NIS schützt Leib und Leben

Anwender aus EVU bestätigen Nutzen von Netzinformationssystemen

Nicht nur monetärer Nutzen spricht für den Einsatz von Netzinformationssystemen, sagen beispielsweise Sicad-Anwender aus dem Bereich Utilities. Sie nennen etliche weiche Faktoren, die den Einsatz eines Geografischen Informationssystems zum Muss für Energieversorger machen.

07. Dezember 2001

Wurden Netzbetreiber in den vergangenen Jahren zum Nutzen ihrer Investitionen befragt, stand in der Regel Kostensenkung als erklärtes Ziel im Vordergrund. Auch die Anwender von Geografischen Informationssysteme (GIS) - in Bezug auf Energieversorger auch als Netzinformationssysteme (NIS) bezeichnet - wollten durch die sinnvolle Verknüpfung der räumlichen Daten mit Instandhaltungssoftware und betriebswirtschaftlichen Programmen dem steigenden Kostendruck den Wind aus den Segeln nehmen.

Bessere Netzinstandhaltung bei geringerem Personaleinsatz und gleichbleibender Verfügbarkeit war oft das Ziel, wenn über Jahrzehnte teuer erfasste Geodaten für neue Anwendungsfelder erschlossen wurden, bestätigt Horst Gotthardt, Geschäftsführer des GIS-Anbieters Sicad Utilities. Doch auch vermeintlich weiche Faktoren sprechen für den Einsatz eines modernen Netzinformationssystems. Im Vergleich zur reinen Dokumentation eröffnet die Softwareintegration erhebliche Optimierungspotenziale, denen sich auch kleinere Unternehmen nicht verschließen sollten, meint der GIS-Experte. „Sicherlich mussten und müssen die Kosten des Netzbetriebs hierzulande gesenkt werden. Aber nicht um jeden Preis. Und ein Netzinformationssystem ist nicht zuletzt auch dazu da, um Prozesse zu optimieren und die Qualität der EVU-Dienstleistungen zu steigern.“

Dass in jedem Fall ein Standard von Vorteil ist, der ein leichtes Abbilden verschiedener Sparten (Gas, Wasser, Abwasser, Strom und Wärme zum Beispiel) mit einer effizienten Bedienbarkeit verknüpft, versteht sich von selbst, meint Thomas Kindervater, GIS-Projektleiter bei der EWE, Oldenburg. „Nur solche Lösungen werden Bestand haben.“ Beispielsweise bei Fusionen setzten sich Standards durch - selbstgestrickte Software sei zum Aussterben verurteilt, ebenso Lösungen, die Offenheit zu anderen Systemen vermissen lassen.

Hans-Peter Schauß, Leiter Integration und Consulting bei der MaSpirIT, pflichtet seinem Kollegen Kindervater bei. Das Tochterunternehmen der Mannheimer MVV Energie AG hat in der jüngsten Vergangenheit einige Erfahrungen bei der DV-technischen Integration der Beteiligungsunternehmen gemacht und kommt zu dem Schluss, dass ein Abbilden der Prozesse die Einführungsphase und die Akzeptanz durch den Anwender deutlich verkürzt. Er verspricht sich von dem einheitlichen IT-Standard im Unternehmensverbund auch deutliche Kostenvorteile und nennt ein Beispiel: „Nachdem wir die Instandhaltungssoftware aller beteiligten Unternehmenssparten vereinheitlicht haben, werden wir die Kosten bis zu 25 % gesenkt haben.“ Von der Effizienzsteigerung durch das Einbinden der Beteiligungsgesellschaften ganz zu schweigen.

Doch es komme auf mehr an, versichert Schauß. Das Motto laute: add value to the process. Schnelle Beauskunftung stelle beispielsweise in vielerlei Hinsicht einen Vorteil dar. Kindervater von der EWE ergänzt: „Bei rund 60.000 Auskünften, die wir jährlich zu unserem Netz erteilen, machen sich verlässliche Daten und eine leicht zu handhabende Lösung deutlich bemerkbar.“ Ein Vorteil der schnellen und exakten Auskunft sei nicht zuletzt, dass Unfällen bei Bauarbeiten - beispielsweise Gasexplosionen und Stromschlag - vorgebeugt werden könne.

Günter Schölla, zuständig für das NIS der Mainova in Frankfurt: „Wenn beispielsweise eine Gasleitung beschädigt ist, ist schnelles Reagieren unter Umständen für Bewohner einer ganzen Siedlung lebenswichtig.“ Auch im Hinblick auf mögliche terroristische Anschläge sei das Wissen um die Netze wertvoll, denn nur so ließen sich beschädigte Bereiche schnell vom Netz nehmen. „Nach den Anschlägen vom 11. September in New York hat sich unser Management intensiv mit den Möglichkeiten und der Reaktionsgeschwindigkeit unseres Netzmanagements auseinandergesetzt.“ Ein gutes Störfall- oder Katastrophenmanagement sei in wirtschaftlichen Kenngrößen nicht zu messen, macht er klar. Hier geht es um Leib und Leben.

Dass auch kleine Unternehmen von einem guten Netz- und damit Störfallmanagement profitieren, steht für Sicad-Chef Gotthardt außer Frage. Er bringt es auf den Punkt: „Wenn Versorger ein gut geführtes Netz haben wollen, spielt die Unternehmensgröße keine Rolle.“ Kleinere EVU könnten sich jedoch nicht immer aufwändige Lösungen leisten, gibt Schauß zu bedenken. Hier mache sich die Stärke eines Verbundes positiv bemerkbar. „Wir von der großen Mutter führen dann den Boden.“ Mit Boden bezeichnet der DV-Experte die Abstimmungs-, Anpassungs- und Schnittstellenprobleme, die eine Softwareintegration meist mit sich bringt. „Dann übertragen wir das gewonnene Know-how auf die Beteiligungsgesellschaften.“ Dies werde durch das Nutzen von Konzernlizenzen auch zunehmend für die kleineren Unternehmen mit vertretbaren Kosten möglich.

Denkbar wäre in diesem Zusammenhang auch das Vermarkten von GIS- und DV-Know-how, etwa durch den Betrieb eines Rechenzentrums für Anwendergemeinschaften. Beispielsweise VPN (virtual private networks) ermöglichten auch entfernten Unternehmen Zugriff auf Sach- und Geodaten, wirft Schauß ein. EWE-Mitarbeiter Kindervater dazu: „Wichtig ist der direkte Zugriff auf die relevanten Informationen, ob im internen Netz oder via Internet. Sicads Geo Service Providing, kurz GSP, ist dafür ein geeignetes Werkzeug.“ Das Einpflegen von Netzdaten sollte allerdings vor Ort erfolgen: „Architecture design zentral - Erfassung dezentral.“

Gotthardt unterstreicht abschließend die Bedeutung der Geodaten bei Energieversorgungsunternehmen: „Das GIS ist sozusagen die Spinne im Netz. Etwa 80 % aller im EVU vorhandenen Daten haben einen Raumbezug, deswegen sind die Geodaten von zentraler Bedeutung. Durch eine intensive Nutzung dieser Informationen können die Versorger nun die Früchte der Arbeit ernten, die sie bei der aufwändigen Digitalisierung und Netzdokumentation über Jahre geleistet haben. Heute können diese Daten einen deutlichen Zusatznutzen generieren.“

Erschienen in Ausgabe: 12/2001