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Serie Energieeffizienz - Vor anderthalb Jahren regte die Bundesregierung die Gründung von Effizienz-Netzwerken an. Als eines der ersten ging im Chemiepark Leuna ein solches an den Start – ein Zwischenfazit.

07. September 2016

Im Chemiepark Leuna leuchten jede Nacht Tausende Lichter an den bis zu 80 Meter hohen Kolonnen. Die Sicherheitsfackel ist bis in die Vororte von Halle zu sehen, die Dampfschwaden der Kraftwerkskühltürme manchmal sogar bis Leipzig. Die hier angesiedelte Raffinerie von Total verarbeitet jährlich 11Mio.t Öl, wobei ein Teil der Produkte von den auf dem 1.300 Hektar großen Areal angesiedelten Unternehmen weiterverarbeitet wird. Ein gewaltiger Stoff- und Energiefluss, bei dem es viel Potenzial für das große Thema Effizienz gibt.

Vor genau 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, wurden an der Saale die ersten Fundamente gelegt und Fabriken hochgezogen, die zunächst Ammoniak, bald darauf aber viele andere chemische Grundstoffe herstellen sollten – bis hin zur in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hier installierten Kraftstoffsynthese aus Braunkohle. Von den Anlagen, die bis zur deutschen Wiedervereinigung hier standen, ist heute nur noch wenig in Betrieb – fast der gesamte Komplex ist für rund 6Mrd.€ neu entstanden.

Hoher Wettbewerbsdruck

Auch wenn hier ein insgesamt hochmodernes Unternehmensnetzwerk aufgebaut wurde Energie wird noch immer in gewaltigen Mengen verbraucht. »Wir verbrauchen heute so viel Strom wie 60 Prozent aller Haushalte des Bundeslandes Sachsen-Anhalt zusammen«, rechnet Christof Günther, Geschäftsführer der Standortgesellschaft Infraleuna, vor. Sein Unternehmen Gesellschafter sind mehrere im Chemiepark produzierende Unternehmen ist seit gut 20 Jahren für die Vorhaltung der gesamten Infrastruktur, Verkehrsabwicklung und für die Energieversorgung zuständig. Natürlich zu den günstigsten Bedingungen. Das haben die Gesellschafter der Infraleuna vorgegeben, die ansonsten keinen Auftrag hat, selbst Profit zu erwirtschaften.

»Wir sind daher von vornherein das Zentrum eines riesigen Netzwerkes, bei dem es vor allem auf Effizienz ankommt, natürlich immer unter Aspekten wie Versorgungssicherheit und Kosten«, charakterisiert Christof Günther seinen Job. Der Druck dabei ist enorm: Weil die Energiekosten in der Chemie rund ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen, herrscht auch von dieser Seite ein globaler Verdrängungswettbewerb.

Vorbehalte Überwinden als Devise

Die schon einmal vor wenigen Jahren im Bundeswirtschaftsministerium diskutierte weitgehende Abschaffung von Privilegien bei den Abgaben besonders energieintensiv arbeitenden Branchen und Unternehmen hätte, so hatte es auch Christof Günter wahrnehmen müssen, in Deutschland zu einer Abwanderung von Produktion geführt. Soweit kam es glücklicherweise nicht. Im Gegenteil, die Kosten für Strom für verbrauchsintensive Unternehmen am Chemiestandort Leuna sind heute, anders als noch vor drei, vier Jahren, auch global wettbewerbsfähig.

Dennoch, als Anfang 2015 das nationale Programm zur Energieeffizienz aus der Taufe gehoben und zur Gründung von Netzwerken aufgefordert wurde, war die Infraleuna sofort mit dabei: »Ich habe umgehend bei unseren Unternehmen angefragt und überall nur offene Türen vorgefunden«, berichtet der Infraleuna-Chef. Und so dauerte es nur kurze Zeit, bis das Netzwerk aus insgesamt 15 Unternehmen sich konstituierte und als eines der ersten bundesweit die Sache in Angriff nahm.

›Erfahrungsaustausch‹, der Kernpunkt eines solchen Netzwerkes, hört sich zunächst simpel an. Es kostet nicht viel, man trifft sich, lernt ein wenig die Probleme und Projekte der Nachbarn kennen. Doch soll daraus ein wirklicher Nutzen entstehen, müssen die konkreten Probleme und die Lösungsansätze auf den Tisch. Aber gerade in der Industrie gilt es, einige Vorbehalte und Hürden zu überwinden.

Martin Naundorf, der bei Infraleuna für das Effizienz-Netzwerk verantwortlich ist, weiß wovon er redet: »Die Unternehmen müssen letztlich, wenn das Netzwerk sinnvolle Ergebnisse bringen soll, sehr vertrauensvoll und offen miteinander umgehen«, berichtet er.

Inzwischen, nach den ersten Treffen, sei aber auch er überrascht, dass das offenbar problemlos zu funktionieren scheint: Auf der fachlichen Ebene, die durch die jeweils von den Unternehmen benannten festen Koordinatoren des Netzwerkes verläuft, wird inzwischen alles auf den Tisch gelegt, was zum Thema dazugehört. »Manchmal sind dabei sogar Einzelheiten, die wir nicht ins Protokoll schreiben können, die aber im Gespräch offen behandelt werden.«

Gute Basis fürs Netzwerken

Diese Transparenz findet in Leuna wohl aus zwei grundsätzlichen Punkten heraus eine Beförderung: Zum einen ist es die räumliche Nähe der Unternehmen, die auf dem Areal von der Größe einer Kleinstadt schon lange miteinander zusammen arbeiten.

Zum anderen sind es auch persönliche Kontakte zwischen den Geschäftsführern und Niederlassungsleitern oder den jeweiligen Energiebeauftragten, die sich herausgebildet haben. Man ist miteinander verbunden, auch ganz physisch, weil hier nicht nur Rohre und Kabel, die Betriebsfeuerwehr oder die externe Sicherheit als Gemeinschaftsaufgabe angesehen werden, sondern auch viele direkte Produktbeziehungen funktionieren.

Gerade haben die Total-Raffinerie und Domo ein gemeinsames neues Investment verkündet. Die Linde AG, die hier das größte Zentrum für technische Gase Europas betreibt, liefert in Leuna an ein gutes Dutzend Abnehmer Sauer-, Stick- und Wasserstoff. Andere nutzen das erzeugte Methanol, Propylen oder Naphtha, das aus dem Öl hergestellt wird.

Dennoch bleiben Interessenkonflikte zumindest in der Theorie: Etwa wenn der in Leuna die Raffinerie betreibende Weltkonzern Total hier im lokalen Netzwerk mit anderen großen Playern spricht, die an anderen Standorten Konkurrenten sind. Oder wenn Mittelständler mit Konzernen auf Augenhöhe diskutieren sollen. »Das ist nicht ganz einfach. Aber in Leuna haben wir die nötige solide Vertrauensbasis, darum werden wir es schaffen«, sagt Naundorf.

Potenzial raffiniert genutzt

Manfred Wagner ist in der Total-Raffinerie der Netzwerk-Gesandte. Er sieht die Probleme ähnlich – aber ist ebenfalls zuversichtlich, dass sich die etwa alle halben Jahre stattfindenden Klausuren für alle Partner lohnen. Rund 7% des angelieferten Öls werden in der Raffinerie nach aktuellsten Umweltstandards für den eigenen Produktionsprozess energetisch umgesetzt.

Ein Großteil des benötigen Stroms und Prozessdampfes wird im von Steag gefahrenen Raffineriekraftwerk aus Stoffströmen der Raffinerie generiert. Im Raffinerieprozess selbst kommen selbst erzeugtem Raffineriegas für die Prozessöfen sowie zwangsläufig anfallenden Koksanteilen in einer komplexen Wärmeintegration die tragenden Rollen zu. Mitte der 90er-Jahre, als die Anlagen schrittweise in Betrieb gingen, lag der spezifische Energieverbrauch noch deutlich höher, berichtet Wagner.

Seit 2011 ist Total in Leuna zudem nach ISO 50001 zertifiziert – verbunden mit der Verpflichtung, die Energieeffizienz kontinuierlich und nachhaltig zu verbessern. »Wir haben damals alle Mitarbeiter und Kooperationspartner aufgerufen, Ideen einzubringen. Rund 60 Einzelmaßnahmen konnten schließlich in Angriff genommen werden, 46 davon sind bereits realisiert, zwölf weitere sind fest geplant«, sagt Wagner.

Meist werden solche größeren Eingriffe während der turnusmäßigen Shut-Downs alle drei oder sechs Jahre in Angriff genommen wenn die Hauptausrüstungen ohnehin inspiziert, gewartet und Bauteile erneuert werden. 179GWh Primärenergieeinsparung stehen allein für das Jahr 2015 zu Buche. Mehr, als manches Unternehmen im Chemiepark im Jahr insgesamt verbraucht.

Fahrpläne und Bedarf abstimmen

Wenn bis 2020 die avisierten Projekte abgeschlossen sind, sollen Energiemengen eingespart werden, die dem energetischen Äquivalent von rund 20.000t Rohöl jährlich entsprechen. Neben der Umsetzung einer Vielzahl von kleineren Vorhaben sind auch anspruchsvolle Projekte- wie Prozessofen-Optimierung, Um- oder Nachrüstung von Frequenzumrichtern an größeren Gas-Verdichtern und Nutzung von Prozessdampf zur Eigenstromerzeugung zu nennen.

Bleibt die Frage: Lohnt sich die Teilnahme an dem Netzwerk im Chemiepark für einen solchen Riesen, der bereits ein internes Effizienznetzwerk besitzt und mit seinen Nachbarn – die häufig sogar Kunden sind – intensiv kommuniziert?

Manfred Wagner antwortet darauf ohne zu zögern mit einem klaren Ja. »Denn nur so kann ich im Detail erfahren, was die anderen für Ideen und Projekte entwickeln, worüber dort nachgedacht, vielleicht sogar experimentiert wird.«

Das gelte auch für die anderen Unternehmen, die über Pipelines direkt mit der Raffinerie verbunden sind und Produkte beziehen oder – wie im Fall von Linde liefern. Wagner sieht hier beispielsweise große Potenziale, wenn es gelingt, die eigenen Anlagen-Fahrpläne mit dem kurzfristigen Bedarf der Kunden besser abzustimmen.

Breite Spanne an Unternehmen

Zudem sei es von Vorteil, die technologischen Abläufe der anderen Unternehmen gut zu kennen, einschließlich von Ansprechpartnern. »Es kommt im Alltag immer einmal vor, dass mal etwas nicht so funktioniert, wie abgesprochen. Dann hilft dieses gegenseitige Kennen durchaus, um Missverständnisse zu vermeiden«, sagt er.

Dass beispielsweise der Dow-Konzern an anderen Standorten auch ein direkter Wettbewerber von Total ist, sei in dieser Frage eher zweitrangig. »Hier profitieren beide, denn wir haben beide ein großes Interesse an Effizienz, aber unterschiedliche Projekte.« Dabei gehe es um Schulungen ebenso wie um umweltorientierte Energieeffizienz. Und damit der Austausch keine Einbahnstraße ist, werde bereits eines der nächsten Netzwerktreffen in der Raffinerie stattfinden.

Die Spanne der insgesamt 15 Unternehmen, die am Energieeffizienz-Netzwerk in Leuna involviert sind, ist aber kein Club der Global Player. Sie reicht von solchen Weltkonzernen wie Linde, Dow oder Total bis hin zu Mittelständlern wie Leuna-Tenside oder Leuna-Harze und schließt auch die Hochschule Merseburg mit ein.

Fast wie Schwarmintelligenz

»Wir haben keinen Augenblick gezögert, als die Anfrage kam, ob unser Unternehmen sich beteiligen möchte«, sagt Klaus-Peter Kalk, der bei Leuna-Harze für das Energiemanagement verantwortlich zeichnet. Die chemischen Prozesse im Unternehmen seien enorm energieaufwendig, 53GWh beträgt der Jahresverbrauch zurzeit. »Wir optimieren natürlich ständig, ein solcher Kostenblock ist immer im Fokus. Aber es besteht auch die Gefahr der Betriebsblindheit«, berichtet der Energieexperte.

Und selbst wenn die Lösungen anderer Unternehmen keineswegs einfach übertragbar sind, oder die Ideen aus dem Hochschulbereich mitunter an den Zwängen der praktischen Realisierbarkeit scheitern, so sei der Blick über den eigenen Zaun doch wichtig. »Das ist fast so etwas wie Schwarmintelligenz, die man damit schaffen kann«, fasst Klaus-Peter Kalk zusammen.

Auch hier geht es nicht so sehr um die großen Projekte, die zwar aufgrund des stofflichen Verbundes und der gemeinsam über die Infraleuna organisierten Energieversorgung nicht isoliert in den Unternehmen in Angriff genommen werden, die es aber auch ohne das Netzwerk gäbe.

Im Fall der Leuna-Harze wird beispielsweise die entstehende Wärme in einer Abwasseraufbereitungsanlage durch den Einbau von Rekuperatoren besser als vorher genutzt. Das bis zu 240°C heiße Abwasser – durch den Druck von 54bar ist es flüssig – wird durch eine Gegenstromanlage bis auf etwa 80 Grad gekühlt, die Prozesswärme also nicht mehr wie zuvor über das Dach entsorgt, sondern in den Prozess zurückgeführt.

LED-Umrüstung

»Wir haben aber auch bereits eine konkrete Anregung aus dem Netzwerk bekommen«, sagt Kalk und nennt hier die Erfahrungen etwa von Total bei der Umrüstung der technischen Anlagenbeleuchtung auf LED-Technik. Da diese stromsparende Beleuchtung auch unter den hier herrschenden extremen Sicherheitsanforderungen inzwischen praxisreif ist und in der Raffinerie bereits erste Erfahrungen gesammelt werden, soll sie nun auch schrittweise bei Leuna-Harze umgesetzt werden.

Das hört sich nach nicht sehr großen Mengen an, doch spielt die Außenbeleuchtung in einer Chemieanlage eine nicht unwesentliche Rolle. Rund 1% lasse sich durch die Umstellung beim Stromverbrauch einsparen. »Wenn wir beispielsweise die Steuerung von Kompressoren optimieren, geht es um größere Mengen.« Aber dann sind auch die Investitionen deutlich höher – sie werden in der Regel nur durchgeführt, wenn Anlagen generell erneuert oder modernisiert werden.

Mehr als effiziente Prozesse wichtig

Fühlt man sich, wenn man als Vertreter eines Mittelständlers zusammen mit Vertretern von Weltkonzernen Erfahrungen austauscht, irgendwie ein wenig an den Rand gedrängt? Kalk zögert ein wenig mit der Antwort und relativiert dann: »An den Rand gedrängt sicher nicht, aber natürlich agieren die Großen anders als wir. Sie haben einfach andere Strukturen und Möglichkeiten«, sagt er.

Doch grundsätzlich eint das gemeinsame Interesse, Energie effizient einzusetzen und Kosten zu sparen. Allerdings sieht Kalk das Herangehen der Politik an das Gesamtthema nicht ohne Kritik: »Da wird sehr einseitig auf das Sparen von Energie in den Prozessen orientiert, aber Effizienz ist natürlich viel, viel mehr«, sagt er. Dazu gehöre auch, den Verbrauch und die Erzeugung intelligent zu koppeln oder aber auch über gesellschaftlich unkritisch hingenommene Verschwendungsprozesse zu diskutieren.

Manfred Schulze

Erschienen in Ausgabe: 07/2016