Offshore auf den Weg gebracht

Windkraft Großbritannien, Dänemark und die Niederlande machen es - nur in Deutschland schien die Zeit im Offshore-Bereich bislang stehen zu bleiben. Jetzt kommt Fahrt in die Sache.

30. August 2007

Wenn man mit einem Flugzeug die deutschen Seegebiete in Nord- und Ostsee überfliegt, um nach Offshore-Windparks Ausschau zu halten, wird man gegenüber dem Vorjahr keine Veränderung feststellen.

Ganze zwei Windenergieanlagen (WEA) stehen mit ihrem Turm im Wasser - allerdings unmittelbar hinter dem Deich wie bei der Enercon ›E-112‹ mit 4,5 MW Nennleistung in Emden oder im seichten Wasser des Warnow-Stroms wie die Nordex ›N90‹ mit 2,5 MW Nennleistung bei Rostock. Die Branche hat für diese Art der Stromerzeugung auf dem Meer den Begriff »Nasse-Füße-Anlagen« geprägt. Etwas vornehmer heißt das »near-shore« - aber auf jeden Fall keine richtige Offshore- WEA, wie man sie mittlerweile aus Skandinavien, Großbritannien oder den Niederlanden kennt.

Der äußere Eindruck einer vor sich hindämmernden deutschen Offshore-Entwicklung täuscht jedoch. Wahrscheinlich hat die Branche in den vergangenen neun Monaten die wichtigsten Schritte ihrer kurzen Geschichte gemacht. Zum einen verabschiedete der Bundestag Ende vergangenen Jahres das Infrastrukturplanungsbeschleunigungsgesetz. Es verordnete den Netzbetreibern, in Eigenregie und auf eigene Kosten die Offshore-Parks ans deutsche Stromnetz anzuschließen - eine große Kostenentlastung für die Offshore-Projekte. »Dieses Gesetz hat die Entwicklung deutlich angeschoben «, freut sich Norbert Giese, Geschäftsführer der Siemens Windpower GmbH. »Viele Offshore-Projekte dämmerten davor doch fast weg. Da ist jetzt richtig Fahrt reingekommen.«

Der zweite entscheidende Schritt ist noch nicht vollendet, aber schon angedeutet: Bundesumweltminister Gabriel will in der anstehenden EEG-Novelle die Einspeisevergütung für Offshore-Windstrom auf europäisches Niveau anheben. Die Branche reagierte taktisch zurückhaltend, aber durchweg positiv. »Das ist eine Annäherung an das Niveau, das mehr deutsche Offshore-Projekte an die Wirtschaftlichkeit heranführen könnte«, formuliert etwas spitzlippig Christian Schnibbe, Pressesprecher der WPD AG, einer der größten international aktiven Windpark-Entwickler.

Dass die deutsche Offshore-Technologie Fahrt aufnimmt, zeigt sich auch am wachsenden Engagement der großen Energieunternehmen. Vattenfall und auch E.on haben in den letzten Monaten zugegriffen und die Projektträgerschaft für mehrere Windparks übernommen. Beide Unternehmen sind auch zusammen mit dem regionalen Energieversorger EWE aus Oldenburg Gesellschafter des ›Alpha Ventus‹-Projektes, vormals bekannt als ›Testfeld Borkum West‹. Hier sollen 45 km nordwestlich von Borkum zwölf WEA der 5-MW-Klasse den aggressiven Elementen der Nordsee ausgesetzt und so Erfahrungen im echten Hochseebetrieb gesammelt werden. Mitte Juni unterzeichneten die Gesellschafter einen Liefervertrag für die ersten sechs Turbinen mit dem Hersteller Multibrid, die anderen sechs Maschinen kommen voraussichtlich vom Hamburger Anbieter Repower.

Starke Aktivitäten entwickeln beide Energiekonzerne in Richtung der Netzanbindung von Offshore-Parks - wenn auch gezwungenermaßen per Gesetz. Sowohl Vattenfall als auch E.on sind dabei, für diesen Job eigene Tochtergesellschaften zu gründen und mit den erforderlichen personellen Kapazitäten auszustatten.

Die regionalen Zuständigkeiten ergeben sich aus der Regelzone. Bei Vattenfall Europe sind dies hauptsächlich die fünf östlichen Bundesländer. Somit ist Vattenfall für die Anbindung der Offshore-Parks in der Ostsee zuständig.

Dafür gründete der Konzern die Vattenfall Europe Baltic Offshore Grid GmbH. Deren Geschäftsführer Gert Schwarzenbach sagt über den Stand der Netzanbindung: »Uns liegen zehn Anträge vor. Sie betreffen Offshore-Windparks sowohl in der AWZ als auch innerhalb der 12-Meilen-Zone in der Ostsee.«

Fingerspitzengefühl ist gefragt, denn nicht wenige in der Windbranche stehen den großen Energieversorgern und deren Netzbetreibern skeptisch gegenüber. Eine der zentralen Fragen ist die nach den Auswahlkriterien, die die Netzbetreiber anlegen, um den Anschlussbegehren nachzukommen - oder auch nicht. »Wir haben als erstes einen detaillierten Fragebogen an die Projektierer verschickt«, erläutert Schwarzbach das Verfahren. »Nach dem Rücklauf sind wir in einem zweiten Schritt dabei, zu bewerten. Das machen wir zusammen mit externen Gutachtern, die nach allgemeiner Auffassung fachlich versiert und anerkannt sind.«

Stete Bewertung der Projekte

In der Tat sind Fachleute am Werk, die wie die Deutsche Windguard, Rechtsanwalt Kuhbier oder die IMS Ingenieurgesellschaft viel Vertrauen in der Windbranche genießen. Die Gutachter bewerten, ob mit einem Baubeginn der einzelnen Parks bis 2011 zu rechnen ist. Nur für deren Netzanbindung sind nämlich laut Infrastrukturgesetz die Netzbetreiber zuständig. Der Stand der Offshore-Projekte wird dabei ständig neu bewertet, sodass laut Schwarzbach auch bislang nicht in die Wahl gekommene Parks neue Chancen bekommen.

Eine weitere drängende Frage: Wer bestimmt die Reihenfolge, in der die Parks angeschlossen werden? »Das arbeiten wir nicht hintereinander ab, sondern so, dass wir die Parks zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme auch anschließen können «, beantwortet Schwarzbach. Er betont ausdrücklich, dass sich sein Unternehmen auch auf den parallelen Anschluss mehrerer Parks einstellt.

Neue Gründungsstrukturen

Bis es soweit ist, sind allerdings noch einige Probleme zu lösen: Nach wie vor existieren mehrere Vorschläge zur Gründungsstruktur für Windkraftanlagen in tiefem Wasser. In Bremerhaven entstand in den letzten Monaten ein sogenannter ›Tripod‹ - ein Dreibein, dass einem überdimensionalen Stativ ähnelt. Der Prototyp soll nun in Verbindung mit einer 5-MWTurbine von Multibrid seine Tauglichkeit beweisen - vorerst allerdings an Land. Der Bremer Projektentwickler Bard Engineering, der sich mit der Eigenentwicklung einer 5-MW-Anlage am zukünftigen Offshore-Boom beteiligen will, setzt auf ein ähnliches Drei-Säulen-Modell.

Wettbewerber Repower geht hingegen mit einem sogenannten ›Jackett‹ in das Rennen. Dieses hat eine filigrane Struktur, die einem Fachwerkturm ähnelt. Weniger in Betracht wird vorläufig der bislang verwendete ›Monopile‹, ein Stahlturm, der tief in den Meeresboden gerammt wird. Diese Technik ist offenbar Wassertiefen, die weiter als 30 Meter gehen, und den großen Gondelgewichten der 5-MW-Klasse nicht mehr vollständig gewachsen.

Erschienen in Ausgabe: 09/2007