Netz mit Netzanschluss

Infrastruktur – Eine bekannte Unternehmensgruppe hat sich umfirmiert und unter der gleichnamigen Marke Vivavis eine Datenplattform entwickelt. Damit können Stromnetzbetreiber ein interoperables Gesamtsystem aufbauen: für das Tagesgeschäft, aber auch für neue Geschäftsmodelle.

23. Juli 2019
Netz mit  Netzanschluss
Jörg Figge, Geschäftsführer Görlitz AG (Bild: Vivavis)

Smart Grid, Energiewende, E-Mobilität: Die Netzbetreiber sind in der Pflicht. Sie müssen auf die Treiber, die das Netzgeschäft grundlegend verändern, reagieren. Das traditionelle Netzgeschäft mit Erzeugung, Netz und Kunde bleibt bestehen; hinzu kommt künftig der IoT-Markt in diversen Formen. Sei es E-Mobility und Einspeisemanagement, sei es Smart Metering und Quartierversorung, sei es Prosumer sowie Industrie und Gewerbe.

Energiewende-Netz

Für diese Aufgaben sind die Netzbetreiber auf leistungsfähige IT-Systeme angewiesen. Oberste Prämisse hierbei: So komplex wie nötig, so einfach wie möglich. Dem Charakter des grundlegenden Wandels im Netzbetrieb entsprechend, hat Vivavis eine neuartige Plattform für Netzbetreiber entwickelt. Nach dem Motto Gesamtlösung statt Einzelprodukte hat die Plattform die Hauptaufgabe, das Gesamtsystem zu optimieren.

Markenpremiere auf der E-world

Vivavis ist eine Marke der Vivavis GmbH, ehemals IDS-Gruppe Holding. Fünf der insgesamt acht Vivavis-Unternehmenstöchter sind etablierte IT-Spezialisten mit dem Fokus Netz und Smart Metering: IDS, Görlitz, Berg, Caigos und Erwin Peters Systemtechnik.

»Vivavis ist mehr als nur das bloße Zusammenlegen unseres Produktportfolios«, sagt Jörg Figge, Geschäftsführer der Görlitz AG und einer der Initiatoren der neuen Marke, die auf der E-world Premiere hatte. »Wir gehen einen Schritt weiter und haben die Expertensysteme der Schwestergesellschaften zu ganzheitlichen, datengetriebenen IoT-Lösungen hin entwickelt. Das bedeutet: Unser Angebot umfasst flexible Lösungen für digitale Versorgungsnetze, intelligente Gebäudekomplexe, Industrie 4.0, kritische Infrastrukturen oder Smart Services.«

IoT-Infrastruktur

Mit der fortschreitenden Digitalisierung sind künftig Milliarden von smarten Komponenten im Internet of Things (IoT) miteinander verbunden und kommunizieren. »Die Möglichkeiten sind unzählig, die Datenmengen riesig. Ihre Beherrschbarkeit ist aufwendig und komplex. Ganzheitliche und technisch modulare Lösungen sind daher gefragt«, heißt es in der Vivavis-Produktbeschreibung.

Dem gegenüber steht die Energiewirtschaft: geprägt von strengen Sicherheitsrichtlinien, langfristigen Investitionen, komplexen und hochkritischen Infrastrukturen sowie klaren Vorgaben und Regularien seitens der Bundesnetzagentur und dem BSI.

Fundament

Wie lässt sich das miteinander vereinbaren? Kann das überhaupt funktionieren? Vivavis beantwortet diese Fragen mit Ja. Darum hat die Unternehmensgruppe ihre Erfahrung sowie ihr Portfolio für die Energiewirtschaft sowie das Industrie- und Gebäudemanagement gebündelt und in einer Marke vereint.

Fakt

Welchen Herausforderungen müssen sich die Netzbetreiber stellen?

Traditionelles Geschäft: Erzeugung, Netz, Kunde

Künftiges Geschäft: IoT-Markt, E-Mobilität, Smart Metering, Erneuerbare, Industrie/ Gewerbe, Quartierversorgung, Prosumer

Treiber: Dezentralisierung der Erzeugung, neue Mobilität, Smart Grid

Die Marke baut auf die jahrelange Expertise der Firmen und ihre Systeme: von der Netzleittechnik, der Fernwirk- und Automatisierungstechnik, dem Engineering, über das Asset Management, dem Meter Data Management bis hin zum Geoinformationssystem. Laut Jörg Figge habe momentan nur Vivavis ein umfassendes und interoperables Portfolio für die Vielzahl an Herausforderungen, die in der Energiewirtschaft bereits da sind und noch kommen werden.

Softwareplattform und IoT-ready

Systeme, Komponenten, Aufgaben: Alles wächst zusammen und bündelt sich in komplexen IoT-Infrastrukturen. So oder ähnlich ist es vielfach zu lesen. Aber was folgt daraus? Darauf wird in der Regel nur allgemein eingegangen in den Artikeln. Stattdessen braucht es konkrete Antworten. Hier setzt Vivavis an. Die Plattform-Lösung des Unternehmens setzt nach eigenen Angaben neue Maßstäbe. »Alle bestehenden Systeme und Komponenten kommunizieren über eine eigens entwickelte Softwareplattform miteinander. Dadurch vereinfachen sich die Prozess- und Nutzerschnittstellen erheblich«, erläutert Jörg Figge.

Kommunikationsstandard

Ob Leittechnik, Metering-System oder GIS: Künftig können sich Komponenten im Standard über einen Message-Bus miteinander unterhalten. Mobile Versionen der einzelnen Systeme sind bereits im Standard verfügbar, zum Beispiel eine App für Entstörung und Instandhaltung. Cloud-Dienstleistungen, Software-as-a-Service oder Infrastructure-as-a-Service sind im Internet der Dinge alltäglich. Zwar laufen viele Systeme noch lokal beziehungsweise on premise beim EVU, für Smart Metering oder Asset Management sind Cloud-Dienste aber schon heute eine sichere Alternative. Aus diesem Grund hat die Vivavis GmbH 2018 in eigene Rechenzentrumsinfrastruktur investiert.

Advanced Analytics

Zu den vielen Millionen Daten kommen immer mehr hinzu. Diese müssen nicht nur sichtbar sein, sondern auch ausgelesen und interpretiert werden. Zum Beispiel in der vorausschauenden Instandhaltung, Predictive Maintenance genannt. Hier kann Vivavis mit ersten Lösungsansätzen aufwarten, um Instandhaltung planbar zu machen.

Kapazitätsoptimierung

Insgesamt drei Anwendungsbereiche gibt es für die neue Softwareplattform. Erstens: die Kapazitätsoptimierung. Basis bildet das Netzleitsystem ›High-LEIT‹, das sich zu einem Kapazitätsoptimierungssystem weiterentwickelt. Klares Ziel ist es, Engpässe oder Schwankungen im Mittel- und Niederspannungsnetz zu beheben oder gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Für den zuverlässigen Netzbetrieb stehen neben dem Leitsystem Fernwirk- und Automatisierungstechnik, Schutztechnik sowie Systeme für Meter Data und Asset Management zur Verfügung. Der laufende Austausch der Netzdaten sorgt für Aktualität. Damit können Energieversorger ideal planen, detailliert prognostizieren, genau steuern und eingreifen. Nach Vivavis-Angaben lassen sich so Netze stabil betreiben, auch wenn der Anteil der Energieeinspeisung aus Wind- und PV-Anlagen oder die Zahl der E-Fahrzeuge steigt.

Quartierslösung

Zweiter Anwendungsbereich ist die Quartierversorgung. Mit Vivavis lassen sich einzelne Liegenschaften oder ganze Quartiere in der Niederspannungsverteilung digitalisieren. Das Ziel ist, diese sogenannten Zellen energie- und kapazitätsoptimierend zu planen. Ferner sammelt und verarbeitet das Smart Building Gateway ›enQube‹ Sensordaten und leitet diese an die Plattform ›IDSpecto.DAYOS.‹ So entstehen Lösungen für Mieterstrom, intelligentes Parkmanagement, E-Mobility und Entsorgungsoptimierung.

Asset Management

Der dritte Anwendungsbereich ist das Asset Management. Basierend auf Nutzung, Alter und Spezifika analysieren Netzbetreiber mit ›ACOS NMS‹ ihre Betriebsmittel. Mittels Sensorik an den Betriebsmitteln meldet das System beispielsweise eine Überhitzung oder einen Ausfall. hd

Interview

»Dem kann man nur mit übergreifenden Lösungen Herr werden.«

Interview mit Görlitz-Geschäftsführer Jörg Figge, der als Projektleiter die Marke Vivavis mitentwickelt hat.

Herr Figge, Sie sind der Geschäftsführer der Görlitz AG und einer der Initiatoren der neuen Marke Vivavis, die auf der E-world Premiere hatte. Vivavis will Infrastrukturen fit machen für das Internet der Dinge. Was heißt das genau?

Wir haben eine Softwareplattform entwickelt, die es ermöglicht, dass das große Angebotsportfolio innerhalb der Unternehmensgruppe vollständig interoperabel ist.

Wir haben die Expertensysteme zu ganzheitlichen IoT-Lösungen entwickelt.

— Jörg Figge Görlitz AG

Dadurch generieren wir immense Mehrwerte für unsere Kunden. Denn die Herausforderungen für die Energieversorgung und Industrie werden immer komplexer.

Dem kann man nur noch mit übergreifenden Lösungen Herr werden – nicht mehr mit einzelnen Produkten. Und genau das bieten wir mit Vivavis.

Wie kam es zu dem Namen Vivavis?

Vivavis ist ein Kunstbegriff, bestehend aus den Wortteilen Viva, lateinisch für Leben, und Vis, lateinisch für Kraft und Stärke.

Er wurde von Mitarbeitern der einzelnen Firmen aus mehreren Vorschlägen ausgewählt. Uns gefällt er!

Der Name Vivavis drückt aus, dass wir nicht stehen bleiben, sondern gemeinsam mit unseren Kunden tatkräftig die Zukunft mitgestalten möchten.

Werden die Namen der Gruppenunternehmen beibehalten oder geht alles in Vivavis auf?

Nein, die Namen werden wir beibehalten. Jede Firma ist stark in ihren jeweiligen Segmenten verankert, und das soll auch so bleiben. Denn genau auf diese Expertise und Stärke setzen wir ja mit Vivavis auf. Sie bilden unser Fundament.

Mehr IT ist gleich mehr Komplexität. Stimmt diese Gleichung also nicht?

Die Gleichung stimmt dann, wenn verschiedene Systeme zum Einsatz kommen, die nur mit hohem Aufwand für die Schnittstellenentwicklung, -laufendhaltung und -wartung miteinander kommunizieren können.

In unserem Fall ist all das im Standard implementiert. Unsere Gleichung lautet also: weniger Komplexität, obwohl mehr IT.

Erschienen in Ausgabe: 04/2019