Norddeutschland dreht ein großes Rad

Regionalfokus

Der Norden Deutschlands beherbergt nicht nur Kühe, Schweine und Seehunde. Die Küstenländer sind vielmehr Hauptschauplatz der Energiewende und ein Zentrum für moderne Energietechnik. Neben den erneuerbaren Energien spielt auch die Erdöl- und Erdgasförderung eine wichtige Rolle für die Region.

23. Oktober 2014

Einige Dutzend Kilometer südöstlich sieht die Sache anders aus. Um Hamburg herum, vor allem aber im südlichen Niedersachsen, weisen nickende Gestängetiefpumpen, sogenannte Pferdeköpfe, auf den fast schon vergessenen Umstand hin, dass es sie noch gibt die fossilen Energieträger Erdöl und Gas. Und sie werden gebraucht. Norddeutschland hat sich zum Standort eines breiten Spektrums moderner Energietechnik entwickelt: Windkraft an Land und auf See, Photovoltaik, Biomasse, Power-to-Gas, Kernkraft, Kavernenspeicherung, Ölplattform mit modernster Bohrtechnik – alles da, wenn auch nicht immer relevant im nationalen Maßstab.

Niedersachsen dominiert bei Gas

Der Beitrag der deutschen Ölförderung am deutschen Öl-Gesamtverbrauch beträgt 3%. Die deutsche Erdgasförderung hat da schon mehr Relevanz: Immerhin konnte sie 2013 einen Anteil von 12% des inländischen Erdgasbedarfs decken. Die Frage, ob der Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zum Ertrag steht, beantwortet WEG-Verbandssprecher Hartmut Pick mit klarem Ja: »Die heimische Produktion trägt zur Versorgungssicherheit bei. Außerdem ist die CO2-Bilanz durch die fehlenden oder mindestens verkürzten Transportwege bei inländischem Gas besser als bei den Gasimporten.« Niedersachsen dominiert die deutsche Öl- und Gasproduktion mit einem Anteil von 96,7% der deutschen Gasproduktion.

Die Belastungen aus der Öl- und Gasförderung stoßen in der ortsansässigen Bevölkerung nicht immer auf Akzeptanz. Besonders die Setzbewegungen an Häusern bis hin zu Erdbeben und die Beeinflussung des Grundwasserspiegels stehen im Zentrum der Kritik an den Öl- und Gaskavernen, die in den Salzstöcken des nordwestlichen Niedersachsen entstanden sind oder – wie in Jemgum – gerade durch Ausspülung entstehen.

Zusätzlich zu den Bergschäden müssen die betroffenen Menschen mit der Verwundbarkeit moderner Produktionsanlagen leben. Im November 2013 flossen 40.000l Öl aus dem Kavernenspeicher in Etzel nahe Oldenburg aus und gelangten in die Umwelt. Die Staatsanwaltschaft Aurich kam zu dem Schluss: Sabotage. Ein Täter wurde bisher nicht ermittelt.

Abgesehen vom örtlichen Protest lösen solche Einzelfälle in Norddeutschland keine tiefgreifende Debatte aus. Zwei Entwicklungen könnten das ändern. Zum einen hat die deutsche Öl- und Gasbranche noch große Pläne. Sie will die Förderung der fossilen Energieträger in Deutschland ausbauen – auch vor dem Hintergrund zunehmender Unsicherheit in den klassischen Förderländern. Auf 41Mio.t schätzt das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie die Erdölreserven Deutschlands. Objekt der Begierde seien die Vorkommen im deutschen Wattenmeer, sagt Verbandssprecher Pick: »Die Vorkommen werden mit vertikalen Bohrungen erkundet und mit abgelenkten Bohrungen ausgebeutet.«

Die zweite Herausforderung besteht im Netzausbau: In der Nordsee entstehen riesige Stromerzeugungskapazitäten. Tausende von Windrädern erzeugen Strom, wo er nicht gebraucht wird. Die vorhandene Netzinfrastruktur reicht bei Weitem nicht, um die Strommengen in die Verbrauchszentren im Westen und Süden Deutschlands zu transportieren. Daher sind im Netzentwicklungsplan vier Korridore vorgesehen. Hier sollen die ›Stromautobahnen‹ Norddeutschland in Richtung Süden durchqueren, Gesamtlänge 2.650km. Der Widerstand der Bevölkerung vor Ort ist programmiert. Und zu welcher Hartnäckigkeit die norddeutsche Mentalität neigt, konnte man am Beispiel des geplanten Endlagers Gorleben jahrzehntelang beobachten.

LNG als Zukunftstechnologie

Im Falle der jüngsten Projektidee scheint diese Hartnäckigkeit aber nicht zielführend zu sein. In Wilhelmshaven, von Abwanderung und Perspektivlosigkeit geplagtes Gemeinwesen, dreht man gerne große Räder – und scheitert meistens.

Mit einem Flüssiggas(LNG)-Terminal sollte vor wenigen Jahren die Wende kommen. Hintergrund ist die deutliche Zunahme der LNG-Tanker und LNG-Transporte weltweit. Von diesem Kuchen wollte die Hafenwirtschaft ein kräftiges Stück ab. 2008 begann eine E.on-Tochter mit der Planung. Die Pläne verschwanden aber schnell wieder in der Schublade, ebenso die Pläne für ein Nachfolgeprojekt, erinnert sich Ulrich Schilling, der die Geschäftsstelle des Wilhelmshavener Hafenwirtschaftsvereins leitet. Der Grund: »Pipeline-Gas ist zurzeit konkurrenzlos günstig.«

Ohne Zuschuss aus öffentlichen Mitteln ist dieses Projekt nicht lebensfähig, sind sich alle einig. Der Unterschied ist nur, dass einige auf dem Geld sitzen und die anderen auf ihre leeren Taschen. Küstenländer und Bundesregierung halten sich zurück. Der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Uwe Beckmeyer (SPD), sprach bei einem Besuch in der Jadestadt Klartext: »Ein LNG-Terminal wäre wünschenswert. In Deutschland regelt das Energiewirtschaftsgesetz die Anforderungen an Versorgungssicherheit. Danach liegt die primäre Verantwortung bei den privaten Unternehmen.«

Auf Nachfrage erklärte der Staatssekretär etwas moderater seine grundsätzliche Unterstützung der Technologie: »LNG wird in Zukunft aufgrund neuer Anbieter weltweit eine deutlich größere Rolle für die Gasversorgung spielen. Ein LNG-Terminal könnte ein zentrales Element zur weiteren Diversifizierung der deutschen Gasversorgung darstellen. Mein Haus führt dazu aktuell Gespräche mit allen Akteuren.«

Brunsbüttel steigt in den Ring

Ob Wilhelmshaven noch oder wieder im Rennen ist, wissen zurzeit nur die Akteure – und die halten sich bedeckt. Schilling jedenfalls hält die Wilhelmshavener Fahne hoch: »Die Planungen kamen in die Schublade, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir sehen nach wie vor Chancen.« Die sehen die anderen Häfen auch. So hat Brunsbüttel seinen Hut in den Ring geworfen.

In Wilhelmshaven führte die Sprachlosigkeit zwischen den Häfen zum Jade-Weser-Fiasko. Der 1Mrd.€ teure Jade-Weser-Port sollte als einziger Tiefwasserhafen Deutschlands Großcontainer der neuesten Generation abfertigen, steht aber seit Betriebsbeginn vor drei Jahren quasi leer.

Brunsbüttel hat sich einen derartigen Fehlpass bisher erspart und sich in der Offshore-Windenergie als Koordinator der Interessen der Häfen Schleswig-Holsteins profiliert. Auch das ist sicher ein Pluspunkt im Rennen um das LNG-Terminal – denn dass es kommt, scheint vielen Akteuren sicher. Die Frage ist nur noch: wann und wo?

Frank Schnabel, Geschäftsführer der Brunsbüttel Ports, will dabei nicht kleckern, sondern klotzen. »Es geht schließlich darum, eine strategische Reserve aufzubauen«, haucht er dem LNG-Terminal geopolitische Bedeutung ein. »Wir wollen ein Terminal mit mehreren Hunderttausend Kubikmeter Kapazität hier aufbauen«, umreißt er das Konzept. Einmalig dürfte die vorgesehene Verknüpfung von einer Gastankstelle für Schiffe mit einer Einspeisung ins Gasnetz sein.

Und dann wird es noch einmal norddeutsch, wie in einem Werbespot des norddeutschen Fernsehens. Dieser preist die »innere Ruhe« der Menschen im Norden. Bei Schnabel klingt das so: »Für Brunsbüttel gibt es keinen Wettbewerber.«

Jörn Iken

Erschienen in Ausgabe: 09/2014