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Energiewirtschaft

Näher am Kunden

Zusammen mit KPMG veranstalteten wir in München ein Expertengespräch zur Standortbestimmung der Branche. Thema Nummer eins: Fokus Kunde in Theorie und Praxis.

12. Dezember 2018
Round Table: Wie steht es um das Verhältnis zwischen neuen Vertriebsprodukten und der Systeminfrastruktur? Muss künftig das Kundenangebot von der Netzinfrastruktur her gedacht werden? Diese Fragen diskutierten Fachleute auf Einladung von KPMG und energiespektrum Mitte Oktober in München. (Bild: energiespektrum)

Der lokale Energieversorger ist zwar de facto präsent, weil es sein Versorgungsgebiet ist, zugleich gibt es eine Distanz. Beispiel Hausbau. Für Bauherren ist der Fachhandwerker Ansprechpartner in Energiefragen, nicht der lokale Versorger. Das stellt eine Hemmschwelle für Versorger da, die ja neue Kunden generieren möchten. Herr Salcher, muss sich das ändern? Und wenn ja, wie muss es angegangen werden?

Michael Salcher, KPMG: Das ist eine der entscheidenden Fragen. Wenn man die Marketinginitiativen der Energieversorgungsunternehmen anschaut, die den Kunden in den Mittelpunkt rücken, dann muss ich zunächst mal feststellen, dass ich privat gar keine Angebote bekomme.

Kein Versorger, kein Stadtwerk übermittelte mir Angebote, ob ich eine weitere Solaranlage, einen Heimspeicher oder eine Ladestation für mein Elektrofahrzeug brauche. Das wundert mich. Denn die Energiewirtschaft sagt ja immer, dass der Kampf um die Kunden entbrannt ist. Ungefähr 50 Prozent der Kunden sind in Händen der großen Versorger, 30 Prozent bei den Stadtwerken und 20 Prozent der Kunden bei anderen Anbietern. Ich gehe also davon aus, dass diese Angebote als Mehrwertdienste nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Herr Fischer, Sie vertreten die bayerische Energie- und Wasserwirtschaft. Müssen die Unternehmen mehr tun für neue Kunden, wie es das Beispiel von Herrn Salcher nahelegt?

Detlef Fischer, VBEW: Wir hier am Tisch sind alle energieaffin. Und warten dann vielleicht auch auf solche Angebote. Die allermeisten Verbraucher hingegen wollen möglichst wenig mit ihrem Energieversorger zu tun haben. Das zeigen unsere Erfahrungen. Die Kunden begleichen ihre Rechnung, fertig. Sie möchten auch nicht einbezogen werden, beispielsweise in das Thema volatile Stromerzeugung. Wir haben es probiert.

Was heißt das konkret?

Fischer: Wir haben probiert, mit Preisangeboten Verbraucher zur Flexibilität anzureizen, damit sie ihren Stromverbrauch nach dem Stromangebot richten. Unser Fazit: Der Kunde möchte bedarfsgerecht versorgt werden und er möchte es einfach haben. Wenn innovative Produkte einfach verständlich sind für Kunden, werden sie angenommen. Wenn er aber wesentlich mehr tun muss als bisher, ist das eine Riesenhürde. Berühmtestes Beispiel ist der Kunde als Prosumer. Dann bekommt er es mit Steuerberatung und Finanzamt zu tun. Das heißt, man muss immer reflektieren und sich auf die Ebene eines normalen Kunden stellen. Die haben einen ganz anderen Lebensschwerpunkt.

Herr Tretter, die Stadtwerke München sind sehr präsent im Einzugsgebiet München. Sie werben unter anderem mit Kino- und Plakatreklame um Kunden. Sind Sie mit dem Rücklauf und Neukundengeschäft zufrieden?

Richard Tretter, SWM: Bei differenzierter Betrachtung ist der Rücklauf zum Neukundengeschäft zufriedenstellend. Der Vertrieb der Stadtwerke München wirbt für seine neuen und bekannten Produkte unter anderem mit Werbeplakaten. Die Stadtwerke München sind nicht nur in München, sondern beispielsweise mit dem Gasvertrieb auch im Münchner Umland als vertrauenswürdiger Versorger aktiv und bekannt, des Weiteren kennt man die Stadtwerke München auch für ihren sehr guten Nahverkehr. Für bekannte Produkte sind wir mit dem Rücklauf sehr zufrieden. Die Stadtwerke München sind ein Energieversorger, dem man vertraut, dem zugetraut wird, mit neuen Produkten die richtigen Antworten und Lösungen etwa zur Energiewende zu geben. Damit hier der Rücklauf weiterhin zufriedenstellend ist und bleibt, sind neue Produkte entsprechend anzupassen und zu erweitern, die auf die Wünsche der Kunden zugeschnitten sind. Ein Beispiel: Damit Nutzer ihre Elektrofahrzeuge bequem und zuverlässig auch zu Hause in ihrer Tiefgarage in Münchner Mehrfamilienhäusern laden können, haben wir ein neues Produkt entwickelt, das sehr gut ankommt.

Was beinhaltet es?

Tretter: Das neue Produkt SWM Ladestation beinhaltet die Errichtung der Ladeeinrichtung, einschließlich der Erweiterung der erforderlichen Elektro-Installation im Wohngebäude. Eine Variante für Mehrfamilienhäuser ist, dass die Stadtwerke München die Installationskosten übernehmen und den Kunden dieses erfolgreiche Produkt zur sicheren Nutzung vermieten. Um es für die Kunden möglichst einfach und bequem zu gestalten, managen wir die Ladevorgänge im Mehrfamilienhaus, mit dem Ziel, dort möglichst viele Elektrofahrzeuge laden zu können. Wir bieten das Produkt SWM Ladestation als Gesamtpaket inklusive 100 Prozent Ökostrom an. Für den Kunden ist wichtig, dass sein Fahrzeug rechtzeitig geladen ist; für ihn steht hierbei das Produkt Strom nicht im Vordergrund. Wichtig ist es, die Produkte dort anzubieten, wo die Kunden auch einen Bedarf haben. Deshalb bieten wir dieses Produkt entsprechend den Kundenbedürfnissen für Mehrfamilienhäuser und für Einfamilienhäuser an. Es ist nicht immer einfach, die richtigen Produkte zu entwickeln. Das erfordert genaues Zuhören, um herauszufinden, was den Kunden interessiert und was er möchte.

Herr Kreisel, W&Kreisel ist ein Systemanbieter für dezentrale Energieversorgung, zum Beispiel für Filialisten mit Geschäften in ganz Deutschland. Wie kommen Sie an Ihre Kunden?

Walter Kreisel, W&Kreisel: Wir beschäftigen uns sehr stark mit der Elektrifizierung und Digitalisierung. Wir sind ein sehr kleines Unternehmen aus Oberösterreich. Europa ist in den vergangenen hundert Jahren dem Plan von Edison und Tesla sehr gut gefolgt. Die heute vorhandene Infrastruktur ist lobenswert. Die Frage ist: Ist der Versorger, der den Kunden Lösungen liefert, ist das nach wie vor derjenige oder ist das irgendein anderer. Das fängt es schon mit den Regulatoren an. Ich glaube, wir sind uns sicher, dass der Kunde an der Energiewende teilnehmen will; er will eine saubere, günstige und transparente Versorgung. Es geht nicht um einen Stromtarif, es geht um Sicherheit, um sichere Verfügbarkeit von sauberem und günstigem Strom. In großen Konzernen hat man zu viele Produkte. Ich glaube, das ist das Problem. Die Unternehmen bringen die in hundert Jahren gewachsenen Vertriebsstrukturen und Prozesse nicht mehr unter einen Hut. Gas, Strom, Transport, Friedhof – sie könnten sogar eine Lebensflatrate machen. Wir kümmern uns ganz klar um Lade- und Speichertechnik und die notwendige Digitalisierung dazu. Unserer Kunde ist entweder der Immobilien- und Bauträger, der Gewerbetreibende, Produzierende und auch Energieversorger, und dabei behandeln wir alle gleich. Aktuell haben wir 72 Projekte, eines ist hier sogar in München.

Worum geht es da?

Kreisel: Das Objekt besteht aus 30 hochwertigen Wohnungen. Wir befassen uns mit Applikationen, um alle Zähler abzulesen. Die Mieter brauchen sich nicht damit zu befassen, wir lesen alle Verbraucher ab und schicken sie vollautomatisch an die Hausverwaltung. Weiter teilen sich die Eigentümer eine PV-Anlage und einen Stromspeicher und betreiben damit eine Wärmepumpe, laden die E-Fahrzeuge und speichern den überschüssigen Strom von der PV-Anlage im Batteriespeicher. Somit können wir 100-prozentigen Eigenstrom garantieren, bei Stromausfall das Gebäude versorgen und im Berechnungszeitraum 15 Jahren nicht nur die gesamte Infrastruktur amortisieren, sondern auch etwa 100.000 Euro bilanziellen Überschuss an Geld gegenüber einer Versorgung mit Gastherme oder Fernwärme realisieren. Vergessen Sie nicht, die Sonne schickt keine Rechnung! Aktuell beschäftigen wir uns hauptsächlich mit diesen Leuchtturmprojekten, denn die Regulativen sind sehr hoch – und es ist uns die Qualität wichtiger als die Quantität; darum suchen wir uns auch vor Ort einen Systempartner, der unsere Produkte sowie Softwareplattform einsetzt.

»Kein Versorger übermittelte mir Angebote für eine Solaranlage oder einen Speicher.«

— Michael Salcher, KPMG

Herr Dr. Pellinger, worauf kommt es strategisch an bei der Fokussierung auf den Kunden?

Dr. Christoph Pellinger, Forschungsstelle für Energiewirtschaft: Aus Gesprächen mit verschiedenen Unternehmen wissen wir, dass die Wechselquote steigt, wenn Privatkunden ein neues Produkt oder einfach ein günstigerer Stromtarif angeboten wird. Damit umzugehen, ist schon eine Herausforderung. Sie überlegen sich ein innovatives Produkt. Dem Kunden fällt bei der Ansprache aber auf, dass er online einen günstigeren Tarif gesehen hat. Folglich kündigt er. Das heißt, im Vordergrund steht für die Unternehmen, den größten Anteil der Kunden zu halten. Die zehn Prozent, die sich energieaffin zeigen, muss man über gewisse Marketingmaßnahmen ans Unternehmen binden. Denen könnte ich entsprechende Produkte anbieten. Die suchen sich die Unternehmen auch tatsächlich am Markt. Dann kommen neue Unternehmen wie Kreisel Systems in Spiel. Aus Geschäftskundensicht ist das etwas anders. Da gehe ich direkt auf meine Kontaktperson zu und biete eine Option an, wie man beispielsweise Energie einsparen könnte.

Diesen Ansatz hat ja unter anderem die Initiative Lernende Netzwerke der Bundesregierung.

Pellinger: Richtig. Wir machen das mit verschiedenen Energieversorgern in Bayern und Österreich, die als Träger von sogenannten lernenden Energieeffizienznetzwerke auftreten. Da bringen wir fünf bis 15 Unternehmen an einen Tisch. Gemeinsam wird diskutiert, welche Einsparoptionen die Firmen durchführen könnten. Das ist ein Mehrwert für die Unternehmen. Finanziert wird das durch den Energieversorger.

Kreisel: Man muss den Kundennutzen verstehen, und hier ist der Strom nicht die Wertschöpfung, es ist der Service, der daraus entsteht; dafür ist der Kunde auch bereit, was zu bezahlen. Das ist Mobilität, das ist Wärme, das ist Versorgungssicherheit usw. Die Stromgestehungskosten laufen in Zukunft in Richtung null. Die PV-Anlagen werden immer besser, halten länger, haben einen größeren Wirkungsgrad. Die Batterien werden immer günstiger und besser. Die Schere geht hier auf, und darum wird die dezentrale Produktion und Speicherung vor Ort immer lukrativer und das Netz immer unwichtiger. Und hier sprechen wir noch nicht über netzdienliche Services, über Potenziale, wenn man Gebäude vernetzt, wenn man die Restspeicherkapazität eines oder mehrerer Batteriespeicher auch netzdienlich vermarkten kann oder Energie an der Börse kaufen kann.

Pellinger: Strom ist eine reine Commodity. Da gibt es keine Differenzierung. Wenn ein neues Produkt aufgesetzt wird, es aber nicht angenommen wird, dann ist offensichtlich für diesen Zweck der Strom zu günstig. Der Mehrwert, den ich beim Kunden durch eine Variation im Strompreis schaffen kann, ist offensichtlich zu gering. Beispielsweise über flexible Stromtarife.

Salcher: Herr Kreisel hat sie schon angesprochen, die Bedürfnissituation der Kunden. Sie führt beispielsweise dazu, dass Energievertriebe einen ganz anderen Umgang mit Kunden einführen. So kommen Stadtwerke und ihre Kunden beispielsweise an der Kasse im Freibad oder am Fahrkartenautomaten für die Straßenbahn miteinander in Berührung. Diese Punkte werden benutzt, um Botschaften zu vermitteln, etwa um ein Commodity-Produkt positiv zu besetzen. Hier entstehen Vertrauensbeziehungen, und das ist ein entscheidender Schritt weg von der Zählerstands- und Abrechnungswelt. Die Energieversorger beschäftigen sich intensiv mit der Frage, welche Dienstleistungen man einem Kunden neben reinen Strom- oder Gaslieferungen anbieten kann. Das heißt, Unternehmen müssen Themen mit einem positiven Wertversprechen besetzen. Dann ist der Kunde bereit, dafür einen Preis zu bezahlen. Der Verbraucher weiß nicht, wie sich der Strompreis zusammensetzt – er sollte sich aber dafür interessieren. Und es wird zunächst noch teurer: Smart Home mit allen Facetten der Versorgungssteuerung, Sicherheit oder Überwachung wird eine Investition erfordern. Große Technologieunternehmen versprechen, dass eine smarte Energiesteuerung durch die technischen Möglichkeiten so selbstverständlich wie eine Zentralheizung wird. Eines Tages gibt es eine Energiesteuerung in jedem Haus. Eine coole Idee. Aktuell ist das aus meiner Sicht jedoch noch zu teuer.

Kreisel: Amazon Prime macht es vor. Sechs Euro. Kundenbindung versus Kundennutzen. Die geben Vollgas. Achtung damit meine ich nicht Amazon Echo, sondern ganz klar, dass Mittelsmänner dem Kunden Mehrwerte bieten müssen, um Berechtigung am Markt zu haben. Weiters möchte ich noch erwähnen, dass wir uns von Smart Home wieder weg orientieren, es muss wieder hin zu Low Tec. Wir unterscheiden hier den sekundären oder besser gesagt Gadget-Markt. Den wollen wir reduzieren, da er keinen klaren Nutzen am Tagesende bringt gegenüber dem primär Markt, Lösungen, die unsere Energiekosten drastisch nach unten bringen, und sauberen Strom für jeden möglich machen. Wichtig dabei ist, dass der Kunde nicht vergessen wird. Das ist nicht, dass ich ihn über SMS informiere, wann er die Waschmaschine einschalten soll, sondern dass er, egal wann er will, die Waschmaschine einschalten kann.

Herr Tretter, muss man bei neuen Produkten zu Elektromobilität oder Breitband von der Infrastruktur her denken?

Tretter: Nein. Wir müssen die Produkte vom Kunden her denken. Man muss die Infrastruktur entsprechend nachziehen. Nun wird es komplex: Man muss die beiden Anforderungen – den Kundenwunsch nach immer verfügbaren Anwendungen und die Kapazität der Infrastruktur für alle Netznutzer – in Einklang bringen. Das ist nicht immer einfach. Zum Beispiel nutzt jeder seine Kaffeemaschine dann, wenn er Kaffee trinken möchte. Dadurch, dass dies nicht jeder Kunde zur exakt gleichen Zeit macht, kommt es zu einer gewissen Verteilung. Die Netze/Infrastrukturen sind auf diese ungesteuerte Verteilung ausgerichtet. Sollte es zu einer Synchronisierung durch Marktsignale kommen, zum Beispiel, dass alle Kunden ihre Elektrogeräte dann anstecken, wenn der Strom besonders günstig ist, oder dadurch, dass alle Elektrofahrzeuge abends nahezu zeitgleich mit dem Ladevorgang beginnen, werden wir ein Problem mit der Netzkapazität bekommen. Das Netz, die Infrastruktur, müsste dann ausgebaut werden. Das würde zu erheblichen Netzausbaukosten führen.

»Wenn innovative Produkte einfach verständlich sind, werden sie angenommen.«

— Detlef Fischer, VBEW

Am Schluss muss es wieder der Kunde über das Netzentgelt bezahlen.

Tretter: Richtig. Nun brauchen wir die richtigen Produkte seitens des Netzes, damit die Kunden nicht alles synchron und zeitgleich tun, um den Netzausbau auf ein sinnvolles Maß zu dimensionieren und dadurch die Erhöhung der Netzentgelte möglichst gering zu halten. Eine Entzerrung der zeitgleichen Nutzung wollen wir auch mit der Flexibilität im Stromnetz, etwa mit Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge, aber auch Wärmepumpen erreichen. Wir müssen Produkte entwickeln, die den Kunden einerseits eine Mobilitätsgarantie geben – dass sie sicher dann fahren können, wann sie möchten –, die aber andererseits Spitzen bei der Netzauslastung abfangen und verteilen. Hierzu benötigen wir entsprechende Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten mit den Kunden, um deren Bedürfnisse mit entsprechenden Algorithmen sicher zu befriedigen und zeitgleich das Netz optimal ausnutzen zu können. Am Schluss muss der Kunde das Gefühl haben, es funktioniert ohne Probleme und Komforteinschränkungen. Dies ist insbesondere beim Thema Mobilität sehr wichtig, hier ist der Kunde besonders kritisch. Bei anderen Anwendungen, z. B. Wärmeanwendungen, hat eine Umfrage gezeigt, dass Kunden hier eher bereit sind, sich steuern zu lassen.

Im Future Readiness Index untersucht KPMG regelmäßig Wirtschaftsbranchen und analysiert auch deren Aufstellung für globale Trends. Herr Salcher, hat die Energiebranche in Deutschland globale Trends richtig im Blick?

Salcher: Die globalen Trends der Energiewirtschaft sind längst in der Branche vor Ort angekommen: Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung beschäftigen große und kleine Versorger. Es gibt viele technologische Möglichkeiten, die in den Markt gebracht und ausprobiert werden. Wann sind eine Branche und deren Unternehmen richtig aufgestellt? Wir beobachten derzeit eine konsequente Neuausrichtung vieler Energieversorger und Stadtwerke. Nicht nur, dass sich die großen börsennotierten Versorger aufspalten und fokussieren, kleine Energieunternehmen fassen ihre Strategie neu und nutzen zunehmend digitale Technologien, um für Kunden ein relevanter Partner rund um die Versorgung sein zu können. Natürlich profitieren viele integrierte Versorger vom regulierten Netzgeschäft. Die Abhängigkeit von Politik und Regulierung ist insofern nicht nachteilig, haben viele Versorger doch ihren Auftrag der flächendeckenden Versorgung wahrzunehmen. Dennoch: Die reine Versorgung wird in Zukunft an Bedeutung abnehmen.

Nicht der Internetanschluss ist der Schlüssel, sondern die Daten. Gleich diesem Beispiel müssen Versorger neben der Grundversorgung auch Mehrwertdienste anbieten. Daten werden der Schlüssel zum Erfolg. Nehmen wir als Beispiel das Angebot um Smart Meter. Das Interimsmodell war geprägt von Logistik- und IT-Projekten, die einzig den Rollout kosteneffizient darstellen sollten. Dann haben die Kaufleute gefragt, wie stellt sich das Geschäftsmodell dar? Wie kann man die regulatorische Verpflichtung Gewinn bringend nutzen? In Zukunft werden intelligente Zähler und ihre Daten die Voraussetzung für effizientes Lastmanagement, Elektromobilität, variable Tarifmodelle und vieles mehr sein. Durch die Digitalisierung verschwimmen Wertschöpfungsstufen sowie Sektorgrenzen. Energieversorger stoßen in Bereiche anderer Branchen vor, wie zum Beispiel die erwähnte Elektromobilität. Noch ist der Flickenteppich der Ladeinfrastruktur allerdings nicht standardisiert genug.

Kreisel: Bei den Steckern hat sich eigentlich bereits ein Standard durchgesetzt, das funktioniert gut. Bei der Abrechnung und Bezahlung und den Tarifen ist noch Verbesserungspotenzial.

Salcher: Brauche ich überhaupt den einen Standard?

Herr Fischer, Branchenverbände klagen seit Jahren über die Einflussnahme der Politik im Energiemarkt. Die Branchenunternehmen müssen mit dem Status quo im Tagesgeschäft umgehen. Was heißt das für die Zukunft?

Fischer: Bei der Automobilindustrie käme niemand auf die Idee, Audi vorzuschreiben, wie sie ihren E-tron zu konstruieren haben. Bei uns ist aber alles haarklein in Verordnungen und Paragrafen niederlegt. Wenn sich eine Rahmenbedingung ändert, eine technologische Entwicklung schneller ist als erwartet, passt der Ordnungsrahmen nicht mehr. Die Politik muss sich wieder ein Stück weit zurückziehen aus dem Kleinklein der vergangenen 15 Jahre. Dann entfalten sich auch wieder innovative Kräfte. Wir machen gerade auch ein Projekt mit der Forschungsstelle für Energiewirtschaft für Blockchain. Die größte Hürde ist mit Sicherheit nicht die Technik an sich, sondern der regulatorische Rahmen. Das kann es nicht sein. Es ist mittlerweile ein großer Investitionshemmschuh. Das Einzige, was die Unternehmen letztendlich gemacht haben, und damit auch gut leben, sind Investitionen über das EEG.

Müssen Unternehmen künftig automatisch mehr Risikobereitschaft zeigen, mehr auf Markt setzen? Die EEG-Vergütung ist heute viel geringer als vor ein paar Jahren.

Fischer: Wir haben ja viele Unternehmen, die durch ihre Risikobereitschaft letztendlich böse bestraft worden sind durch die Politik. Mit Risikobereitschaft, gerade auch im kommunalen Bereich, wird es schwierig.

Kreisel: Die Frage ist nicht einfach, ich probiere es mit radikalen Ansätzen: Erstens ist das Abschaffen der Förderungen. Zweitens muss man die Netze in die freie Marktwirtschaft geben, sprich liberalisieren.

Pellinger: Im jüngst herausgekommenen Energieforschungsprogramm steht ganz klar drin, dass Reallabore stärker gefördert werden sollen. So etwas wie das Sinteg-Programm, das ist im Endeffekt Reallabor. Dort sollen Räume geschaffen werden zum regulatorischen Lernen. Unternehmen mit innovativen Lösungen sollen zusammengebracht werden mit lokalen Akteuren und der Wissenschaft, um im Feld testen zu können. Da werden wir zusammen mit unseren Mitgliedsunternehmen etwas aufsetzen.

Tretter: Man hat sich bewusst entschieden, dass es nur ein Stromnetz gibt. In der Telekommunikation hat man vor Jahren einen anderen Weg beschritten, mit der Konsequenz, dass es regelmäßig für den Kunden spürbare Baumaßnahmen gibt, wenn jeder Betreiber sein eigenes Telekommunikationsnetz errichtet. Um dies bei den Stromnetzen zu vermeiden, hat man die Stromnetze reguliert. Die Ansätze der Regulierung basieren aber auf den Ideen und Methodiken von vor 20 Jahren. Die Regulierung motiviert weiterhin zum klassischen Netzausbau. Innovative Ideen, die Nutzung von Flexibilität und Digitalisierung werden im aktuellen Regulierungsrahmen nicht berücksichtigt.

Das heißt?

Tretter: Das heißt, dass es für Verteilnetzbetreiber derzeit keine Motivation gibt, innovative Lösungen und Produkte für den Kunden zu entwickeln. Innovative Lösungen unterliegen heute einem erheblichen regulatorischen Anerkennungs- und damit letztendlich einem Refinanzierungsrisiko. Der Verteilnetzbetreiber kann demzufolge heute innovative Lösungen nicht refinanzieren. Mit der Konsequenz, dass er weiterhin in den klassischen Netzausbau mit einer sicheren, stabilen Refinanzierung investiert, was wiederum die Netzkosten für den Kunden erhöht und zu erheblichen Bautätigkeiten führt.

Fischer: Der natürliche Wettbewerber des Netzes ist die Eigenversorgung. Ganz klar. Wenn die Netzversorgung für den Kunden unattraktiv wird, dann geht er in die Eigenversorgung.

»Nicht der Strom ist die Wertschöpfung, es ist der Service, der daraus entsteht.«

— Walter Kreisel, W&Kreisel

Noch ein Blick in die unmittelbare Zukunft. Herr Kreisel, wie zeigen sich Digitalisierung und Technisierung im Markt in den nächsten drei Jahren?

Kreisel: Wir werden vor allem Micro-Grids und virtuelle Power Plants mit Batteriespeicher sehen, und wir werden wesentlich mehr Teilnehmer am Energiemarkt haben, die Frage ist, wie viele, die wir heute kennen, werden noch da sein, und wird sich hier ein großer europaweit etablieren?

Was macht Sie so sicher?

Kreisel: Das ist die einzige Lösung derzeit, um voranzukommen. Der Bau eines Pumplaufkraftwerks kostet 120 Millionen Euro und liefert 120 MW. Mit dieser Geldsumme können Sie wesentlich mehr Kapazität in Form von Batteriespeichern bereitstellen, diese dezentral, was heißt: weniger Umwelteingriff und weniger Leitungen. Das wird jetzt sehr schnell gehen, da Batterien verfügbar werden und der Preis wesentlich interessanter wird.

Tretter: Es geht darum, den Kunden innovative Lösungen und Produkte anbieten zu können, zum Beispiel die Nutzung netzdienlich steuerbarer Flexibilität wie Elektromobilität, Wärmepumpen und Batteriespeicher, um den Netzausbau auf das erforderliche Maß zu begrenzen. Nun müssen wir die Politik, insbesondere das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur, hierfür gewinnen, dass innovative Lösungen zum Gelingen der Energiewende beitragen. Mit diesen innovativen Lösungen trägt auch der Kunde zum Gelingen der Energiewende bei, was ihm letztendlich auch über die angemessenen Netzkosten zugutekommt. Um diese innovativen Lösungen nutzen zu können, braucht es einen Informationsaustausch. Hierzu trägt die Digitalisierung ihren Beitrag bei.

»Wir müssen die Produkte vom Kunden her denken.«

— Richard Tretter, SWM

Pellinger: In einigen Forschungsprojekten haben wir gesehen, dass zum Teil bei Verteilnetzbetreibern die Netze nicht in digitaler Form vorliegen, geschweige denn, dass sie digital überwacht wurden. In unserem Blockchain-Projekt mit acht Unternehmen wurden über 90 Anwendungsfälle identifiziert. Am Ende stellte sich heraus, dass der Großteil der Fälle Prozesse betrifft, die überhaupt nicht digitalisiert sind. Das wird in den nächsten drei Jahren die Unternehmen primär umtreiben. Aus Marketingsicht werden die Umsetzung und der Rollout flexibler Geschäftsmodelle prägend sein.

Fischer: Ich bin überzeugt, dass sich die Elektromobilität durchsetzt in den nächsten drei, vier Jahren. Dann werden wir vor der Herausforderung stehen, dass immer mehr gesicherte Leistung von Kunden nachgefragt wird. Da laufen wir in ein Dilemma rein. Denn wenn wir so weitermachen, können Versorger immer weniger gesicherte Leistung anbieten. Dann wird sich entscheiden, ob die gemachten Versprechen der Innovativen halten. Wenn die halten, dann haben wir alle eine rosige Zukunft. Wenn nicht, wird man über Energieversorgung in unserem Land ganz anders reden.

Salcher: Die nächsten drei, vier Jahre sind eine Riesenchance, um bestimmte Technologien und Innovationen in der Energiewirtschaft weiterzuentwickeln. 2019 hat die Energiebranche nicht die eine Herausforderung vor sich, wir werden viele Schritte entlang der Wertschöpfung sehen. Es sind Zeiten der Veränderung, in denen man viel Kommunikation braucht. Viele neue Unternehmen werden sich in den Märkten etablieren. Kreisel ist ein gutes Beispiel. Man kennt das Unternehmen inzwischen. Es hat einfach angefangen, besitzt inzwischen hervorragende E-mobility-Lösungen und betreibt wirkungsvolles Marketing. Die Stadtwerke München machen es ähnlich und gelten vielen als innovatives Beispiel. Auch spielen Kooperationen eine Rolle. Bundesweit gibt es 800 Stadtwerke jeder Größenordnung. Da wird man über Allianzen nachdenken müssen, um bei der fortschreitenden Digitalisierung und sich verändernden Branche Schritt halten zu können. Innovationen und Zusammenarbeit sollte somit jeder Energieversorger auch kurzfristig auf dem Zettel haben. hd

Erschienen in Ausgabe: Nr. 10 /2018