Offener Geist als Prämisse

Management

Intelligente Stadt - Wichtig bei der Umsetzung von smarten Projekten innerhalb einer Stadt ist neben der Zusammenarbeit und richtigen Kommunikation auch, eine offene Plattform zu schaffen, auf der die Stadt und Beteiligte ihre Daten offen für neue Anwendungen zur Verfügung stellen.

30. März 2012

Die Ziele zur Senkung der CO2-Emissionen und zum Einsparen von Energie sowohl der EU wie der Bundesregierung können nicht ohne ein intelligentes Management von Energie und Lebensweisen in den Städten erreicht werden. Hierfür spielt Innovation die zentrale Rolle«, so Alexander Holst, Leiter Sustainability Services beim Technologieberater Accenture. Dabei gehe es um Innovation in allen Bereichen: etwa bei Geschäftsmodellen, Produkten, Prozessen und sozialen Innovationen.

Unter dem Begriff der intelligenten Stadt wird die Idee verstanden, den CO2-Ausstoß zu verringern, mehr erneuerbare Energien einzusetzen, die Verkehrs- und Telekommunikationsnetze zu verbessern und die Städte insgesamt zukunftsfähiger, sicherer und komfortabler zu machen. »Eine intelligente Stadt wird 2020 so ausschauen wie heute. Der Wandel ist überwiegend nicht mit dem bloßen Auge sichtbar. Es handelt sich vielmehr um eine Schönheitskur von innen, die aber im täglichen Leben greifbar wird.«

So hat etwa die ›Smart City Amsterdam‹ sich zum Ziel gesetzt, mit Hilfe energieeffizienter Häuser und intelligenter Stromzähler den Energieverbrauch deutlich zu verringern. Es werden Stadtbusse mit Elektroantrieb eingesetzt, die Straßenbeleuchtung wird mit Energiesparlampen ausgestattet, und der öffentliche Nahverkehr wird ausgebaut. Außerdem sollen in einer intelligenten Stadt die Bürger besser einbezogen werden, zum Beispiel, indem sie Probleme direkt per Handy oder Smartphone an die Stadtverwaltung melden können oder besser über geplante Projekte informiert werden.

Ein kleiner Lenkungskreis aus Bürgermeister und CEO des Energieversorgers, unterstützt durch das Beratungsunternehmen »sorgt dafür, dass es auch vorangeht«, betont Holst. Eines der 20 Pilotprojekte ist zum Beispiel die ›Klimastraße‹. Hier sanierten und modernisierten die Beteiligten die Utrecht Straat, eine Einkaufsstraße: Im Gebäudebereich wurde etwa auf Smart-Building-Technologien und Energieeffizienz gesetzt. Ein weiteres Beispiel lässt sich unter dem Begriff »nachhaltige Müllsammlung« fassen. Die Mülleimer in der Einkaufstraße nutzen Solarenergie. Damit ist es möglich, dass das Müllvolumen in den Eimern sich mit Hilfe entsprechender Technik selbsttätig durch Zusammenpressen reduziert. Das Ergebnis: Die Müllabfuhr muss fünf mal weniger die Eimer leeren. Das Beispiel der Klimastraße möchte auch Köln in seiner geplanten Smart City Cologne realisieren.

Klares Kommunikationskonzept wichtig

»Dass wir so wenig intelligente Städte auf der Welt haben, liegt nicht an der Technologie.« Denn über den Erfolg eines entsprechenden Projektes entscheide auch die sogenannte »Governance« (Führung/Leitung), so Holst. Die wichtigsten Faktoren für ein erfolgreiches Projekt seien mindestens ein engagierter Entscheidungsträger bei der Stadt, ein bis drei potente private Unternehmen und idealerweise zwei bis vier relevante private Stakeholder aus der Bürgerschaft. In Deutschland zum Beispiel »fehlen häufig die zwei bis drei relevanten und zielorientierten Partner zu Beginn – idealerweise die Stadt selbst und der Energieversorger – mit einem stimmigen Planungsvorhaben.«

Es gelte hier früh die Rollen zu klären und die Organisationsstruktur einschließlich der Prozesse festzulegen. »Letzteres wird oft nur durch runde Tische oder Arbeitskreise gelöst, die jedoch keine oder nur geringe Unterstützung in Sachen professionelles Projektmanagement haben.« Des Weiteren ist der Nutzen für die Beteiligten häufig nicht eindeutig genug formuliert. Auch die Ausarbeitung eines klaren Kommunikationskonzeptes fehlt: An wen muss wann was wie über welche Medien in welcher Tiefe und Frequenz vermittelt werden? Aufgrund der Erfahrung in verschiedenen Projekten weltweit schätzt Accenture, dass mehrere Punkte die Entwicklung von intelligenten Städten beschleunigen und vertiefen können: Zum einen ist dies ein professioneller Stakeholder-Engagement-Prozess mit einem starken Projektmanagement vor Ort.

Außerdem kann eine Anpassung und Harmonisierung von rechtlichen Fragen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene helfen. So lassen sich etwa Netzentgelte adaptieren, um Innovationen im Netz zu fördern oder das Mietrecht anpassen, um die Sanierungsquote im vermieteten Bestandsbau zu steigern. »Drittens ist es wichtig, über die Förderung von Finanzierungskonzepten aufzuklären. Dazu kann zum Beispiel zählen, kommunale Sparkassen stärker einzubinden, Public Private Partnership, Bürgerfonds und Stiftungswissen zu vertiefen sowie neue Contracting-Modelle anzuwenden«, führt Holst aus.

Ein gutes Beispiel sei AmsterdamSmartCity, an dem das Unternehmen als strategischer Partner beteiligt sei. »Gerade Amsterdam zeigt sehr schön, dass der Erfolg durch die Einbindung breiter Stakeholdergruppen und die klare Artikulation begründet wird, wie sich das Leben all dieser durch die Änderungen verbessern wird«, so Holst. »Entscheidend ist auch, dass nicht nur ein Pilot in einem Bereich betrachtet wird, sondern dass viele Bereiche einbezogen und auch in größeren Dimensionen gedacht wird.«

Denn neben Kooperationen sind offene Systeme und Daten innerhalb der Stadt ein wichtiges Thema. Diese Daten können dann genutzt werden, um neue Applikationen und Dienstleistungen zu entwickeln. Entscheidend ist eine Plattform, die für alle Beteiligten offen ist und bei der verschiedene Akteure mitmachen können. Viele der derzeitigen Ansätze auf dem Weg zu einer intelligenten Stadt gehen von einzelnen Projekten aus, sind fragmentiert und für sich allein gestellt, so Accenture in einer Studie.

Gleich ein Taxi bei Regen

Eine offene, vollständig kompatible und skalierbare Plattform, die intelligente Infrastrukturen als Service anbietet, macht demnach eine intelligente Stadt erst möglich.

Als eine wichtige Eigenschaft erlaubt die Plattform die Zusammenführung aller Bereiche einer Stadt, seien es Gebäude, Verkehr, Gesundheit, Abfallmanagement, Bildung oder öffentliche Verwaltung mithilfe von offenen Technologien und Architekturen. Durch Integrieren verschiedenster Daten auf der Plattform und deren Nutzung von beteiligten Unternehmen können ganz neue Anwendungen entstehen, wie Holst am Beispiel Singapur verdeutlicht.

Dort entsteht in Zusammenarbeit von Stadt und Energieversorger mit dem Beratungsunternehmen ein Smart Grid. Ein interessantes System, was die Partner dabei realisiert haben, kombiniert aktuelle Wetterprognosedaten und ein Taxiverkehrsleitsystem miteinander: Bei Regen sind die Menschen eher geneigt, sich ein Taxi zu nehmen, als zu Fuß zu gehen. Mit Hilfe der Wetterdaten kann das System die Autos präventiv für solche Stadteile anfordern, für die Regen vorhergesagt wurde. Das führt zu besserer Auslastung der Fahrzeuge und die Menschen müssen nicht so lange auf ein Taxi warten.

EVU als Treiber

So eine offene Plattform könnte zum Beispiel auch Elektroautos in ein Smart Grid integrieren und ein entsprechendes Bezahlsystem ermöglichen. Dienstleistungen und Produkte ließen sich kombinieren, Daten leichter und effizienter austauschen, verschiedene Domains und Stakeholder würden die gleiche Sprache sprechen und können.

Durch offene Standards ist die Plattform modular aufgebaut, so dass die Beteiligten mit einzelnen Projekten starten, auf technologische Veränderungen reagieren und die Plattform ausweiten können. »Im Hinblick auf die Herausforderungen, die das Konzept der intelligenten Stadt mit sich bringt, reicht es nicht, günstig Strom zu verkaufen und Kundennähe zu leben«, so Stephan Werthschulte, Geschäftsführer im Bereich Energieversorgungswirtschaft bei Accenture.

Wer die neue Energiewelt vor Ort aktiv gestalten will, habe zwei Möglichkeiten: »Entweder er spezialisiert sich, treibt ein oder einige Themen gezielt voran und positioniert sich so in dieser Nische.« Oder er entwickle eine Vision, die alle Wertschöpfungsstufen einer intelligenten Stadt berücksichtigt.

»Der zweite ist sicherlich nicht der schnelle Weg zur maximalen Rendite, und dieser große Wurf kann nur gelingen, wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen – ohne Kooperationen geht es nicht.«

Die Chancen eines EVU liegen darin, neue Lösungen, neue Produkte und Abwicklungsprozesse sowie neue Partnerschaften und Allianzen auszuprobieren, sieht Alexander Holst die Vorteile. »Eine Intelligent City kann Innovationstreiber und Katalysator für die Transformation sowie ein neuer Kommunikationskanal zu den Stakeholdern sein - also zu Kunden, Partnern, Politik, Regulierung, Mitarbeitern und Öffentlichkeit.«

Die zentrale Herausforderung liege in der Anpassung, bis hin zu einer Transformation, des etablierten Geschäftsmodells. »Ein EVU als Treiber einer intelligenten Stadt verarbeitet mehr Daten schneller als bisher und nutzt diese, um mit neuen Partnern neue Dienstleistungen anzubieten.«

Bei der Ausgestaltung des Geschäftsmodelles gelte es, die Zielkonflikte beim Transfer des Geschäftsmodelles zu vermeiden: Das EVU muss Kunden und Geschäftspartnern glaubhaft vermitteln, dass sich sein Geschäft vom klassischen Stromvertrieb hin zu einem neuen entwickelt, das durchaus konträr sein kann zum klassischen, wie Energieeffizienzdienstleistungen, oder aber komplementär, wie ein erweitertes Kundendatenmanagement.

Weg von Piloten

»Gerade beim Angebot von Energieeffizienzdienstleistungen kann eine Glaubwürdigkeitsfalle intern gegenüber Mitarbeitern und extern gegenüber Kunden und Öffentlichkeit entstehen. Diese darf nicht unterschätzt werden.«

Ebenso sei eine klare Governancestruktur mit kraftvoller Projektmanagementunterstützung nötig und ein passgenauer Kommunikationsplan. In diesem muss für jeden relevanten Stakeholder ein plausibles Nutzenversprechen enthalten sein, das die Frage beantwortet: Wie verbessert die intelligente Stadt mein Leben morgen im Vergleich zu heute?

Viele Diskussionen und Studien würden noch zu technisch geführt, so Holst. »Dabei ist die Technik Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck. Der individuelle Nutzen, wir sprechen hier häufig vom Business Case, sowie der gesellschaftliche Nutzen, also der Value Case, müssen formuliert werden.« Man müsse weg von den Piloten hin zu skalierbaren Lösungen. Nur so lassen sich Kosten senken und »ernsthafte Wirkungen hinsichtlich des Klimaschutzes erzielen«.

Auch in der Kommunikation würden häufig eher abstrakte Ziele kommuniziert, »etwa indem einfach gesagt wird, dass der CO2-Ausstoß um so und so viel Prozent gesenkt werden muss.« Hier müsste wo immer möglich der direkte Nutzen stärker in den Vordergrund gestellt werden, »etwa durch die Botschaft, dass Gebäudedämmung Geld spart und die Luftqualität direkt durch niedrigere Feinstaubbelastungen verbessert wird. Und nebenbei wird auch noch CO2 eingespart«.

Erschienen in Ausgabe: 03/2012