Nichts wird so heiß gegessen...

Gasversorger und -händler zum Gasmarkt im Jahr 2006

...wie es gekocht wird. Dieser Meinung sind zumindest die etablierten Gasversorgungsunternehmen Ruhrgas, Mitgas und Bayerngas. Dr. Jörg Spicker von Aquila Energy hingegen beurteilt den Gasmarkt der Zukunft anders. In Folge sieht er neue Aufgaben auf Regionalverteiler und Stadtwerke zukommen.

05. Dezember 2001

Unter der Überschrift „Kein Stein auf dem anderen“ hat Energie Spektrum in der vergangenen Ausgabe vorgestellt, wie sich Dr. Berthold Hannes von der Unternehmensberatung A.T. Kearney die Zukunft der deutschen Gaswirtschaft vorstellt. Er stellte Szenarien vor, in denen er den Lieferantenwechsel für 20 oder gar 40 % der Gaskunden bis zum Jahr 2006 prognostiziert. Gleichzeitig machte er darauf aufmerksam, dass Stadtwerke sowie Ferngasgesellschaften und Regionalversorger sich auf eine deutliche Verschiebung der Wertschöpfungskette einstellen müssen.

Wie Unternehmen der Gaswirtschaft die Zukunft einschätzt, erfuhr Energie Spektrum von den Unternehmen Aquila Energy, Bayerngas, Mitgas und Ruhrgas. So attestiert Dr. Wilfried Czernie, Geralbevollmächtigter der Ruhrgas AG, Essen, dem Gasmarkt zwar eine große Dynamik, sieht aber derzeit beispielsweise keinen besonderen Handlungsbedarf für Regionalverteiler. „Die bisherige Aufgabenverteilung im deutschen Erdgasmarkt hat sich im Wesentlichen bewährt.“

Doch diese Position wackelt, findet Dr. Jörg Spicker, Chef des seit 1999 in Essen ansässigen Unternehmens Aquila Energy. Die Rolle der Regionalversorger sei derzeit aus verschiedenen Gründen auf dem Prüfstand. „Aus meiner Sicht sollte die Rolle eines Marktteilnehmers an Hand seiner gaswirtschaftlichen Leistung bewertet werden. Einige Regionalversorger tragen derzeit kaum oder gar nicht zu einer echten Wertschöpfung bei. Hier wäre eine Neudefinition der Rolle erforderlich.“, stellt er fest.

Dass die Unternehmen der Gaswirtschaft nicht schlafen, macht Klaus Schröder, Sprecher der Geschäftsführung bei der Mitgas, deutlich: „Die neu im Markt etablierten Energiehändler werden über die Spotmengen Angebot und Nachfrage zusammenführen. Wahrscheinlich ist auch das gemeinsame Vermarkten von Strom, Gas und Öl. Die gesamte Entwicklung wird ausschließlich über die Preisschiene vorangetrieben. Um diesem Trend zu begegnen, werden von den bisherigen Anbietern alle Möglichkeiten zum Auffangen von Margenverlusten über ein striktes Kostenmanagement ausgeschöpft. Darüber hinaus erwarten wir den Aufbau von kooperativen und strategischen Allianzen zwischen regional tätigen Gas- und Stromanbietern. Auch die Entwicklung von überregionalen Energiedienstleistern für mehrere Sparten, außerhalb von Stadtwerksstrukturen, kann sich entwickeln.“

Bei der Mitgas (die aus der Fusion der Gasversorger EWS und GSA entstand und nun laut Schröder der „leistungsstärkste ostdeutsche Regionalgasversorger ist“) stehen zum Beispiel das Ausprägen der Markeneigenschaften und die Erhöhung der Kundenloyalität ganz oben auf der Wunschliste, um dem Abwandern von Kunden entgegenzuwirken. Ziel der Mitgas für die kommenden Jahre ist das Aufstellen neuer Produkte und gegebenenfalls das Ausweiten der Aktivitäten auf neue Versorgungsgebiete.

Gelassen sieht Dr. Ulrich Mössner, Geschäftsführer der Bayerngas GmbH in München, ins Jahr 2006. Er stellt die Prognose von A.T. Kearney zum Gasmarkt in eine Reihe mit den Prognosen zum liberalisierten Strommarkt. Mössner: „Diese hatten ebenfalls ein Aussterben der Weiterverteilerstufe und eine Konzentration auf nur wenige große Player vorausgesagt. Das genaue Gegenteil davon ist eingetreten.“ Sicherlich gehe Bayerngas davon aus, dass die Gaslandschaft im Jahr 2006 eine andere Struktur haben wird als jetzt. Der Transport auch für Dritte wird dabei eine größere Rolle spielen als heute, sagt er. „Hierfür bietet die Bayerngas-Infrastruktur mit ihrem flächendeckenden Hochdruckleitungsnetz exzellente Voraussetzungen. Gerade durch die Liberalisierung des Beschaffungsmarktes kommt aber auch der Einkaufsfunktion regionaler Ferngasgesellschaften eine neue Rolle zu, die zugleich mit einer Bedeutungszunahme verbunden ist. Denn sicherlich ist es nicht sinnvoll dass jeder Endkunde oder jedes Stadtwerk für sich allein auf europäische Bezugsquellen zugeht. Viel mehr Sinn macht es, diese Einzelaktivitäten über regionale Ferngasgesellschaften zu bündeln. Hierfür bietet unser Untertagespeicher Wolfersberg, dessen Speichervolumen mittelfristig auf 450 Mio m³ erhöht werden soll, beste Voraussetzungen. Eine Diversifizierung des Einkaufs ist nur bei gebündeltem Bezug möglich. Die Kenntnis des regionalen Marktes und der spezifischen Kundenbedürfnisse durch die Marktnähe der Bayerngas sind hierbei ein weiterer entscheidender Vorteil.“

Mössner sieht die Bayerngas also gut für künftige Anforderungen gerüstet: „Wir sind auf den Wettbewerb optimal eingestellt und werden unsere Kunden nicht kampflos der Konkurrenz überlassen. Attraktive Konditionen und ein breites Dienstleistungspaket sowie eine gute Kundenbindung sichern uns auch in Zukunft gute Chancen, unsere Marktanteile zu verteidigen oder auszubauen.“ Es werde sich noch einiges bei Bayergas ändern, um kommenden Anfordungen gerecht zu werden, kündigt der Bayergas-Chef an. „Eine Optimierung der Bezugsaktivitäten inklusive Portfoliohandel ist geplant. Neue Dienstleistungen wie Preisabsicherung, zunehmender Transporthandel sowie ein verstärktes Engagement im Erdgasfahrzeugmarkt erweitern unsere Aktivitäten. Und sicher werden wir auch künftig über unser Versorgungsgebiet hinaus aktiv sein.“

Zur Perspektive der einzelnen Handelsstufen meint Czernie von der Ruhrgas, es sei schwer zu beurteilen, wie sich ihre Rollen entwickeln werden. Er betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Ruhrgas als Partner für Regionalversorger beziehungsweise Stadtwerke: „Ruhrgas verfügt über eine hohe technische Kompetenz und ein großes Marketing-Know-how. In der Partnerschaft mit uns können unsere Kunden dieses Know-how selbst zum Ausbau ihrer Marktposition nutzen.“

Czernie sieht im Gegensatz zu Dr. Hannes von A.T. Kearney kein Damokles-Schwert über den Stadtwerken schweben. „Die Stadtwerke verstehen sich zunehmend als Energiedienstleistungsunternehmen vor Ort und werden von ihren Kunden auch als solche wahrgenommen. Durch ihre Kundennähe und die gute Kenntnis des örtlichen Marktes haben sie gute Chancen im Wettbewerb.“

Auch Aquila Energy-Chef Spicker sieht Stadtwerke in einer wichtigen Position, aber „sie werden ihre Kundenorientierung in vielen Fällen verbessern müssen. Wahlmöglichkeit für Kunden bedeutet auch, dass Kunden wählerisch werden. Überzeugende Konzepte, die nicht über den Preis gehen, kann ich bislang nicht erkennen.“

Aber nicht nur die Unternehmen müssten sich ändern, auch die Regeln des Marktes hält Spicker für verbesserungsbedürftig. „Das derzeitige Punkt-zu-Punkt-System ist ein echtes Hindernis für die Weiterentwicklung des Erdgasmarktes. Es führt zu extremem Transaktionsaufwand, ist inflexibel, intransparent und diskriminierend. Es muß schnellstmöglich durch ein Entry/Exit-System ersetzt werden, wie es sich in anderen Märkten bewährt hat. Als Händler haben wir in unserem Verband EFET Deutschland gemeinsam ein solches Modell entwickelt.“ Czernie zur Verbändevereinbarung: „Im Rahmen der Weiterverhandlung der Verbändevereinbarung wird zu diskutieren sein, ob und inwieweit eine Weiterentwicklung des heutigen Modells zu einer Vereinfachung beitragen kann.“

Spicker spricht sich zudem für eine Instanz aus, die den Gasmarkt lenken hilft: „Wir brauchen eine unabhängige Instanz in Deutschland, die Netzzugangsbedingungen vor ihrer Veröffentlichung genehmigt oder festsetzt. Das muss keine Behörde sein. Wir brauchen Kompetenz, Transparenz und schnelle Entscheidungen.“

Czernie ist jedoch gegen regulierende Eingriffe: „Es ist nicht anzunehmen, dass eine Regulierungsinsstanz die Aufgabe haben kann, die Wettbewerbsfähigkeit von Marktteilnehmern herzustellen. Sie wäre für den deutschen Markt mit seiner pluralistischen Struktur nicht adäquat und würde den Wettbewerb eher in Bürokratie ersticken, als ihn zu befördern“, ist er überzeugt und Mitgas-Geschäftsführer Schröder führt aus: „Deutschland sollte weiterhin den betont marktwirtschaftlichen Weg gehen und ohne eine Regulierungsbehörde die Liberalisierung umsetzen. Die Liberalisierung ist ein Prozess, der durch die liberal und individuell ausgehandelten Gastransportverträge - wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch - den Marktbedingungen unterworfen ist. Selbstverständlich müssen für die Leitungsnetznutzung Rahmenbedingungen mit allgemeiner Anerkennung geschaffen werden.“

Dr. Mössner liefert das passende Argument gegen einen Regulator: „Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland seinen Markt auf dem Wege der freiwilligen Verbändevereinbarung schneller und effektiver geöffnet hat als dies den übrigen europäischen Ländern mittels staatlich eingesetzter Regulierer bisher gelungen ist. Den Aufbau einer großen Regulierungsbehörde mit der damit einhergehenden Bürokratisierung halten wir deshalb für nicht notwendig und sogar kontraproduktiv!“

Vieles im Gasmarkt hängt jedoch nicht allein vom deutschen Regelwerk ab, sondern von europäischen Rahmenbedingungen. „Die Vollendung des Binnenmarktes für Energie ist ein entscheidender Faktor, um die auf dem Erdgasmarkt erforderliche Liquidität, Transparenz und Chancengleichheit zu erzielen. Erst bei konsequenter Umsetzung der beschleunigten Marktöffnung wird Europa die Früchte der Liberalisierung einfahren können“, stellt Dr. Spicker fest. Dr. Czernie fordert deswegen gleiches Recht für alle: „Es gilt zunächst, faire Wettwerbsbedigungen zu schaffen, sodass nicht nur Anbieter auf dem attraktiven deutschen Markt aktiv werden können, sondern auch deutsche Energieunternehmen im europäischen Ausland.“ Und Bayerngas-Geschäftsführer Dr. Mössner bringt den Aspekt der Beteiligungspolitik ins Spiel: „Wir sehen es als große Ungerechtigkeit an, dass ausländische Großunternehmen aus geschützten Märkten heraus auf Einkaufstour gehen.“

Bevor ein deutscher oder gar europaweiter Gasmarkt an Leben gewinnen kann, ist außerdem an anderer Stelle Aufbauarbeit zu leisten, denn mit heutigen Mitteln sei beispielsweise ein nenneswertes Handelsaufkommen nicht ohne weiteres zu bewältigen, so Dr. Spicker. „Zunehmendes Handelsaufkommen erfordert eine fokussierte Organisation der Marktteilnehmer. Sie müssen flexibel und intern transparent reagieren können. Dazu sind leistungsfähige IT-Systeme unverzichtbar.“ Und auch auf das Personal komme es an, damit der Austausch von Energiedaten gelingt, ergänzt Mitgas-Sprecher Schröder.

Dr. Jörg Spicker von Aquila Energy fasst zusammen, wie er sich den Gasmarkt in fünf Jahren vorstellt: „Für das Jahr 2006 haben wir die Vision eines integrierten europäischen Gasmarktes, in dem Gas ungehindert über Grenzen fließen kann. Durch die Vereinfachung der Netzzugangsbedingungen werden Kosteneinsparpotentiale realisiert, die das Wirtschaftswachstum in Europa beschleunigen. Alle Kunden werden sich ihren Lieferanten aussuchen können und dabei auf zusätzliche maßgeschneiderte Dienstleistungen zurückgreifen.“

Ein Umsatzanteil der Erdgashändler in der Größenordnung von mehr als 5 % in 2006 würde Spicker als Erfolg für die neuen Anbieter werten. Doch manches könnten Erdgashändler nicht bieten, meint Ruhrgas-Mann Czernie: „Die Dienstleistung der Ruhrgas ist eine zuverlässige und langfristig gesicherte Versorgung mit Erdgas - gegenüber Händern ist allein das schon ein zentrales Differenzierungsmerkmal“, spielt er auf die Rolle langfristiger Bezugsverträge an.

„Die Ausbildung eines größeren Spotmarktes in Deutschland wird nicht erwartet“, stellt Schröder fest. Gründe hierfür seien die wachsende Nachfrage nach Erdgas, unter anderem für den Einsatz in Kraftwerken. „Der Versorgungsaufwand für den europäischen Erdgasmarkt wird in den nächsten Jahren steigen. Immer kapitalintensivere Projekte in der Nordsee und in Russland erfordern privatwirtschaftlich abgesicherte Langfristverträge für den Gasbezug“, nennt er weitere Hemmnisse für einen Zunahme der Spotmengen. Einen einstelligen Prozentbereich werden diese nicht überschreiten, ist er überzeugt. Doch auf Spotmengen allein sind die Händler nicht angewiesen, wie Dr. Spicker betont: Neben Mengen aus Spotmärkten verspricht er sich für seine Branche auch Zugang zu flexiblen Langzeitverträgen, die insgesamt die Versorgungssicherheit erhöhen.

Erschienen in Ausgabe: 12/2001