Optimierung des Portfolios mit Blick auf die Risiken

Management

Beschaffung - Die seit Marktliberalisierung liquider gewordenen Handelsplätze sorgen dafür, dass Marktpreise größeren Schwankungen unterworfen sind. Um davon zu profitieren, gilt es optimale Strategien anzuwenden.

04. März 2013

Auf der Großhandelsebene hat eine große Entwicklung stattgefunden. Maßnahmen wie die Einführung des Entry-Exit-Modells und Reduktion der Marktgebiete haben den Umgang mit Kapazitätsengpässen und die Distribution vereinfacht. Dies führte zu einer höheren Liquidität des Handels; eine Voraussetzung für unbeschränkten Wettbewerb.

Eine wichtige Kennzahl für die Liquidität eines Handelsplatzes ist die ›Churn Rate‹, die das Verhältnis gehandelter zu physisch transportierter Erdgasmenge darstellt. Sie gibt Informationen, wie häufig eine am virtuellen Handelspunkt transportierte Gasmenge den Besitzer wechselt, bevor sie von dort aus den Endverbraucher erreicht. Im Jahr 2009 erreichte der Handelspunkt NCG die höchste an einem deutschen Handelsplatz erreichte Kennzahl mit einem Wert von 2,5. Mitte 2010 betrug sie bereits 3,5. Diese Dynamik hat zu einem Anstieg möglicher Preismodelle wie Tranche, Bindung an verschiedene Indizes, Spotpreis sowie Fixpreis geführt. Zudem hat sie mit Vollversorgung, Residualmengen sowie Bandlieferung Produktvielfalt in den Markt gebracht.

Es besteht dabei auch die Möglichkeit, Erdgas günstig auf den volatilen Spotmärkten zu beschaffen. Doch diese kurzfristige Beschaffungsstrategie allein ist nicht grundsätzlich optimal, da die schwankende Preisentwicklung stark risikobehaftet ist.

Strukturiert ans Ziel

Die primären Ziele einer möglichst optimalen Beschaffungsstrategie sind grundsätzlich: Den Gasbedarf möglichst exakt abzudecken, Budgetsicherheit, das Vermeiden von Volatilitäten sowie Prognostizierbarkeit der Beschaffungskosten und einen marktadäquaten Preis zu realisieren.

Bei einer risikoadäquaten Beschaffung gilt es, das Risikopotenzial durch einen Vertragsabschluss zum falschen Handelszeitpunkt zu vermeiden. Hohe Marktpreisrisiken für Erdgas lassen sich reduzieren, indem mehrere Beschaffungszeitpunkte für eine angefragte Erdgasmenge realisiert werden. In der Praxis existiert eine Vielzahl an Beschaffungsstrategien, die diese Ziele unter Berücksichtigung flexibler Handelszeitpunkte verfolgen. Sie unterscheiden sich in Komplexität und Risikoaffinität.

Mit dem Wechsel von der klassischen Vollversorgung hin zu einer strukturierten Beschaffung am Markt hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Bei der Vollversorgung zu Fixpreisen wurden die möglichen Kosten verursachungsgerecht auf die Kunden im Rahmen der Angebotskalkulation übertragen. Bei der strukturierten Beschaffung werden diese relativ zu den Großhandelspreisen bestimmt. Bedeutend ist daher eine kurzfristig ausgelegte Beschaffungsstrategie.

Die Durchführung einer strukturierten Beschaffungsstrategie verfolgt mehrere Ziele. Zum einen geht es darum, günstige Marktpreissituationen zu identifizieren und das Risiko zu vermeiden, Energie zum falschen, teuren Zeitpunkt zu kaufen. Um den Restbedarf zu decken, sollte das Unternehmen die Standardgasprodukte mit kurzfristigen Spotmarktprodukten ergänzen. Zudem gilt es, durch Integration mittel- und kurzfristiger Produkte die Risikoaufschläge für langfristige Produkte zu reduzieren.

Mit Hedging absichern

Industriekunden und Stadtwerke haben außerdem im Rahmen ihres Risikomanagements die Möglichkeit, nicht nur die physische Erdgaslieferung zu betrachten, sondern auch finanzielle Hedging-Instrumente einzusetzen. Hedging ist eine zusätzliche Möglichkeit, sich gegen Marktpreisrisiken abzusichern. Dazu führt das Unternehmen eine zusätzliche Transaktion auf Basis des Termingeschäfts durch.

Ein Hedger verfolgt mit ›Derivaten‹ das Ziel, für einen aktuellen Beschaffungspreis einen zukünftigen Wechselkurs festzulegen und bei Preisschwankungen eine preisausgleichende Wirkung zu erzielen. Derivate sind reine Finanzinstrumente, deren Preis vom Wert zukünftiger Marktpreise abhängig ist und die die Unternehmen börslich oder außerbörslich handeln können.

Eine Möglichkeit, Derivate zu gliedern, ist eine Einteilung in Termingeschäfte und Swaps. Bei unbedingten Termingeschäften müssen die Vertragspartner bei vereinbarter Fälligkeit ihrer Vertragspflicht nachkommen. Dabei lassen sich Forwards (außerbörslich) und Futures (standardisiert, börslich) unterscheiden.

Optionen hingegen sind bedingte Termingeschäfte, bei denen ein Vertragspartner per Kaufwahlrecht – Call-Option oder Verkaufswahlrecht – Put-Option darüber entscheidet, ob die vereinbarten Bedingungen des Tauschgeschäfts ausgeführt werden oder die Option verfällt.

Bei Swaps handelt es sich um bilaterale Vereinbarungen über den Tausch von Zahlungsströmen, der an einem einzigen Termin ausgelöst wird. Das kann etwa sein:

• Plain Vabilla Swap (Fix for Floating)

Bei dieser Vereinbarung wird ein variierender Preis gegen einen Fixpreis abgetauscht. Ein Beispiel dafür ist ein an den Ölpreis angelehnter Gaspreis und die Vereinbarung eines fixen Erdgaspreises. Gaskäufer und Gasverkäufer machen dazu in einem Vertrag Mengen, Laufzeiten sowie den variablen und fixen Preis aus. Wenn der Fixpreis niedriger ist als der variable, erhält der Nachfrager die Preisdifferenz über den vereinbarten Zeitraum. Andernfalls zahlt der Gaskäufer an den Gashändler.

• Cross Commodity Swap (Spark Spread)

Sind Stadtwerke im Besitz eigener Gaskraftwerke, kann die Preisdifferenz zwischen dem Outputgut (Strom) und dem Inputgut (Gas) fixiert werden, unter Berücksichtigung des Wirkungsgrads des Kraftwerks. Interessant ist der Swap für energieintensive Industrien, die vor dem Problem hoher Energiekosten und fallender Produktpreise stehen. Ein an Heizöl gekoppelter Gaspreis wird so an den Endproduktpreis gekoppelt.

Der Handel mit Derivaten erfordert eine intensive Marktbeobachtung des Termin- und Spotmarkts, ausreichende Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge und Preisentwicklungen sowie bestimmte formale und materielle Voraussetzungen (Effektivität). Ein bilanzierendes Unternehmen muss das Hedging-Geschäft formal designieren und dokumentieren. Die Methode, nach der die Effektivität des Hedges bemessen wird, ist zum Beispiel ebenso zu erläutern wie die Zweckbestimmung und Effektivität eines Finanzinstruments zur Kompensation des, ebenfalls zu belegenden, Marktpreisrisikos.

Um die Wirksamkeit eines Hedges zu beurteilen, ist entscheidend, inwiefern der Fair Value und Cashflow der Geschäfte auf das abzusichernde Risiko zurückzuführen sind. Dabei muss eine strenge Orientierung an die Richtlinien des IASB (International Accounting Standards Board) erfolgen und die Bilanzierung eines Unternehmens ist auf den Handel mit Derivaten auszurichten.

Aktiver Umgang mit Risiken

Für Industrieunternehmen erfordert Hedging meist einen zu hohen Aufwand, zumal in dem meisten Fällen das spezifische Fachwissen nicht vorhanden ist. Die Praxis zeigt, dass produzierende Unternehmen eine strukturierte Beschaffungsstrategie und die Erdgasbeschaffung mit Standard- oder Profiltranchen favorisieren. Dabei lassen sich bereits Energiekosteneinsparungen im zweistelligen Prozentbereich erzielen.

Mit einem Risikomanagement wird das Gesamtrisiko als Zusammenspiel von Einzelrisiken dargestellt. Die Risikovielzahl erfordert einen aktiven Umgang mit unsicheren, zukünftigen Ereignissen. Dazu werden potenzielle Risiken bewertet. Long- und Shortpositionen unterliegen sinkenden und steigenden Marktpreisen, die etwa mit einer Value at Risk Analyse evaluiert werden.

Ziel einer Portfoliooptimierung ist es, einen möglichst geringen Einkaufspreis bei gegebenen Risiken zu erwirtschaften und unterschiedliche Kontrakte zu kombinieren. Nur wer bereit ist Risiken einzugehen und Positionen aufzubauen kann finanzielle Geschäfte tätigen und Geldflüsse realisieren. Das größte Risiko am Markt ist jedoch eine fehlende Reflexion der Marktgeschehnisse und eine unzureichende Beobachtung risikobehafteter Unternehmenspositionen.

Janina Weber (IEBT – Institute for Energy Business and Technology)

Erschienen in Ausgabe: 02/2013