Nutzenergie für Industriebetrieb

Stadtwerke Kiel legten Contracting-Projekt vorausschauend an

Strom kommt für den Chipkartenhersteller Orga „aus der Steckdose“. Und Wärme und Kälte auch, denn der Elektronikspezialist betreibt die Energieerzeugungsanlagen für seinen neuen Werksteil nicht selbst, sondern hat mit den Stadtwerken Kiel einen Contracting-Vertrag über zehn Jahre geschlossen. Der Energiedienstleister stellt nun die Nutzenergie zur Verfügung und sorgt für den reibungslosen Betrieb des Blockheizkraftwerks.

21. Januar 2003

Sich auf seine Kernkompetenzen zu beschränken, hat sich Chipkartenhersteller Orga vorgenommen. Dazu gehört die Energieerzeugung zweifellos nicht. Was lag also näher, als die Erzeugung von Wärme und Kälte, die beim Verarbeiten der Kunststoffe im Werk Flintbek bei Kiel benötigt wird, an einen Dienstleister zu vergeben. Also suchte der Industriebetrieb im Jahr 2000 einen Partner, der sich mit dem Betrieb von Energieanlagen auskennt, und fand ihn in den Stadtwerken Kiel. Die betraten mit dem Contracting-Projekt sozusagen Neuland, denn einen vergleichbaren Auftrag gab es bis dahin nicht. Doch dieser Schritt war durchaus erwünscht. Schließlich gilt es in Zeiten des Wettbewerbs, sich als Dienstleister zu profilieren, und zugleich eröffnete sich für die Stadtwerke die Chance, als Standortversorger in einem jungen Gewerbegebiet tätig zu werden.

Die heutige Anlage wurde für den Bedarf der Orga maßgeschneidert - eine Aufgabe, welche die Alstom Energietechnik GmbH, Dezentale Energieversorgung in die Hand genommen hat. Dieter Reineke aus der Bremer Niederlassung des Anlagenbauers hat das Projekt von Anfang an betreut und erklärt, wie es zu dem heutigen Konzept kam. „Zunächst stand die vollständige Absicherung des neuen Orga-Werks zur Diskussion, doch bald haben wir uns darauf geeinigt, einen Kompromiss aus Verfügbarkeit und Aufwand zu finden“, erinnert er sich. Priorität bekam die Lieferung von Wärme und Kälte. Eine lückenlose Versorgung des Werks mit Strom stellte sich als unwirtschaftlich heraus. Statt dessen klügelten die Alstom-Mitarbeiter mit der Orga ein Lastmanagement aus, dass beim Ausfall des Stromnetzes greift.

Doch schon bevor die Kraft-Wärme-Kältekopplung fertig sein konnte, standen die ersten Wärme- und Kältelieferungen an. Reineke: „Im Januar 2001 unterschrieben wir die Verträge, und im April sollte das Werk schon beliefert werden. Das ließ sich nur mit provisorischen Anlagen realisieren.“ Kessel und Kältekompressoren leisteten in der Übergangsphase gute Dienste und wurden später als Reserve- und Spitzenlastanlagen in das BHKW eingebracht.

Heute dienen zwei Caterpillar-Gasmotoren, die jeweils 999 kWel und 1.300 kWth leisten, als Strom- und Wärmelieferanten. Mit knapp 2 MW elektrischer Leistung sind die Maschinen passend gewählt, um nach dem KWK-Gesetz eingestuft zu werden. Ihnen steht ein Dieselmotor mit 1.805 kWel zur Seite, der nur bei Netzausfall einspringt.

Die thermische Energie der Motoren wird über Wärmetauscher im Wasser- und Ölkreislauf sowie in den Abgasanlagen ausgekoppelt. Sie wird zum Heizen und zum Betrieb der York-Absorptionskälteanlage genutzt, die 1,6 MW liefert und damit für die Grundlastversorgung des Werks ausgelegt ist. Für Spitzenlasten stehen zwei Kessel mit jeweils 2,8 MW und zwei Kompressionskältemaschinen mit jeweils 1,4 MW bereit. Diese Anlagen springen auch ein, wenn Wartungsarbeiten anstehen oder die Grundlastmaschinen ausfallen sollten.

Auf dem Dach des BHKW befinden sich zwei Rückkühlwerke für die Kältemaschinen und eine Notkühleinrichtung für den Dieselmotor. Gesteuert wird das BHKW, das mit einem Wärmespeicher mit 50 m³ ausgestattet ist, in der Regel wärme- beziehungsweise kältegeführt. „Das Blockheizkraftwerk verfügt über hundert Prozent Redundanz“, erklärt Reineke, „so ist die vollständige Versorgung auch bei Ausfällen oder Wartungsarbeiten sicher gestellt“.

Alstom hat nicht zuletzt wegen der „eingebauten Sicherheit“ keine Bedenken, die versprochene Anlagenverfügbarkeit von 97 % bei 6.000 Betriebsstunden pro Jahr einzuhalten. Außerdem steht das Blockheizkraftwerk sozusagen unter ständiger Beobachtung, auch wenn es 24 Stunden ohne Aufsicht gefahren wird. Dazu dient die Anbindung des Leitrechners an die Servicezentralen der Alstom sowie des Motorlieferanten. Störungen lassen sich so aus der Ferne begutachten und eventuell erste Maßnahmen einleiten. Bald soll die Leittechnik der Kraft-Wärme-Kälte-Kopplungsanlage auch auf die zentrale Leitwarte der Stadtwerke Kiel aufgeschaltet werden. So könnten die Kieler die Maschinen beispielsweise bei Netzarbeiten aus der Ferne starten.

Den eingangs erwähnten Kompromiss gingen die Verhandlungspartner ein, in dem sie eine kurzfristige Stromunterbrechung zuließen, denn bei einem Totalausfall des Netzes vergehen etwa 20 Sekunden, ehe der Industriebetrieb wieder „Saft“ hat. Holger Lamp, zuständig für die Energieanlagen, erklärt: „Bei der Orga würden Maschinen nach einem Ausfall des Stromnetzes Schritt für Schritt wieder den Betrieb aufnehmen. Dazu haben wir gemeinsam ein Lastmanagement entwickelt, das aus unserem Blockheizkraftwerk Steuersignale empfängt.“ Die Produktion bei Orga bekommt hierzu die Signale „Ausfall“, „Netzbetrieb“ oder „Netzersatzbetrieb“ geliefert.

Generalprobe für den Ernstfall war kurz vor Ostern. Lamp ist mit der Funktion zufrieden. „Nur wenige Augenblicke nach der Netzabschaltung konnten wir Orga mit Strom beliefern“, sagt er. Allerdings hätten sich Verbesserungsmöglichkeiten beim Zuschalten der Produktionsanlagen offenbart, die nun umgesetzt würden.

Um bei sich ihrem ersten Contracting-Industrieprojekt alle Optionen offen zu halten, planten Alstom und die Stadtwerke vorausschauend. Auf dem Gelände ist noch reichlich Platz für Erweiterungen, denn in dem jungen Gewerbegebiet ist noch mit dem Ansiedeln weiterer Betriebe zu rechnen. „Denen möchten wir ebenfalls Energie im Contracting anbieten können“, erläutert Dirk Weidner, der sich als Key-Account-Manager bei den Stadtwerke Kiel um die Gewinnung weiterer Kunden kümmert. Bis zu 8 MWel ließen sich auf dem Gelände installieren, wenn das Blockheizkraftwerk mit gleichartigen Modulen erweitert würde.

Die Stadtwerke würden es begrüßen, ihre Contracting-Aktivitäten auszuweiten. Sie akquirieren mittlerweile gezielt bei Industrie- und Gewerbekunden. Auch die Versorgung von Haushalten mit Wärme ist in der Diskussion, wie Weidner berichtet. Die Kieler Stadtwerke haben die Zeichen der Zeit erkannt: Nutzenergie zu verkaufen liegt voll im Trend.

Erschienen in Ausgabe: 06/2002