Option für die letzte Meile

Smart Metering - Mit dem Rollout intelligenter Messsysteme steigt auch der Bedarf an Bandbreite. Spezialist Devolo setzt auf Breitband-Powerline, um die Gebäudedurchdringung sicherzustellen. Für den Betreiber des Stromnetzes eröffnet sich ein zusätzliches Geschäftsmodell.

25. März 2019
Option für  die letzte Meile
(Bild: Devolo)

Sie werben für Breitband-PLC als Mehrwertdienst für Netzbetreiber. Was ist damit konkret gemeint?

Mehrwertdienste sind nicht nur etwas für große EVUs oder die Wohnungswirtschaft. Auch die lokalen Stadtwerke können neue Dienstleistungen entwickeln und dabei ihren Standortvorteil ausspielen. Denn für alle neuen Dienstleistungen braucht man eine zuverlässige Datenkommunikation.

VITA

Prof. Dr. Michael Koch

Er leitet seit Januar 2015 den zu diesem Zeitpunkt gegründeten Geschäftsbereich Smart Grid bei der Devolo AG in Aachen.

An der Universität Duisburg-Essen ist er seit 2007 Lehrbeauftragter für Powerline Communications. 2016 bekam er von der Universität Duisburg-Essen den Titel des Honorarprofessors verliehen.

Der örtliche Netzbetreiber kann seine Niederspannungsebene mit Breitband-Powerline zum omnipräsenten Datennetz ausbauen: für eigene Kommunikationsbedarfe sowie als Kommunikationsinfrastruktur für Dritte. Der Vorteil: Seine Infrastruktur führt direkt zu jedem potenziellen Kunden und ist schnell ausbaubar. Darüber hinaus können Stadtwerke selbst viele sinnvolle neue Dienste, zum Beispiel für die Kommunen, erbringen:

Sie erhalten über die intelligenten Messsysteme verschiedenste Verbrauchswerte und können diese nutzen. Ein paar naheliegende Beispiele: Wird ab 22 Uhr nennenswert Strom verbraucht, ist in der Turnhalle noch das Licht an. Der städtische Hausmeister wird automatisch per SMS informiert. Oder: Die Heizung ist in den Schulferien an. Aufgrund alter Technik und schlecht isolierten Gebäuden kostet dies viel Geld.

Eine Warnfunktion bewahrt den Kämmerer vor unnötigen Heizkosten. Oder: Eine frühzeitige Erkennung von Wasserlecks in städtischen Gebäuden, wie beispielsweise in Büchereien, lässt sich durch intelligente Messsysteme schnell detektieren und verhindert größere Katastrophen.

Das System nutzt den internationalen Standard ITU-T G9960, kurz G.hn genannt. Er berücksichtigt laut Devolo optimal die Anforderung für Access-BPL. Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Die G.hn-Technik bietet gleich mehrere Vorteile. G.hn begnügt sich notfalls mit einem schmalen Frequenzband von 1,8 bis 6 MHz, um eine Datenverbindung zu ermöglichen. Ältere BPL-Technologien benötigen ein größeres Band.

Die Praxis zeigt, dass in der Regel Frequenzen oberhalb von 15 MHz bei der PLC-Übertragung im Niederspannungsnetz nicht nutzbar sind, da hier die frequenzabhängige Kabeldämpfung das Nutzsignal zu stark abschwächt und es sich nicht mehr genügend vom Störpegel abhebt. Für eine stabile Datenverbindung reicht der G.hn-Technologie das Band zwischen 1,8 und 6 MHz. Zudem erkennt G.hn sozusagen als »guter Nachbar« frequenzberechtigte Nutzer und weicht deren Frequenzen selbsttätig aus. Schließlich kommt G.hn vergleichsweise gut mit langen und verlustreichen Kabelstrecken zurecht und ermöglicht so eine geringere Anzahl notwendiger Repeater auf der Übertragungsstrecke. Somit ist das BPL-Netz schneller installiert und kostengünstiger.

Netzbetreiber unterliegen der Bundesnetzagentur. Hat das Auswirkungen auf die Investitionen in innovative Techniken wie Breitband-PLC?

Die Preisobergrenze gibt ja grundsätzlich den Kostenrahmen vor, wobei zu beachten ist, dass die Kosten eines intelligenten Messsystems auf acht Jahre verteilt werden. Ein Breitband-Powerline-Netz hat den Vorteil, dass es sich um einmalige Investitionsausgaben für längerfristige Anlagegüter handelt, sogenannte Capex-Ausgaben. Dies bietet den Netzbetreibern einen gewissen Vorteil gegenüber operativen Betriebsausgaben, sprich Opex, zu denen die laufenden Mobilfunkkosten zu den intelligenten Messsystemen zählen. Die Capex-Ausgaben haben den Vorteil, dass sie in die Anreizregulierung einbezogen werden können.

Dies prüft und entscheidet die Bundesnetzagentur im jeweiligen Einzelfall. In die Bewertung durch die BNetzA fließen verschiedenste Kriterien ein. Opex-Ausgaben fallen erst gar nicht in die Anreizregulierung. Hier bietet Breitband-Powerline einen gewissen Vorteil gegenüber Funk bei der WAN-Infrastruktur.

Mit einem großen Energieversorger testen wir derzeit BPL-Produkte im Feld.

— Prof. Dr. Michael Koch, Devolo

Wie könnte ein Rollout-Schema für Breitband-PLC aussehen?

Das kommt immer auf den konkreten Einzelfall an. Möchte der grundzuständige Messstellenbetreiber zunächst nur vereinzelnd und sehr zögerlich den Pflicht-Rollout angehen, werden nur sehr punktuell intelligente Messsysteme installiert. Folglich lohnt sich der Aufbau eines Breitband-Powerline-Netzes vermutlich nicht und er wird sich für eine Mobilfunklösung zur Anbindung der intelligenten Messsysteme entscheiden.

Plant der Messstellenbetreiber mittelfristig einen größeren Rollout oder möchte er weitere Anwendungen zur Netzaussteuerung/-überwachung einführen, macht es Sinn, ein BPL-Kommunikationsnetz aufzubauen. Es ist jederzeit skalierbar, was dazu führt, dass nicht die kompletten Kosten auf einen Schlag anfallen. Bei der Rollout-Planung sollten zudem die Mobilfunkabdeckung und die Gebäudearten berücksichtigt werden.

In großen Einkaufszentren, Gewerbeanlagen oder Mehrfamilienhäusern befinden sich die Zählplätze oft im zweiten, mitunter im dritten Untergeschoss. Da wird es schwierig mit dem Funkempfang. Die Installationszeiten in diesen Gebäuden werden erheblich länger, wenn die Monteure vor Ort erst einen vernünftigen Funkempfang mittels Antennen herstellen müssen. Powerline als WAN-Lösung ist hier wesentlich einfacher – »Plug-and-play«.

Das bundesweite Verteilnetz ist stark fragmentiert, einerseits viele kleine und mittlere Betreiber, andererseits einige große Netzbetreiber. Wer ist der typische Nutzer Ihres Breitband-PLC-Systems?

Das sind sowohl kleine und mittlere Netzbetreiber als auch die großen. Mit einem sehr großen Energieversorger testen wir derzeit intensiv unsere BPL-Produkte im Feld. Die Ergebnisse zeigen, dass die moderne G.hn-Technologie den anderen BPL-Technologien deutlich überlegen ist. Dieser große Versorger plant den Full-Rollout. Dementsprechend viele intelligente Messsysteme werden in den Netzclustern verbaut.

Hier spielt die Powerline-Technik ihre Vorteile wie Verfügbarkeit an jedem Zählplatz und niedrige Kommunikationskosten aus. Denn je mehr intelligente Messsysteme im BPL-Netz verbaut sind, desto geringer sind die Kosten pro Zählplatz. Aber nicht nur die großen Netzbetreiber setzen auf Powerline-Kommunikation. Auch kleine und mittlere Stadtwerke möchten möglichst unabhängig von Drittanbietern sein und die Datenkommunikation auf der letzten Meile, also von der Ortsnetzstation bis zum Messsystem im Keller, über ihre Niederspannungsebene führen. hd

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 38 bis 39

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