Noch keine echte Chefsache

Studie der PA Consulting Group zum Risikomanagement bei Energieversorgern

Risikomanagement erlangt zunehmend unternehmensweite Bedeutung. Das Mandat hat jedoch das Prädikat „konzernweit“ noch lange nicht erreicht, so das Ergebnis einer Studie der PA Consulting Group. Die Herausforderung für die Energiebranche sei, künftige Maßnahmen richtig zu priorisieren. Die beiden Hauptaufgaben: Sich auf Defizite bei Risiko-Governance und bei Ertragsund Cashflow-Risiken zu fokussieren sowie alle geschäftsrelevanten Risikofaktoren in die Ermittlung des Gesamtrisikos für das Unternehmen zu integrieren. Erst dann trägt ein konzernweites Risikomanagement auch zur Wertschöpfung bei..

28. Mai 2004

Die PA Consulting Group hat über 30 europäische - darunter auch führende deutsche - und zehn USamerikanische Energieversorgungsunternehmen zur Praxis des Risikomanagements befragt. Ein interessantes Ergebnis: Die deutsche Energiewirtschaft schneidet besser ab als der Durchschnitt. Hier wie international ist konzernweites Risikomanagement bei mehr als 75 % aller befragten Unternehmen als Funktion unter Leitung eines Chief Risk Officers eingeführt.

Aber nur knapp ein Drittel deutscher wie internationaler Unternehmen bündelt operative und geschäftliche Risiken in Risikomanagement-Funktionen. Zwar überwacht und verabschiedet ein Risiko-Komitee Maßnahmen zumindest für Markt- und Kreditrisiken, aber häufig sind Regulator- oder Rechtsabteilungen nicht repräsentiert. Trotz vorhandener Funktionen und Gremien gaben über 40 % der Teilnehmer an, dass sich die Unternehmensleitung über die Risikomanagement-Aktivitäten unzureichend bewusst sei.

Risikomanagement ist für die Geschäftsführung nur bedingt wichtig: Rund 45 % der Teilnehmer berichteten, Risikomanagement habe nur niedrige Priorität - für Prüfungs- und Controlling-Fragen werde doppelt so viel Zeit aufgebracht. Die Unternehmensleitung erachte es als wichtiger, die vergangene Unternehmensleistung zu verstehen als die Risiken des zukünftigen Ergebnisses zu kennen.

Die Umfrage zeigt deutlich: Energieversorger setzen zwar auf Geschäftsbereichsebene zunehmend komplexere, statistische Methoden zur Ermittlung der Risiken ein, aber auf Unternehmens- oder Konzernebene ist dies nach wie vor die Ausnahme. Die Herausforderung besteht in der tatsächlichen Verbindung zwischen den Risikofaktoren und -größen einzelner Geschäftsbereiche und den Finanzergebnissen des Unternehmens. Gerade im wichtigen Bereich der Konzernsteuerung - Zusammenhang der Risikogrößen mit tatsächlichen und geplanten Erträgen und Cashflow - haben viele Energieversorger Nachholbedarf.

Bei der Ertragsvorschau berücksichtigen die Energieversorgungsunternehmen zwar Energiemarktpreise als wichtigen Risikofaktor, fast 90 % der Teilnehmer verwenden einen Faktor für Volumenrisiko. Allerdings zeigt eine genauere Analyse, dass die gewählten Faktoren das tatsächliche Volumenrisiko meist unzureichend darstellen - insbesondere bei Unternehmen mit Erzeugungs- oder strukturierten Bezugs- und variablen Absatzportfolios. Ferner berücksichtigt die Mehrzahl der Unternehmen bei der Ertragsvorschau keine Änderungen von Ratings oder Ausfallwahrscheinlichkeiten von Geschäftspartnern. EVUs laufen Gefahr, in der prognostizierten Ertragsgröße einen signifikanten Teil des Risikos nicht abzubilden.

Noch größere Diskrepanz zeigt sich bei der Ermittlung der Cashflow-Risikofaktoren: Nur etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer berücksichtigt beispielsweise Marktpreis- oder Volumen-Risikofaktoren. Insbesondere Auswirkungen eines Downgrades des eigenen Unternehmens kalkulieren nur weniger als 25 % der Energieversorger. Auch hier dramatisiert die Analyse: Über 90 % der EVUs integrieren dies nicht einmal in Stress-Tests - ungeachtet schmerzlicher Erfahrungen einiger Unternehmen aus dem Jahr 2003, als Effekte auf die Cash-Reserven die Existenz gefährdeten.

Für den Umgang mit Kreditrisiken zeigt die Studie: Trotz Bonitätsanalyse von Geschäftspartnern und Ableitung von Kreditlimits ist die Quantifizierung des Kreditrisikos nicht so ausgereift wie die des Marktrisikos. Während rund 70 % der Teilnehmer bei Einschätzung des Kreditrisikos sowohl Settlementals auch Wiedereindeckungs-Risiko berücksichtigen, ermitteln nur weniger als 40 % der Unternehmen das „Future Potential Exposure“.

Weniger als die Hälfte aggregiert das Kreditrisiko über alle Geschäftsbereiche hinweg, um eine konsolidierte Risikogröße für das gesamte Portfolio zu ermitteln. Zudem unterscheiden sich die Ermittlungsintervalle des Kredit- von denen des Marktrisikos - nur knapp die Hälfte der EVUs berechnet Kreditrisiken täglich oder in „real time“. In diesem Thema schneiden die US-amerikanischen Teilnehmer besser ab als die europäischen Energieversorger, die noch nicht in vergleichbarer Härte unter den Auswirkungen von Herabstufung und Insolvenzen leiden.

Entscheidend ist die Fähigkeit, Risikogrößen der Geschäftsbereiche mit finanziellen Kenngrößen des Unternehmens zu verbinden: Aussagen über die Volatilität der Unternehmensergebnisse treffen, Risikobewusstsein im Unternehmen stärken, Finanzmanagement unterstützen und Einführung einer Risikokapital- Allokation vorbereiten.

Die Erfahrung aus der Finanzwirtschaft zeigt, dass es nicht so sehr auf die Detailtiefe der Modelle und Tools ankommt als vielmehr darauf, die relevanten Risikofaktoren des Unternehmens abzubilden. So kann die Unternehmensleitung die vielfältigen Auswirkungen von Marktgeschehen und Unternehmensentscheidungen auf das Gesamtergebnis in der richtigen Dimension abschätzen und Steuerungsmaßnahmen ableiten. Wie lange dieser Prozess in der Energiewirtschaft auch dauern wird, er hat auf jeden Fall bereits begonnen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2004