»Ohne Erdgas kein Wettbewerb«

Markt Die Ressourcen in der EU werden knapp. Die Importquote steigt. Die Branche fragt sich, ob LNG eine wirkliche Alternative ist.

06. November 2008

»Bis zum Jahr 2020 muss die EU noch über 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas vertraglich sichern. Diese Mengen fehlen uns bislang«, so Dr. Rainer Seele, Sprecher der Wingas- Geschäftsführung, kürzlich auf der Jahrestagung des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln. Zeitgleich zu den wachsenden Importen würden seiner Ansicht nach die Erdgasvorkommen vor allem in der britischen und niederländischen Nordsee stark abnehmen.

»Wir müssen uns fragen, ob wir in der Energiepolitik die richtigen Schwerpunkte setzen, denn eine stärkere Regulierung der Infrastruktur hat nichts mit der Energieversorgung der Zukunft zu tun«, erläutert Seele. Die Regulierung des Marktes schütze nicht vor der globalen Preisentwicklung.

Die Rahmenbedingungen etwa für den Bau von Pipelines, über die zusätzliche Erdgasmengen in den Markt strömen und so den Wettbewerb intensivieren könnten, würden jedoch immer schlechter. So prognostiziert Wingas mit der Einführung des neuen Netzzugangsmodells der Bundesnetzagentur eher ein Ende des konkurrierenden Leitungsbaus für den deutschen Erdgasmarkt.

»Mit diesem Modell wurde zwar eine unkomplizierte Schnellstraße zu den Kunden geschaffen – mit dem positiven Effekt, dass das eigene Gasnetz keine Grenzen mehr kennt. Da jedoch Preisvorteile aus dem Bau von Konkurrenzleitungen künftig weder an Kunden weitergegeben noch selbst profitabel genutzt werden können, gestalten sich Investitionen in neue Pipelines immer schwieriger«, erklärt Seele.

Kurzfristig sei die Liquidität auf den internationalen Importmärkten derzeit zwar kein Problem – »jedoch sind nur wenige Produzenten heute bereit, sich auch langfristig zu binden. Denn Gas wird für sie immer werthaltiger«, so der Diplomchemiker.

Begrenzte Exportpotenziale

Lediglich Russland, das Land mit dem größten zusätzlichen Lieferpotenzial, habe sich zum Kernmarkt Europa bekannt und langfristige Lieferverträge abgeschlossen. Wingas hatte erst kürzlich mit der russischen Gazprom eine Vereinbarung unterzeichnet, wonach der bestehende Hauptliefervertrag bis 2043 verlängert werden soll. »So sehr uns diese Energielieferungen freuen, so sehr sorgt man sich in Europa über eine zunehmende Importabhängigkeit von Russland «, betont Seele. Doch die viel gepriesenen Alternativen wie Flüssiggas-Transporte (LNG) und Erdgaslieferungen aus der kaspischen Region seien kein Allheilmittel. Natürlich habe die kaspische Region mit Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan und dem Iran ein großes Exportpotenzial. »Allerdings zeigt sich nach einer tieferen Analyse, dass Kasachstan und Usbekistan bereits langfristig ihre Erdgaspotenziale verkauft haben und Turkmenistan offenbar mehr Erdgas verkauft hat, als nachgewiesene Vorkommen existieren« führt Seele aus. Realistischerweise würden daher nur Gasmengen aus Aserbaidschan und dem Iran als Lieferpotenziale für Europa übrig bleiben. »Hier stehen wir im starken internationalen Wettbewerb, vor allem zu China und Indien«, sagt Seele.

Auch die allgemeine Begeisterung für LNG-Transporte kann der Gasexperte nicht teilen: »LNG wird stark nachgefragt und ist bereits heute ein knappes Gut. Nach den bisherigen Schätzungen verdoppelt sich der LNG-Bedarf in den nächsten Jahren«. Große Wachstumstreiber seien Europa und Amerika. Allerdings habe letzterer Kontinent kaum Alternativen mit Pipelinegas und sei so viel stärker auf LNG angewiesen.

Einen großen Nachteil habe LNG nach Ansicht des Fachmannes im Bereich der Versorgungssicherheit: »Die Transporte gehen immer häufiger kurzfristig in die Märkte, welche den allerhöchsten Preis zahlen«. Mittlerweile sei es sogar so, dass aufgrund der hohen Flexibilität die zusätzlichen LNG-Transporte zunehmend auch den europäischen Gaspreis mitbestimmten. »Statt lediglich auf mehr LNG zu setzen, sollte sich Europa auf seinen Wettbewerbsvorteil besinnen und auch neue Importkapazitäten über zusätzliche Erdgasleitungen fördern. Wir brauchen möglichst alle Projekte, die derzeit geplant werden«, sagt Seele. Denn eine ausreichende Liquidität mache sichere Versorgung und auch Wettbewerb erst möglich.

Erschienen in Ausgabe: 11/2008