse

IT - Von den Synergiepotenzialen aus eBilling und Smart-Metering profitieren Umwelt, Energieversorger und Endkunden gleichermaßen – durch einen sorgsamen Umgang mit knappen Naturressourcen, niedrigeren Verbrauchsabrechnungen und Kosteneinsparungen über effiziente Strukturen.

02. Oktober 2008

Spätestens seit der Verabschiedung des ›2. Paketes des Integrierten Energie- und Klimaprogramms‹ im Juli 2008 sind die Signale klar für eine ebenso sichere wie ökologisch nachhaltige Energieversorgung gesetzt. Die gesetzlichen Vorgaben umfassen dabei die weitere Liberalisierung des Messwesens (Messzugangsverordnung), den Netzausbau (Gesetz zur Beschleunigung des Ausbaus der Höchstspannungsnetze) sowie die gezielte Einsparung von Heiz- und Energiekosten im Gebäudesektor (Energieeinsparverordnung, EnEG, Heizkostenverordnung).

Die Messzugangsverordnung konkretisiert alle vorhergehenden gesetzlichen Regelungen zur vollständigen Öffnung des Zähl- und Messwesens für den Wettbewerb. Mit der flächendeckenden Einführung intelligenter Stromzähler ist ein zentrales Ziel der europäischen Energieprogrammatik verbunden: Dem mündigen Endkunden sollen auf dessen Anforderung eine solidere Informationsbasis, Transparenz und individuelle Steuerungsmöglichkeiten für ein ökologisch verantwortungsvolles Konsumverhalten gegeben werden. Ein flächendeckender Einsatz ist dabei nicht vorgeschrieben, lediglich die Verwendung der schlauen Geräte in Neubauten.

Künftig kann jeder Verbraucher seinen Messstellenbetreiber selbst auswählen und gemeinsam mit seinem Händler den Einbau eines registrierenden Lastgangzählers (Viertelstundenzählers) verlangen. Die Rolle des Messstellenbetreibers kann dabei grundsätzlich von jeder Person ausgefüllt werden, die die Normvorgaben und Eichvorschriften adäquat umsetzt. So entsteht ein neuer freier Wettbewerb mit eigenen Spielregeln – eine große Verantwortung für alle Marktteilnehmer.

Messkosten sind auf einer Endrechnung gesondert auszuweisen, wodurch auch Anpassungen im Tarifbereich erforderlich werden. Für die Festlegung der damit verbundenen konkreten Geschäftsprozesse und Datenaustauschformate zwischen Messstellenbetreibern, Netzbetreibern und Händlern zeichnet sich auch hier die Bundesnetzagentur (BNetzA) verantwortlich. Die Messzugangsverordnung hat weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette der Versorgungsunternehmen. Hier gilt es, nachhaltige Szenarien zur Prozesskostenoptimierung zu modellieren und durch die Vollautomatisierung aller Geschäftsprozesse eine intelligente Kundenbindung zu gewährleisten.

Komplett internetgestützt

Ein erstklassiges Customer Relationship Management basiert auf der Umsetzung einer komplett internetgestützten Kundenbeziehung. Als ganzheitliches Vorgehensmodell für durchgängig individualisierte Customer-Self-Services ist ein konsequentes eBilling dabei eng mit der Schaffung intelligenter Smart-Metering- Strukturen verknüpft. Der Grund dafür ist einfach: Eine prozessorientierte, ebenso effiziente wie sichere Kundenkommunikation korrespondiert immer auch mit einer nachhaltigen Kostenoptimierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Beispiel Online-Rechnung: Hier wird bereits seit Langem erfolgreich das Internet als Vertriebs-, Service- und Kommunikationskanal genutzt. Durch den Einsatz IP-basierter Zählerlösungen anstelle arbeitslastiger manueller Datenerfassungen, den Verzicht auf kostenintensive Druckerstraßen sowie die Möglichkeit zur Nutzung umfangreicher interaktiver Serviceangebote durch den Kunden werden begrenzte Kapazitäten optimal eingesetzt – ohne störende Medienbrüche, unnötige Wartezeiten und mit einem deutlich höheren Bedienungskomfort. Ein weiterer Vorteil: Die Mitarbeiter im Callcenter können sich dadurch auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

In einem Smart-Metering-Projekt bei der SVO Energie GmbH in Celle arbeitet der IT-Anbieter SIV.AG eng mit der EVB Energie AG zusammen. Das Beispiel ihres für die Abrechnung von Strom, Wasser und Gas bei Haushaltskunden bestimmten IT-Systems ›Meterus‹ zeigt das Prinzip eines intelligenten Zähl- und Messwesens für Multi-Utilities. Während vom digitalen Stromzähler die Messdaten direkt an einen Datenkonzentrator übermittelt werden können, erfordert die Datenübertragung bei Wasser und Gas eine zusätzliche Übertragungszentrale. Zum Einsatz kommen dabei intelligente Stromzähler, von denen aus alle Verbrauchsdaten über das Stromnetz per Powerline-Technologie an den Datenkonzentrator gehen.

Dieser bündelt die Kundendaten Tausender Haushalte und stellt sie dem Versorgungsunternehmen zur Abrechnung zur Verfügung. Intelligente Metering-Systeme bieten also jederzeit jedem Marktteilnehmer detaillierte Informationen weit über die einfache Zählerstandserfassung hinaus. Damit sorgen sie für eine schnelle und sichere bidirektionale Kommunikation mit Zählern und Modems zur Ablesung, Verarbeitung, Aufbereitung und erneuten Bereitstellung der Zählerdaten – ein enormer Vorteil und nachhaltiger Wettbewerbsvorteil.

Vor dem Hintergrund der stetig steigenden Erfordernisse der europäischen Binnenmärkte stehen Versorger und ihre IT-Dienstleister vor der großen Herausforderung, alle Energiebeschaffungs-, -erzeugungs- und Betriebsprozesse umfassend zu integrieren und IT-gestützte Energielogistikkonzepte zu entwickeln, die sich auf die aktuellen Marktanforderungen fokussieren. All das ist mit einer grundlegenden strategischen Entscheidungsfindung und durchaus erheblichen Investments verbunden. Insofern ist es nur verständlich, dass trotz hoher Erwartungen an die Fernauslesesysteme der Zukunft mancherorts auch noch Skepsis gegenüber der neuen Technologie besteht.

Trotzdem steht fest: Nur ein IT-Dienstleister, der den Versorgungsunternehmen die geforderte hohe Flexibilität zur Gestaltung ihrer Kunden- und Wettbewerbsbeziehungen bietet, wird sich bei der Senkung der Prozesskosten als leistungsstarker Partner behaupten können. Zugleich wird auch nur ein Energieversorger, der sich den Herausforderungen des Marktes proaktiv stellt, zukünftig die Chance zur Erschließung neuer Wachstumspotenziale haben. Für die Integration in die bestehende IT-Landschaft empfiehlt es sich, diese schrittweise vorzunehmen – entweder bezogen auf die jeweiligen Versorgungsregionen oder am operativen Geschäft ausgerichtet. So halten sich die Kosten der Umstellung auf eine ebenso intelligente wie offene Metering-Infrastruktur in einem vertretbaren Rahmen.

Zudem ist es angeraten, den Einstieg sorgfältig zu planen, Funktionsspektrum und Marktreife der Lösungen kritisch zu hinterfragen und die Umsetzung nicht dem Zufall oder beteiligten Dritten zu überlassen. Denn eines ist klar: Zur durchgängig internetbasierten Kundenkommunikation, zur flexiblen Tarifgestaltung und zu ressourceneffizienten Metering-Konzepten gibt es keine vernünftige Alternative. Es gilt insofern, Einsparungspotenziale intelligent zu nutzen und dabei ein gesundes Augenmaß nicht zu verlieren.

Dr. Anke Schäfer

»Realistische Sicht gefragt«

Smart Metering Sebastian Weise, Produktmanager Marktregulierung der SIV.AG , zum Markt, zu den Herausforderungen für die IT und zum Thema Sicherheites: Werden auch IT-Anbieter vom Ziel nach mehr Energieeffizienz profitieren, Stichwort: Smart Metering?

Aktuell ist davon sicher auszugehen. Versorgungsunternehmen müssen in den nächsten Jahren eine Vielzahl nachhaltiger Investitionen in ihre IT-Landschaft tätigen, um den normativen Anforderungen gerecht zu werden. Je planvoller und strategischer dabei jedoch in der Konzeptionsphase vorgegangen wird, je intensiver und vertrauensvoller die Partnerschaft mit dem jeweiligen IT-Dienstleister ist, umso eher zahlen sich die Investitionen in die Softwareentwicklung mittel- bis langfristig auch wieder aus – durch eine intensivere Kundenbindung und durchgängig effiziente Geschäftsprozesse entlang der Wertschöpfungskette.

Wie groß ist der Run der Energiebranche auf die neue Technik der intelligenten Zähler tatsächlich?

Die Marktimpulse kommen nicht nur von den großen Energieversorgern, die aktuell eine Reihe zukunftsweisender Pilotprojekte umsetzen. Gesteuert werden die Entwicklungen im Wesentlichen auch durch Energiehändler, die als Messstellenbetreiber auftreten, und nicht zuletzt durch die Endkunden, die immer kosten- und ressourcenbewusster werden und damit auch ein wachsendes Interesse an intelligenten, verbrauchsgerechten Abrechnungslösungen haben.

In der Theorie klingt alles schön und gut. In der Praxis bedeutet dies auch einen Einstieg in eine neue Welt. Wird der technische Aufwand bei all der Euphorie unterschätzt?

Ja, hier bedarf es einer realistischen Sicht, was die Projektchancen, -risiken, und -laufzeiten sowie tatsächliche Kosten betrifft.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Diese liegen eindeutig in den Prozessumstellungen. Durch die zeitnahe Verfügbarkeit von Informationen werden Prozesse optimiert und verschlankt.

Wie sehen Ihre ersten Praxiserfahrungen aus?

Unsere wichtigste Erfahrung ist, dass die technische Kommunikation zwischen Zählern und Abrechnungssystem funktioniert und uns ein durchgängig automatisierter Kundenbindungsprozess gelingt. Die weiteren Vorteile liegen sicher auf der Hand: stichtagsgenaues Fernauslesen, An und Abschalten sowie Kontrolle und Steuerung des eigenen Energieverbrauchs durch dessen Visualisierung im persönlichen Kundenportal.

Wie beraten Sie Ihre Kunden, wenn Anfragen in diese Richtung eingehen?

Sich proaktiv den neuen Herausforderungen stellen, um dadurch neue Marktpotenziale zu erschließen.

Welche Lösung bietet SIV an?

Individuelle Projekte, die an den konkreten Anforderungen der Kunden oder Interessenten ausgerichtet sind. Dabei verwenden wir intern standardisierte Verfahren und Lösungen, welche an die konkreten Bedürfnisse des Energieversorgungsunternehmens angepasst werden. Hierdurch sollen die Projektkosten und Laufzeiten möglichst überschaubar gehalten werden.

Viel wird bei Smart Metering über das Internet abgewickelt werden. In der Diskussion und in der Kritik stehen derzeit die Datentransparenz und der Datenmissbrauch. Lauern hier neue Gefahren für die Kunden?

Ein eindeutiges Ja. Hier ist es erforderlich, softwareseitig wirksame Sicherheitsstrategien zu erarbeiten.

Wie stellt sich eine wirkungsvolle Sicherheitsstrategie im konkreten Fall des Smart Metering dar?

Dieses Thema erfordert eine sorgfältige Überlegung und die intensive, zielorientierte Zusammenarbeit aller Marktteilnehmer. Die bereits bekannten Themen aus dem Internetbereich treten hier in vollem Umfang zutage. Aber diese Probleme sind lösbar. Eine sichere Datenübertragung ist kein neues Thema, es muss nur richtig verfolgt werden.

Erschienen in Ausgabe: 10/2008