Neue Konzepteunter Strom

Markt/Elektrizität

E-Mobile - Diverse Projekte künden von der nahen Zukunft des elektrischen Fahrens. Doch noch gibt es nur wenige Fahrzeuge. Gesucht werden darüber hinaus Tarifmodelle zum Glätten von Stromspitzen und neue Partnerschaften.

30. November 2009

»Wir wollen, dass die Elektro-Mobilität in der Mitte der Gesellschaft ankommt«, sagte Dr. Rolf Martin Schmitz, Vorstand der RWE AG, bei der Vorstellung der ›Tankstelle der Zukunft‹ im Sony Center am Potsdamer Platz in Berlin. Partner des Projekts sind der Automobilclub ADAC, der Autovermieter Sixt, Siemens und Deutschlands größter Parkraumanbieter APCOA. Gemeinsam schickten sie Mitte Juli die Elektro-Tankstelle auf Roadshow durch sieben deutsche Großstädte. In Berlin hat RWE bereits rund 60 Ladepunkte für Elektro-Autos aufgestellt, bis Mitte 2010 sollen es 500 sein. Langfristiges Branchenziel ist ein flächendeckendes Netz mit Ladepunkten – in ganz Europa.

Auch die rheinland-pfälzische Ministerin für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz Margit Conrad setzt auf die Stromalternative: »Bezahlbare Mobilität ist für das Pendlerland Rheinland-Pfalz existenziell. Innovative Fahrzeuge, vom Plug-in-Hybrid bis hin zum reinen Elektroauto, werden diese auch in der Zukunft ermöglichen. Entscheidend ist dabei die Unabhängigkeit von endlichen Ressourcen wie Öl«, betonte sie auf der RWE-Roadshow in Mainz Ende Oktober.

Groß ist auch die Begeisterung im Nachbarland NRW: »Wir wollen in Sachen Elektromobilität unsere Chancen nutzen. Nordrhein-Westfalen soll erste großräumige Modellregion Europas werden. Unser Ziel ist es, dass 2020 mindestens 250.000 Elektrofahrzeuge in Nordrhein-Westfalen fahren«, gibt Wirtschaftsministerin Christa Thoben die Ziele vor.

Eine optimistische Zahl. Liegt die Vorgabe der Bundesregierung für das gesamte Bundesgebiet bei einer Million Elektrofahrzeuge bis 2020. Da ist man in Essen optimistischer: Die RWE-Experten gehen davon aus, dass dann schon bis zu 2,5 Millionen Elektro-Autos auf Deutschlands Straßen unterwegs sind.

In der NRW-Konzeption soll Aachen als Forschungsstandort eine wichtige Rolle spielen. Sie ist eine von fünf Modellregionen des Förderprogramms ›IKT für Elektromobilität‹ mit dem die Bundesregierung die anwendungsorientierte Forschung im Bereich Elektromobilität voran bringen will. Unter dem Dach von ›Smart Wheels‹ entwickeln und erforschen sieben Unternehmen sowie Universitätsinstitute »neue Geschäftsmodelle und konvergente IKT-Dienste zur Verbreitung von Elektromobilität durch die Integration in das ›Internet der Energie‹ und die Infrastruktur von Stadtwerken«.

Im Forschungsprojekt MeRegioMobil untersucht die EnBW gemeinsam mit Partner in einem über zwei Jahre angelegten Feldversuch die Anbindung von Elektrofahrzeugen über intelligente Ladestationen an ein Hausenergiemanagementsystem. »Für mich hat die Elektromobilität ein ähnliches Wachstumspotenzial wie die erneuerbaren Energien. Sie ist heute da, wo vor 20 Jahren die Erneuerbaren waren«, sagt Hans-Peter Villis, Vorstandsvorsitzender der EnBW Energie Baden-Württemberg AG.

Mit der Übergabe von 15 Elektrofahrzeugen vom Typ MINI E und der Inbetriebnahme einer Doppel-Stromtankstelle fiel Ende Juli der Startschuss für ein Pilotprojekt in München. Dort wollen BMW und E.on gemeinsam die Weiterentwicklung der Elektromobilität vorantreiben. Ziel des auf zwölf Monate angelegten Projekts ist es, die Anforderungen an Fahrzeuge und Versorgungsinfrastruktur, so präzise wie möglich zu ermitteln.

Wichtig bei der Einführung ist es die Kunden mitzunehmen. »Kein Kunde will sich umgewöhnen«, sagte Dr. Thomas Schlick vom Verband der Deutschen Automobilwirtschaft (VDA) auf der Kongressmesse eCarTec in München. Das sieht man auch bei RWE so. Um es Fahrern so bequem wie möglich zu machen, treibt man internationale Standards für die Schnittstelle zwischen Ladesäule und Fahrzeug mit mehr als 20 europäischen Energieversorgern undAutobauern voran. Ziel ist, »elektrisches Laden so einfach wie Parken, die Abrechnung so einfach wie beim Handy zu machen«.

Die Probleme rund um Kabel und Stecker werden weltweit als Achillesferse der Elektrofahrzeuge betrachtet. Vor diesem Hintergrund haben kürzlich Automobilhersteller und Zulieferer im Bundesumweltministerium eine ›Standardisierungsplattform für das induktive Laden in Deutschland‹ eingerichtet. Neben dem komfortablen, weil kabellosen Laden hat die Induktion einen Vorteil in der Standardisierung. So weichen die eben erst verabschiedete nordamerikanische, japanische und europäische Steckernorm schon wieder von einander ab. Induktion ist dagegen international.

VDA-Geschäftsführer Schlick bezeichnet das angepeilte Zahl von einer Million E-Kfz bis 2020 als strammes Ziel, einige 100.000 sollten nach seiner Ansicht jedoch zu schaffen sein. Kritisch hinterfragt er, wie sinnvoll es ist, diverse Testregionen festzulegen, obwohl noch nicht die entsprechende Anzahl an Fahrzeugen zur Verfügung steht. Dieses Problem sieht auch Dr. Jörg Kruhl von E.on Energie. Elektrisches Fahren sei zwar sehr attraktiv, jedoch fehlten die Fahrzeuge.

Auf der eCarTec äußerte er sich zu einem für die Stromwirtschaft wichtigen Aspekt, nämlich wie sich das Problem der Lastspitzen beim Tanken bewältigen lässt und inwieweit neue Erzeugungskapazitäten notwendig werden. Für Kruhl ist das Problem der Integration von E-Fahrzeuge zu Beginn relativ klein. Jedoch sei man mit wachsender Anzahl an Fahrzeugen gefordert, Konzepte für ein entzerrtes Laden zu entwickeln.

Entzerrung beim Laden

Lastspitzen werden vorwiegend morgens und abends erwartet. Bekommt man diese Entzerrung beim Laden hin, so ist es auch möglich mit der vorhanden Stromkapazität auszukommen. Ein denkbares Modell ist, dass mit unterschiedlichen Tarifen ein abgestimmtes Laden ermöglicht wird. Ein ›Goldkunde‹, der mehr bezahlt, hat beim Laden Vorrang, bei günstigeren Tarifen wird den Kunden ihre Ladezeit etwa über das Handy mitgeteilt.

Für Kruhl ist ein interessantes ›Erstkundensegment‹ neben den ›Zweitwagen‹ auch der Delivery-Bereich, wie die Post. Dafür lasse sich gezielt eine Infrastruktur aufbauen, anstatt die Welt flächendeckend mit Ladestationen zu bestücken. Der Energiewirtschaft eröffneten sich hier ganz neue Möglichkeiten. Laut Kruhl sei die Frage zu beantworten: Liefere man nur Strom oder werde man Mobility-Partner? Hier gebe es interessante gemeinsame Ansätze mit der Automobilindustrie.

Dies sieht man auch bei A.T. Kearney so. »Energieunternehmen sollten bereits jetzt die Partner an sich binden, mit denen sie in Zukunft nachhaltig den Markt gestalten können«, sagt Dr. Martin Handschuh von der Unternehmensberatung. Als Partner sieht er nicht nur die Automobilhersteller, sondern auch Mineralölkonzerne, Parkhausbetreiber, Supermarktketten oder Anbieter von Mobilitätsservices wie die Deutsche Bahn oder Autovermieter. (mn) <

Messe

›Mobilitec‹ startet

Mit der neuen Leitmesse MobiliTec besetzt die Hannover Messe das Zukunftsthema Elektromobilität. Vom 19. bis 23. April 2010 sind laut Veranstalter »alle für die Mobilität der Zukunft relevanten Technologien an einem Ort zentral in Halle 27« präsent. Da der entscheidende Hebel für die ökologische Vorteilhaftigkeit der Elektromobilität der Umbau des Energiesystems hin zu erneuerbar erzeugtem Strom sei, befinde sich der Ausstellungsschwerpunkt Renewables in direkter Anbindung zur MobiliTec in derselben Halle.

Erschienen in Ausgabe: 11-12/2009