Ob PV oder Offshore-Wind: Neuanlagen werden in Deutschland immer häufiger ohne EEG-Förderung geplant und betrieben. Statkraft gab im November ein PPA mit einem PV-Projektentwickler bekannt zur Lieferung von Solarstrom aus Neuanlagen mit einer Leistung von 52 MWp. Welche Zielgruppe wollen Sie mit dem Solarstrom ansprechen und was ist das Besondere des Angebots? Ökostrom per se ist ja nicht neu.

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Mit unserem Angebot sprechen wir vor allem Industriekunden und Stadtwerke an. Und das Interesse ist groß. Bislang gab es bedingt durch die EEG-Förderung und des damit verbundenen Doppelvermarktungsverbotes nur ein sehr begrenztes Angebot an Solar- und Windstrom aus Deutschland.

Dies ändert sich nun zum einen durch die Solar-PPAs und zum anderen durch die so genannten Ü20-Windkraftanlagen, deren Förderung nach 2020 ausläuft. Wir machen dabei die Lieferung des Stroms für Kunden aus Industrie und Energiewelt planbar. Wie wir alle wissen, ist die Erneuerbaren-Erzeugung volatil.Unsere Kollegen bei Statkraft strukturieren maßgeschneiderte Pakete basierend auf den Bedürfnissen unserer Kunden, so dass diese jederzeit den Grünstrom erhalten, den sie benötigen, ob mit oder ohne langfristige Preisbindung. Das dafür benötigte Know-how bringen wir durch unsere führende Rolle und jahrzehntelange Erfahrung im europäischen PPA- beziehungsweise Direktvermarktungsgeschäft Geschäft mit.

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2019 war das Jahr der weltweiten Proteste gegen den Klimawandel. Spüren Sie das im deutschen Markt im Sinne eines gesteigerten Bewusstseins für den CO2-Abdruck in Industrie und Gewerbe?

Wir sehen ganz klar ein gesteigertes Bewusstsein für den CO2-Abdruck in allen Bereichen. Immer mehr Unternehmen haben klare Nachhaltigkeitsstrategien und setzen Ihre Ziele auch konsequent um. In der Industrie kann man eine Art Schneeballeffekt feststellen. Die großen produzierenden Unternehmen gehen voran und machen – als Teil ihrer Maßnahmen zur Erreichung von CO2-Neutralität – ihren Zulieferern ebenfalls klare Vorgaben. Grünstrombezug spielt dabei eine große und wichtige Rolle und für Unternehmen, die in Deutschland ansässig sind, ist in Deutschland erzeugter Strom besonders interessant.

Statkraft plant strategische Investitionen bis 2025 im Umfang von rund 1 Milliarde Euro jährlich, davon 40 Prozent in Europa. Worin investieren Sie und welche Ziele will Statkraft damit erreichen?

In Norwegen hat Statkraft ein umfangreiches Reinvestitions- und Modernisierungsprogramm der Wasserkraftflotte angestoßen. Unsere Investitionen im Bereich Wind- und Solarentwicklung konzentrieren sich in Europa gegenwärtig vor allem auf Windkraftentwicklung in Norwegen, wo wir Europas größten Onshore-Windpark errichten sowie auf zahlreiche Projekte in Großbritannien und Irland. Der Schwerpunkt der Solarentwicklung liegt derzeit in den Niederlanden, wo wir zahlreiche Solarparkprojekte entwickeln.

Die Eröffnung von Büros in Spanien, Schottland und Italien dokumentieren jedoch unsere Wachstumsambitionen in der Windkraft- und Solarentwicklung in einer Vielzahl europäischer Länder. Neben der Erzeugung investieren wir auch in andere mit Dekarbonisierung verbundene Bereiche, insbesondere in der nordischen Region. Hier untersuchen wir Möglichkeiten im Bereich Wasserstoff und Biokraftstoffe und sind auf Expansionskurs mit unserem EV-Ladegeschäft in Norwegen, Schweden, Deutschland und Großbritannien. Generell werden wir zukünftig weiterhin Greenfield-Projekte entwickeln aber auch mögliche Akquisitionen prüfen, um unsere Positionen weiter auszubauen und unsere ambitionierten Wachstumsziele zu erreichen.

Voriges Jahr war ein von Ihnen realisiertes virtuelles Kraftwerk für erneuerbare Energien für den Green Award nominiert. Sind virtuelle Kraftwerke für erneuerbare Energien künftig die Regel und welche Chancen sind mit dieser Entwicklung verbunden?

Statkraft hat es sich zur Aufgabe gemacht, Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen verlässlich, steuerbar und planbar zu machen. Unser virtuelles Kraftwerk ist dabei ein wesentlicher Baustein, um zukünftig eine Stromversorgung in Deutschland zu ermöglichen die wesentlich auf Erneuerbarer Erzeugung basiert.

Ob Wind, Wasser oder Solar in Europas größtem virtuellen Kraftwerk bündeln wir mehr als 1.400 Anlagen, was der Kapazität von rund 11 Kernkraftwerken entspricht. Der Betrieb jeder einzelnen Anlage wird dabei in Echtzeit rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche gesteuert und der erzeugte Strom vermarktet. Da Strom nur in begrenztem Umfang gespeichert werden kann, müssen Erzeugung und Verbrauch jederzeit übereinstimmen. Die Vermeidung von Abweichungen ist insbesondere für erneuerbare Erzeuger mit witterungsabhängigen Produktionsmustern anspruchsvoll. Um das Wetter und die Energiemärkte zu verstehen, verarbeitet und analysiert diese digitale Plattform mehr als 50.000 relevante Datenpunkte pro Minute.

Um die Energie in den Markt zu bringen, sind entsprechende Marktkenntnisse, Wetterkenntnisse, datenwissenschaftliche Fähigkeiten und ein 24/7-Schichtbetrieb erforderlich. Derzeit arbeitet Statkraft mit virtuellen Kraftwerken in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und der Türkei.

Das virtuelle Kraftwerk von Statkraft war das erste und ist heute das größte seiner Art in Europa und höchstwahrscheinlich weltweit. Es ermöglicht Statkraft, erneuerbare Stromproduktion zu verkaufen und die Anlagen zur Deckung des Bedarfs zu nutzen. Damit werden ein stabiles Wachstum und eine kosteneffiziente Integration von erneuerbarem Strom in Deutschland ermöglicht. Unser virtuelles Kraftwerk hat in Europa einen Trend in diesem Technologiesektor gesetzt und ist heute europaweit eine der ausgereiftesten Technologien, um den Übergang in eine grüne und CO2-neutrale Zukunft zu ermöglichen.

Einer Statkraft-Analyse zufolge sind Wasserstoff und E-Mobilität im Nutzfahrzeugbereich ab 2025 gleichauf mit Dieseltreibstoff aus Kostensicht. Das klingt Stand heute sehr ambitioniert. Können Sie die Analyse näher erläutern?

Batteriestrom und grüner Wasserstoff werden im Straßenverkehr zunehmend an Bedeutung gewinnen, da die Kosten für erneuerbaren Strom in Zukunft voraussichtlich sinken werden. Die Statkraft-Analyse der Gesamtkosten für den Besitz eines Diesel-Lkw im Vergleich zu einem Elektro- oder Wasserstoff-Lkw in unserem Low Emission Scenario zeigt, dass sowohl batteriebetriebene als auch wasserstoffbetriebene Lkw ab Mitte der 2020er Jahre auf der Kostenseite zunehmend mit Diesel-Lkw konkurrieren werden. Der genaue Zeitpunkt wird je nach Segment, Land und Fahrverhalten variieren. Für Batterietechnologien, Elektrolyseure und Brennstoffzellen werden bei steigendem Volumen erhebliche Kostensenkungen erwartet.

Wir stellen fest, dass der lokale Dieselsteuersatz und die Tarifstruktur für Strom entscheidende Parameter dafür sind, wann Lkw Kostenparität erreichen. Weitere Kriterien, wie z.B. der Zugang zur Tank- oder Ladeinfrastruktur, die Verfügbarkeit von Lkw-Modellen am Markt, Anforderungen an die Fahrstrecke, die Ladung (Gewicht/Volumen) etc. werden wichtige Entscheidungsparameter für die Lkw-Besitzer sein. In der Regel wird für die Fahrzeuganschaffungskosten später Kostenparität erreicht als für Betriebskosten/Energiekosten. Wasserstoff-Brennstoffzellen-Fahrzeuge werden aufgrund von Nutzungszeit, Entfernung usw. als komplementär zu batteriebetriebenen Fahrzeugen angesehen, und die Investitionskosten für beide Typen werden deutlich sinken. hd

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