Neue Chancen mit türkischer Premiere

VERSORGER EWE steigerte den Umsatz um 21 %. Wachstum soll eine Beteiligung in der Türkei und mehr F& -Engagement bringen.

01. Juni 2007

Der türkische Energiemarkt wird derzeit liberalisiert und ist noch nicht unter den europäischen Energiekonzernen aufgeteilt. »Das ist der ideale Zeitpunkt für strategische Investoren wie EWE, sich im türkischen Markt zu positionieren und von diesem Engagement nachhaltig zu profitieren«, erklärt der Vorsitzende des EWE-Vorstandes Dr. Werner Brinker. Der Energiekonzern hat sich Anfang April mit nahezu 40 % am türkischen Erdgasversorger Bursagaz A.S. beteiligt. Erworben wurden die Anteile vom türkischen Energieunternehmen Çalik Energy, das zum Çalik-Konzern gehört und bislang zusammen mit der Stadt Bursa Gesellschafter von Bursagaz war.

Damit steigt der Oldenburger Energiekonzern als erstes deutsches Energieunternehmen bei einem türkischen Erdgasversorger ein. »Die Beteiligung ist ein weiterer Schritt zur stärkeren Internationalisierung des Konzerns«, sagte Brinker. In Deutschland könne das Unternehmen im Energiebereich kaum noch wachsen. Daher wolle EWE sich zunehmend auch im Ausland engagieren.

»Die türkische Wirtschaft entwickelt sich mit hohem Tempo. Parallel dazu wächst auch der Energiebedarf im Land. Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Energie in der Türkei in den kommenden Jahren stark steigen wird. Dieses Absatzpotenzial wollen wir nutzen«, prognostiziert Heiko Harms, EWE-Vorstand für Netze, IT und verantwortlich für das Türkei-Projekt.

In fast fünf Jahrzehnten habe man bei EWE ein umfangreiches Wissen zum Bau und Betrieb von Erdgasnetzen aufgebaut und möchte diese Erfahrungen in der Türkei nutzen, betonte der EWE-Chef auf der Hannover Messe, wo das Unternehmen auch seine aktuellen Bilanzzahlen präsentierte.

Kennzeichnend für das Geschäftsjahr 2006 seien erhöhter Regulierungsdruck und gestiegene Bezugskosten für Erdgas gewesen, betonte Brinker dort. Dies brächte das Energiegeschäft zunehmend unter Druck. »Mit unserer Wachstumsstrategie der vergangenen Jahre und der Erschließung neuer Geschäftsfelder haben wir dieser Entwicklung erfolgreich entgegengewirkt«, so Brinker. EWE steigerte im Geschäftsjahr 2006 den Konzernumsatz um 21 % auf 9,0 Mrd. €.

ERGEBNISSPRUNG BEI FERNGAS

Der Umsatz im Segment Energie stieg um über 16 % auf 4,1 Mrd. €. Das Umsatzplus sei vor allem auf die höheren Abgabepreise für Erdgas zurückzuführen, erläuterte Brinker. Einen Ergebnissprung brachte das Geschäftsfeld Ferngas. Dort erhöhte sich der Umsatz von 3,8 auf 4,8 Mrd. €. Unter anderem zog hier das Auslandsgeschäft an: 2006 lieferte die Ferngasgesellschaft VNG rund 164 Mrd. kWh Erdgas aus.

Brinker zufolge zeichnen sich für 2007 weitere Herausforderungen für den EWE-Konzern ab. So werde sich der Druck auf die Rentabilität des Energiegeschäfts weiter erhöhen, zum einen durch die erheblichen Belastungen aus der Regulierung der Strom- und Gasnetzentgelte und den zunehmenden Verdrängungswettbewerb durch Billiganbieter. Handlungsspielräume eröffne die Ausweitung der Aktivitäten in den Bereichen Stromproduktion und Erdgasförderung.

Im Bereich Erdgas will EWE die Upsteam- Aktivitäten verstärken. Derzeit tragen eigene Fördermengen rund 7 % zum eigenen Erdgasabsatz bei. Die von der VNG in Norwegen gegründete Tochtergesellschaft soll die Eigenproduktion weiter erhöhen. Ziel ist hier 1 bis 1,5 Mrd. kWh pro Jahr zu fördern, was etwa 8 % des Gesamtabsatzes entspricht.

EWE will zudem durch neue Erdgasspeicher die Position stärken. Hierzu zählen die Projekte Jemgum und Möckow. Letzteres liegt strategisch günstig am Anlandepunkt der Ostseepipeline.

Damit gibt man sich in Oldenburg aber nicht zufrieden. EWE sieht sich in der Pflicht sich aktiv an der aktuellen Diskussion der Energieversorgung der Zukunft zu beteiligen. Im Mittelpunkt stehen hier die so genannten Bullensee-Thesen, die sich auf die Kurzformel E³ bringen lassen: Energie sparen, Energieeffizienz steigern und erneuerbare Energien ausbauen. Im Bereich Windkraft ist EWE bereits seit 1998 engagiert und beteiligt sich aktuell am ersten Offshore- Windpark, dem Testfeld Borkum- West, wo ab dem kommenden Jahr zwölf Windenergieanlagen der 5-MW-Klasse Strom erzeugen sollen.

Neben einem in 2006 gestarteten Modellversuch zur CO2-Einsparung in Privathaushalten erprobt EWE schon seit geraumer Zeit Vorserienmodelle erdgasbetriebener Brennstoffzellengeräte und testet ein Energiemanagementsystem (DEMS) zur Integration dezentraler Anlagen in die Stromnetze (siehe Kasten).

»Wir müssen den massiven Veränderungen im Energiemarkt neue Konzepte entgegenstellen «, forderte Brinker in Hannover. Deshalb habe man auch das Engagement für Forschung und Entwicklung im vergangenen Geschäftsjahr maßgeblich ausgebaut. Erst kürzlich gründete der Versorger an der Universität Oldenburg ein Forschungszentrum für Energietechnologie. (mn)

NetzintegrationDEMS für Dezentrale

EWE erprobt seit geraumer Zeit ein Dezentrales Energiemanagement System (DEMS). Es soll den Strombezug aus einer Vielzahl von Energiequellen bei gleichzeitig sicherem Betrieb der Stromnetze und kostengünstiger Stromversorgung sicherstellen. Laut dem Oldenburger Energiekonzern ist DEMS mehr als ein virtuelles Kraftwerk, das Verbraucher und Erzeuger zusammenfasst. Primäres Ziel sind langfristige Konzepte für die Netzintegration eines hohen Anteils erneuerbarer Energien sowie kleiner dezentraler Anlagen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2007