Neue Zähler – neue Prozesse

ZÄHLERMANAGEMENT AMM, dass Automated Meter Management, ist weit mehr als der Ersatz traditioneller Zähler durch ihre elektronische Variante. Richtig angewendet verändert diese zusätzliche Intelligenz im Stromnetz grundlegend die Art zu arbeiten und weiterhin das Verhältnis zum Kunden.

21. Oktober 2005

Der Fokus des Zählerwesens für Privatkunden dreht sich zumeist um die Frage, wie Zähler mit minimalen Kosten beschafft, betrieben, abgelesen und ausgetauscht werden können. Mit einer intelligenten Zählerinfrastruktur rücken der Kunde und die ihm angebotenen Leistungen in den Mittelpunkt. Die Rolle des Messstellenbetreibers kann so zu einem Servicedienstleister aufgewertet werden.

Ein wesentliches Potenzial der Prozesskostenoptinierung durch AMM liegt in der Kundenbetreuung. Ist das AMM-System erst einmal installiert, lassen sich viele Kundenvorgänge wie Vertragsänderung, Umzug und Kündigung im Call-Center ohne teure manuelle Unterbrechungen wie Rückfragen oder Außendienstrecherchen durchführen. Eine besondere Rolle spielt dabei der Inkassoprozess, da die Prozesskosten zum Sperren und Entsperren von Schlechtzahlern die eigentlichen Forderungsausfälle zumeist weit übersteigen. Zähler, wie sie in Italien Enel einsetzt, verfügen über eine Fernabschaltung, die mit einem zentralen Befehl oder nach dem Verbrauch einer bestimmten Energiemenge ausgelöst wird.

Nachdem sich auch in Deutschland die Meinung immer mehr durchsetzt, dass das notwendige manuelle Wiedereinschalten nach Freigabe durch Energieversorger zumutbar und auch rechtlich zulässig ist, werden entsprechende Pilotinstallationen in naher Zukunft die Praxistauglichkeit des Ansatzes beweisen.

Tatsächlicher Verbrauch

Der Energieversorger erhält so den notwendigen Hebel, um Forderungsausfälle frühzeitig zu vermeiden und den verbleibenden Außendiensteinsatz zu minimieren. Das Einsparpotenzial ist gut abschätzbar und liefert speziell bei einer regionalen Häufung von Schlechtzahlern eine schnelle Amortisationszeit. Die in Deutschland übliche monatliche Abschlagsrechnung wird in anderen Ländern wie Schweden oder Norwegen nicht mehr akzeptiert. Eine quartalsweise oder gar monatliche Abrechung auf aktueller Verbrauchsbasis zu erstellen, ist mit einer manuellen Ablesung nicht mehr wirtschaftlich darstellbar. Hier wird AMM mit täglichen Zwischenablesungen zu minimalen Kosten schnell die wirtschaftlichere Lösung.

Aus Marketing-Gesichtspunkten mag die Abrechnung des tatsächlichen Verbrauchs auch ohne den Druck der Regulierungsbehörde durchaus Sinn machen, wenn dies der Kommunikation mit dem Kunden hilft.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern spielt der Stromdiebstahl bei uns noch keine herausragende Rolle. Mit einem wachsenden Anteil der Energiekosten am persönlichen Haushaltsbudget könnte sich dies schon in wenigen Jahren ändern. Eine intelligente Zählerinfrastruktur grenzt die Netzverluste durch Bilanzierungen räumlich stark ein und erlaubt so gezielte Maßnahmen. Im deregulierten Markt mit seinen Kunden-Lieferanten-Beziehungen stellt sich zudem die Frage, wer letztendlich die Risiken des Stromdiebstahls und wer dessen Verfolgung übernimmt.

Wunschtraum eines jeden Energieunternehmens ist es, den Verbrauch der Kunden möglichst verursachungs- und kostengerecht zuzuordnen und in Rechnung zu stellen. Dieser Wunschtraum rückt mit Hilfe intelligenter Zählersysteme in greifbare Nähe. Wer beispielsweise teuren Strom zu Spitzenzeiten konsumiert, soll dafür auch mehr bezahlen als derjenige, der günstig produzierten Strom zu Nebenzeiten konsumiert. Elektronische Stromzähler sind in der Lage, Energieverbrauch und Zeit des Konsums zu erfassen und in ein integriertes Abrechnungssystem weiterzuleiten.

Mit der ‚letzten Meile’ zum Kunden und der langjährigen Kundenbeziehung verfügen die Versorger über eine gute Ausgangsposition, um sich in einem innovativen Zukunftsmarkt zu positionieren - den smart Home Services. Die vom Versorger bereitgestellte Infrastruktur dient dann nicht nur der Erfassung von Daten zum Energieverbrauch, sondern auch als Zugang zum ‚intelligenten Haus’. Haushaltsgeräte sind dort intelligent miteinander vernetzt und passen sich dem Lebensrhythmus ihrer Bewohner an, Energiemanagementsysteme optimieren den Verbrauch.

Voraussetzung für den Erfolg: Für den Endkunden und auch für die Serviceanbieter bleibt die Technik im Hintergrund. Dies kann durch die von IBM angebotene Plattform ‚Smarthome-Service-Aggregator’ auf Basis von OSGI realisiert werden, die die notwendige Infrastruktur für Mehrwertdienste bereitstellt sowie deren Rechnungsstellung unterstützt.

Die Vielzahl von Anforderungen erfordert eine ebenso ganzheitliche Lösung, um die Vorteile auch tatsächlich zu realisieren. Hierbei ist eine Vielzahl von Komponenten in ihrem zum Teil komplexen Zusammenspiel zu betrachten.

Für den Aufbau der technischen Infrastruktur sind einige Entscheidungen zu treffen, wie die einzusetzende Kommunikationstechnik oder die Einbindung in die bestehende IT-Landschaft.

Neben wirtschaftlichen Aspekten ist hier die zeitnahe Gerätezulassung und Eichung ein kritischer Erfolgsfaktor. Die technischen Komponenten einer integrierten AMM-Lösung lassen sich in vier Bereiche aufteilen:

• Für die Datensammlung im Feld sind die aufgezeigten logischen Funktionen notwendig. Von der IT-Architektur her sind diese in unterschiedlichen Kombinationen in die Geräte eingebaut. Im Privatkundenbereich werden hochwertige Funktionen außerhalb des Zählwerks oft in einem externen Gerät zusammengefasst. Notwendig in dieser Architektur ist die Verbindung der Zählwerke mit diesem Konzentrator, etwa per schmalbandigen Powerlinekommunikation.

• Die Aggregation und Qualitätssicherung von Zeitreihendaten liefert eine Datenaufbereitung für die nachfolgenden Systeme. Bei dem in diesem Falle auftretenden Masseneffekt ist eine sehr hohe System- und Prozessstabilität erforderlich, um aufwändige Nacharbeit zu vermeiden.

Noch keine SAP-Unterstützung

• Im SAP-System können zeitnahe Zählerinformationen an unterschiedlichen Stellen zur Prozessbeschleunigung eingesetzt werden. Um diesen Nutzen zu erschließen, liefert eine applikationsübergreifende Anwendung langfristig die beste Perspektive.

• Zurzeit bietet das Unternehmen SAP noch keine ausreichende Unterstützung, um den vollen Nutzen aus AMM zu ziehen. Daher werden von IBM Funktionserweiterungen entwickelt, die etwa das Sperren und Entsperren dokumentiert abbilden. Somit können AMM-Prozesse im SAP-Backend standardisiert abgebildet werden - bei durchaus gegebener Investitionssicherheit.

Bei der Vielfalt von technischen und organisatorischen Einflussfaktoren ist die Ausrichtung an den Zielen des Energieunternehmens und ein kompetentes Projektmanagement, wie sie von IBM geleistetet werden, entscheidend für den Projekterfolg.

(Ralf Thiemann)

Erschienen in Ausgabe: 10/2005