Ökologie trifft Ökonomie

Green IT Der IT-Dienstleister Wilken senkte den Energieverbrauch seines Rechenzentrums in den letzten zwei Jahren um insgesamt 30 %.

08. April 2008

Mit einer selbst arbeitenden ›Alarmanlage‹ lässt sich das Problem vergessener, nicht abgeschalteter PC und Drucker, die Strom verbrauchen, lösen. Beim Ulmer Softwarehersteller Wilken schaltet diese den Strom automatisch ab – und zwar von 22.30 Uhr bis 6.00 Uhr. Lediglich die Serverräume sind über eine getrennte Schaltung im Dauerbetrieb. Die Folge: Kein ›Standby‹ nachts und am Wochenende. Der Stromverbrauch reduziert sich dadurch um 5 %. Seit Anfang 2005 ›virtualisiert‹ das Ulmer Softwarehaus. Damit ist eine Veränderung der Architektur moderner IT gemeint. Mit wenig Equipment soll eine hohe Serverleistung gefahren werden. Die Virtualisierungstechnik ermöglicht, dass Prozessoren, Festplatten und Arbeitsspeicher eines Computers von mehreren virtuellen Computern genutzt werden können. Dem Gastsystem wird ein eigener kompletter Rechner vorgegaukelt. Eine ›Virtuelle Maschine‹ (VM) simuliert die Hardware und ermöglicht einem anderen Betriebssystem, das für einen anderen Hauptprozessor ausgelegt ist, den Betrieb. Seit 2005 sind bei dem Software-Dienstleister über 100 Server durch VM ersetzt worden. Während ein herkömmliches System im Durchschnitt 600 Watt pro Server verbraucht, sind es beim virtuellen System nur 325 Watt. Gleichzeitig ist die Auslastung der Server gestiegen. Die Virtualisierung ermöglicht, Kundenserver im Rechenzentrum parallel zu betreiben.

Heute teilen sich bei Wilken verschiedene Kunden einen Server. Deren Bedarf ist unterschiedlich: Ein Stadtwerk beispielsweise rechnet nur einmal im Monat ab. Dagegen ist der Bedarf eines Shopkunden stetig und konstant. Maschinen, die innerhalb der Woche Geschäftsabrechnungen buchen, nutzt Wilken am Wochenende im Tourismus. Durch die Parallelisierung werden Ressourcen besser nutzbar. Viele herkömmliche Server sind oft nur zu 15 % ausgelastet. Neue Maschinen sorgen für eine bessere Serverauslastung und reduzieren Strom- und Platzbedarf.

Serverraum im Weinkeller

Ende 2007 hat Wilken einen zweiten Serverraum in einem Weinkeller, der weniger gekühlt werden muss, in Betrieb genommen. Das Mauerwerk leitet Wärme besser ab und heizt sich weniger auf als oberirdische Gebäude. Alle Maßnahmen im Serverbereich haben eine Senkung der Stromaufnahme von bis zu 20 % erbracht.

Der Ulmer Dienstleister plant zukünftig den Einsatz von sogenannten ›Blade Systemen‹. Sie ermöglichen eine noch bessere Hardwareauslastung und ein besseres Verhältnis von Stromaufnahme pro VM. Die Anzahl der Netzteile pro Server soll ebenfalls sinken. Wer solche Investitionen scheut oder sich mit den neuen Technologien nicht auskennt, sollte über eine Auslagerung der IT in ein Rechenzentrum seiner Wahl nachdenken. Was Wilken angeht, greifen heute über 5.000 Clients auf das Rechenzentrum zu. Das Softwareunternehmen verbraucht jährlich rund 180.000 kWh. Gleichzeitig ist das Serverwachstum mit über 20 % deutlich gestiegen. Im Sinne ›grüner IT‹ ist damit natürlich auch der CO2-Ausstoß gesunken. Dies ist mit vergleichbar einfachen Mitteln gelungen. Ohne Investitionen geht es jedoch nicht. Im vergangenen Jahr hat der IT-Dienstleister 1,5 Mio. € in energieeffizientes Equipment investiert. Hochwertige IT-Produkte, wie Notebooks, Arbeitsplätze, Monitore oder Server, sind zwar in der Anschaffung teurer, deren Nutzen ist jedoch ungleich höher: Hochwertige Netzteile erreichen heute Wirkungsgrade von bis zu 85 %, Preisbrecher nur die Hälfte. Damit verpufft bei den günstigen Netzteilen die Hälfte in Blindleistung. Durch die Anschaffung der neuen, leistungsfähigen ›Bio-Rechner‹ senkte der Softwarehersteller die Strahlenbelastung und spart im Jahr bis zu 15 % Strom ein.

Moderne Informationstechnologie ist gleichzeitig ›grün‹ (Green IT) und rechnet sich: So verbraucht ein alter Server bis zu 2 kW Strom in der Stunde, ein moderner Server dagegen bei besserer Leistung ein Drittel weniger (0,66 kW pro Stunde). Den Umweltschutz spürt man auch im Geldbeutel. Denn der geringere Verbrauch spart rund 1.800 € pro Jahr und Server. Auch die verwendete Centrino-Technologie vermag den Stromverbrauch zu senken. Dabei handelt es sich um eine von Intel seit 2003 vertriebene Technologie für Notebooks: Der Hauptprozessor ist in der Lage, den Stromverbrauch selbst zu regeln. Er drosselt nichtaktive Prozessorkomponenten automatisch. Bei Leerlauf wird nur ein Bruchteil des benötigten Stroms aufgenommen. Durch die Senkung der Core-Spannung versetzt sich der Hauptprozessor in einen Tiefschlaf. Ältere Prozessoren dagegen erbringen stets dieselbe Leistung – unabhängig davon, ob damit gearbeitet wird oder nicht – und verbrauchen stets gleich viel Strom.

Stromfresser IT-Branche

Die IT- und Telekommunikationsindustrie ist nach einer Studie der US-Klimaschutz- Initiative Climate Savers Computing (CSCI) für 2 % der weltweiten CO 2- Emissionen verantwortlich. 50 % der Energie von Desktop-PC verpufft laut dieser ungenutzt und gibt Wärme ab. Zwar sei die Energieeffizienz bei Servern besser, aber auch hier bleibe 30 % der Energie ungenutzt. Ziel der CSCI ist es, den CO2- Ausstoß bis 2010 um 54 Mio. t zu reduzieren. Laut CSCI könnten in einigen Jahren die Energiekosten bis zu 50 % des IT-Budgets auffressen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2008