Ohne Marge wenig Wettbewerb

DIENSTLEISTUNG Die Regulierung erhöht die Anforderungen an EVU drastisch; vor allem kleine Unternehmen kommen unter Druck. Achim Südmeier, Vorstand der RWE Rhein-Ruhr AG, kennt die Herausforderungen der neuen Marktsituation.

18. August 2006

es: Zu Beginn der Liberalisierung prognostizierten Experten ein großes Stadtwerkesterben, das jedoch ausblieb. Sorgen Unbundling und Regulierung nun doch noch dafür?

Sicher wird die Branche nicht so bleiben wie sie ist. Die Themen Unbundling und insbesondere Regulierung werden die Ertragslage von Energieversorgern massiv beeinflussen. Das Management in den Unternehmen ist gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um diesen Ergebniseinbrüchen entgegenzuwirken. Dabei wird es für viele EVU notwendig sein, über Kooperationsmodelle Effizienzen zu heben, indem sie sich auf ihre Stärken konzentrieren. Das bedeutet also nicht, dass Stadtwerke von der Bildfläche verschwinden müssen. Das Stadtwerk und der Regionalversorger als Portal zum Kunden werden bestehen bleiben, im Hintergrund jedoch dürfte sich vieles verändern.

es: Wird sich im Privatkundenbereich ein Wettbewerb entwickeln, wie wir ihn im Telekommunikationsmarkt erleben?

Die Wettbewerbsintensität wird stark abhängig davon sein, wie die politischen Rahmenbedingungen auf die Preisgestaltung Einfluss nehmen. Grundlage für Wettbewerb ist die Marge, und die ist heute im Vertrieb leider sehr gering. Und wo keine Margen winken, findet auch nur wenig Wettbewerb statt. Sinkende Netznutzungsentgelte bei konstanten Endkundenpreisen würden wahrscheinlich zu höherer Wettbewerbsintensität führen, weil es für neue Anbieter interessant wäre, in den Markt vorzustoßen. Andererseits sollen sinkende Netznutzungsentgelte an die Endkunden weitergegeben werden. Politisch regulierendes Eingreifen würde also dazu führen, dass zunächst nicht viel Wettbewerb in Gang kommt. Auch die EU-Kommission sieht diese Preisbegrenzung in Wettbewerbsmärkten kritisch. Wie sich das nach Auslaufen der Bundestarifordnung Mitte 2007 entwickelt, wird sich zeigen. Auf längere Sicht erwarten wir schon mehr Bewegung auch im Privatkundenmarkt.

es: Durch die Anforderungen des neuen Energiewirtschaftsgesetzes geraten vor allem kleine Versorger in die Bredouille. Wo liegen die größten Risiken und Herausforderungen?

Nach unserer Einschätzung schneiden heute gerade kleinere Unternehmen im Effizienzvergleich relativ gut ab. Sie haben meist geringe Fixkosten und hohe Outsourcing-Quoten. Problematisch dürfte es für kleinere Unternehmen jedoch werden, wenn die Anreizregulierung kommt und zusätzlicher Kostendruck entsteht. Die daraus erwachsenden Anforderungen werden die Unternehmen nur erfüllen können, wenn sie sich mit anderen zusammentun und beispielsweise Netzverbünde schließen. Wir erwarten, dass sich die Landschaft der Netzbetreiber in Deutschland gravierend verändern wird.

es: Welche Anforderungen sind das konkret?

Viele stöhnen schon heute unter den hohen Anforderungen an das Regulierungsmanagement. Und die Luft wird immer dünner. Ein wichtiges Thema ist beispielsweise die Informationstechnologie, die man benötigt, um Geschäftsprozesse abbilden und Unternehmen profitabel steuern zu können. Ich denke hier beispielsweise an Fragen wie Umsetzung der DuM-Richtlinie oder Verteilnetzbilanzierung. Ein Großteil der Energieversorger - nicht nur kleine - sind damit noch überfordert. Hier wird es notwendig sein, Kooperationen bei IT-Plattformen zu bilden. Es macht keinen Sinn, dass jeder diese Dinge für sich allein tut, sonst droht hier ein monetäres Grab.

es: Welche Kooperationen sehen Sie? Horizontale? Vertikale? Oder sowohl als auch?

Kooperationen im Netzbetrieb sind prinzipiell nur sinnvoll, wenn die Netzgebiete relativ nah beieinander liegen und sich zu einer wirklichen physikalischen Einheit zusammengefügen lassen, die dann etwa mit deutlich geringerem Aufwand von einer zentralen Leitwarte aus gesteuert wird. Ob Kooperationen horizontaler oder vertikaler Art sein sollten, ist von jedem EVU individuell zu beantworten. Ich denke es wird vermehrt horizontale Kooperationen geben. Aber ich bin überzeugt, dass man die Probleme auf die eine wie die andere Art lösen kann. Das ist auch eine Frage der Bindung: Möchte ich die Aufgaben im kommunalen Umfeld über eine große Fläche gemeinsam lösen, oder lehne ich mich an einen größeren Versorger an, in dem ich Dinge wie IT oder Regulierungsmanagement auslagere oder das Netz verpachte.

es: Die RWE hat ihr Dienstleistungsangebot für Beteiligungsgesellschaften und externe Kunden in der RWE Kundenservice GmbH (KSG) gebündelt. Was zeichnet das Unternehmen aus?

Eine Mixtur aus umfassendem Branchen- und Prozess-Know-how sowie die Möglichkeit, Skaleneffekte generieren zu können. Unsere KSG betreut abrechnungstechnisch rund vier Millionen Kunden. Daher sind wir gezwungen, perfekt funktionierende Prozesse zu haben, weil jeder kleine Stolperstein, etwa beim Rechnungslauf, sofort erhebliche Kosten verursachen würde. Dazu mussten und müssen wir uns auch intensiv mit den rechtlichen Rahmenbedingungen Rahmenbedingungen befassen und diese punktgenau umsetzen. Aber gerade die hohe Stückzahl ermöglicht günstige Stückkosten, von denen alle Kunden profitieren. Ein mächtiger Werthebel ist auch die Querverbundabrechnung, hier haben wir inzwischen erfolgreiche Schritte unternommen.

es: Welche Dienstleistungen werden in erster Linie nachgefragt?

Der Bedarfsschwerpunkt der EVU liegt derzeit klar im Netz. Verteilnetzbilanzierung, Bottom-Up-Prognose, Zählwerterfassung und -verarbeitung sind hier einige Stichworte. Generell registrieren wir starkes Interesse der Kunden, unsere IT-Plattform und die dort installierten Prozesse zu nutzen. Aber auch im Vertriebsbereich erwarten wir mittelfristig erheblich zunehmenden Bedarf, beispielsweise bei der Kalkulation börsenabhängiger Produkte. Die mit der Abbildung solcher Produkte verbundenen Anforderungen können kleine EVU aufgrund des hohen Aufwands allein kaum bewältigen.

es: Bei RWE gibt es zudem die Netzwerkpartner? Was steckt hinter der Initiative?

Die Netzwerkpartner sind ein eingetragener Verein, an dem RWE Rhein-Ruhr und die rund 60 teilnehmenden Stadtwerke mit jeweils 50 Prozent beteiligt sind. Dies ist eine weitere, ganz andere Form der Kooperation, die ebenfalls großen Zuspruch findet. Die Teilnahme ist kostenpflichtig und für alle Unternehmen offen. Es werden auf gleicher Augenhöhe alle Fragen behandelt, die der Branche heute auf den Nägeln brennen: Portfoliomanagement, Netzeffizienz, Regulierungsmanagement, Benchmarks, Gasmarktliberalisierung. Die Netzwerkpartner bieten einen Know-how- und Best-Practice-Austausch, bei dem alle profitieren. Zudem lernt man andere Kollegen sowie deren Probleme und Ziele kennen. Dabei sind bereits mehrere Kooperationen entstanden.

es: Letzte Frage: Wie beurteilen Sie die viel kritisierte Arbeit der Bundesnetzagentur (BNA)?

Nach unserer Erfahrung legt die BNetzA das EnWG recht einseitig in Richtung Entgeltsenkung aus. Auch wenn uns das nicht gefällt, muss man sagen, dass die BNA recht intelligent vorgeht und inzwischen effizient arbeitet. Sie hat sich schwerpunktmäßig auf vier, fünf Sachverhalte konzentriert und arbeitet die konsequent ab. Es bleibt auch mit Blick auf die Anreizregulierung zu hoffen, dass sich diese Behörde auch auf ihren zweiten Arbeitsschwerpunkt besinnt, nämlich sichere Netze zu gewährleisten, indem den Unternehmen die Mittel für Investitionen nicht genommen werden.

Gerhard Großjohann

Achim Südmeier

•Nach der Ausbildung zum Diplom- Ingenieur war der 45-Jährige bei mehreren Unternehmen der Elektroindustrie (u. a. AEG, ABB) in leitenden Positionen tätig.

•2001 bis 2003 war er Vorsitzender der Geschäftsführung der RWE Piller GmbH in Osterode.

•Seit Oktober 2003 ist er Vertriebvorstand der RWE Rhein-Ruhr.

Die RWE Kundenservice GmbHFlexibel konfigurierbares Portfolio

Die 2003 in Bochum gegründete RWE Kundenservice GmbH gehört zu 60 % der RWE Rhein-Ruhr und zu 40 % der RWE Westfalen-Weser-Ems. Das aktuelle Programm des eigenständigen Kundenservice-Spezialisten der RWE Energy besteht aus knapp 50 verschiedenen, konkret definierten Produkten. Zu den Kunden zählen nicht nur RWE-Konzern- und -Beteiligungsgesellschaften, sondern auch zahlreiche externe EVU. Das Unternehmen beschäftigt 1.040 Mitarbeiter, betreut 3,4 Mio. Privatkunden und rechnet etwa 4 Mio. Zähler ab.

Erschienen in Ausgabe: 08/2006