Per Nordic Walking zur Netzeffizienz

<strong>Regulierung</strong> Die Vorgaben der Bundesnetzagentur sind weniger einschneidend als befürchtet. Dennoch geraten gerade kleine Netzbetreiber unter Druck. Immer klarer wird das Votum für eine Deutsche Netz AG.

14. August 2008

Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat Anfang Juli die Eigenkapitalzinssätze für Neuinvestitionen in Strom- und Gasnetze einheitlich auf 9,29 % vor Steuern festgelegt und damit bei Stromnetzen eine Erhöhung um 1,38 % vorgenommen. Altanlagen werden mit 7,56 % vor Steuern verzinst. Laut BNetzA-Präsident Matthias Kurth ist dies ein deutliches Signal, dass Infrastrukturinvestitionen in Energienetze jetzt noch attraktiver würden. »Manch einer, der zweistelligen Renditen im USImmobilienmarkt nachgejagt ist, wäre heute froh, er hätte sein Kapital erhalten und eine stabile und risikoarme jährliche Rendite von über neun Prozent gesichert. Rendite und Risiko sind zwei Seiten einer Medaille. Durch zahlreiche weitere Maßnahmen sowie stabile und sachgerechte Festlegungen garantieren wir, dass diese Renditen für die Investoren planbar und kalkulierbar bleiben.«

Diese Zinssätze gelten ab dem 1. Januar 2009 und finden ihre Anwendung bereits bei der Festlegung der Erlösobergrenzen, die ab diesem Zeitpunkt gelten sollen. Mit dem Aufschlag der Körperschaftssteuer und des Solidaritätszuschlags im Stromnetzbereich wird laut der BNetzA eine signifikante Erhöhung gegenüber dem Entwurf vorgenommen, die bei den Netzbetreibern zu Mehrerlösen von 270 bis 300 Mio. € pro Jahr führen soll.

Die Resonanz auf die Ergebnisse war unterschiedlich. Beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) stieß die Entscheidung erwartungsgemäß auf Wohlwollen: »Der Eigenkapitalzinssatz für Investitionen in Gas- und Stromnetze ist ein Schritt in die richtige Richtung«, erklärte der BDEW-Hauptgeschäftsführer Eberhard Meller. Nur mit einer international konkurrenzfähigen Verzinsung seien Investoren bereit, für den dringend erforderlichen Aus- und Umbau der Netze Kapital bereitzustellen. Seien die Zinssätze niedriger als im Ausland, wandere das Kapital dorthin ab und fehle in Deutschland für Netzinvestitionen, prognostiziert Meller.

»Kaum nennenswerter druck«

Auf wenig Gegenliebe stieß der Beschluss der Regulierungsbehörde bei der Interessenvertretung industrieller und gewerblicher Energiekunden VIK. »Die Stromnetzentgelte werden wieder steigen – trotz Anreizregulierung«, befürchtet man dort. Die BNetzA genehmige die Anreizregulierung mit attraktiv hohen Eigenkapitalzinssätzen für die Strom- und Gasnetzbetreiber und ohne erkennbaren Effizienzdruck für den Netzbetrieb. Für den VIK ist die Erhöhung der Eigenkapitalzinssätze für Strom- und Gasnetzbetreiber enttäuschend.

Dieser attraktive Zinssatz für die Netzbetreiber werde in seiner Bedeutung noch durch den kaum nennenswerten Effizienzdruck auf die Netzbetreiber gesteigert: »Um weniger als ein Prozent im Jahr müssen die Stromnetzbetreiber in den kommenden zehn Jahren ihre durchschnittliche Effizienz steigern. Dieser Rationalisierungs-Druck wird im Rauschen der normalen Teuerungsrate untergehen. Hier war ein Tiger gestartet, der als Bettvorleger landete«, sagte VIK-Geschäftsführer Dr. Alfred Richmann.

Ganz falsch scheint diese Einschätzung nicht zu sein, wird sie doch teilweise vom BNetzA-Chef selbst bestätigt. Kurth sieht einen Wermutstropfen am eigenen Gesamtpaket: »Als wir unser Konzept der Anreizregulierung entwickelt haben, wollten wir ein ehrgeiziges Fitnessprogramm für die Netzbetreiber auflegen. Inzwischen sind wir eher beim Nordic Walking als beim forcierten Jogging gelandet. « Die durchschnittliche Effizienz der Stromnetzbetreiber liege nach der letzten Auswertung zwischen 90 und 92 %. Es müssten also im Durchschnitt nur neun Prozent Ineffizienzen abgebaut werden, und das in zehn Jahren. »Ich würde mich freuen, wenn alle Netzbetreiber in Deutschland wirklich schon so effizient wären. Aber mich beschleicht der Verdacht, dass das in der Verordnung vorgesehene Best-of-Four-Verfahren etwas zu viel von der intendierten Schonwirkung entfaltet«, betont Kurth. Man werde dies genau analysieren. »Wenn es Revisionsbedarf geben sollte, dann eher in die Richtung von mehr Ehrgeiz, mehr Effizienz und mehr Innovation«, so Kurth.

Dennoch habe man sich diesen Schritt nicht leicht gemacht, sondern gründlich und ausführlich analysiert. »Sowohl die Rechtslage, die auslegungsbedürftig ist, als auch die ökonomischen Argumente gaben am Schluss den Ausschlag zugunsten der Netzbetreiber«, so Kurth. Man habe insbesondere darauf geachtet, angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen, die Investitionen in deutsche Energienetze noch attraktiver zu gestalten.

Das speziell von der Politik angestrebte hohe Klimaschutzziel dürfte einen wesentlichen Ausschlag für die Besserstellung gegeben haben. Man unterstütze uneingeschränkt die ›Meseberg-Strategie‹ der Bundesregierung, heißt es von der Bonner Behörde. Von großer Bedeutung waren hier die anstehenden großen Netzausbau-Projekte, insbesondere im Zusammenhang mit der Offshore- Windenergie. Mit den Änderungen werden die Renditeaussichten für diese Einzelprojekte nach ersten Berechnungen der BNetzA um rund 10 % verbessert.

Zunehmende Größendifferenz

Trotzdem sieht der BDEW noch dunkle Wolken für die Netzbetreiber. »Die sich abzeichnenden Effizienzvorgaben zur Senkung der Netzentgelte sind für viele Netzbetreiber nicht zu erreichen und schon gar nicht zu übertreffen«, sagt Hauptgeschäftsführer Meller. Selbst bei Effizienzvorgaben von wenigen Prozent seien erhebliche Kostensenkungen in den nächsten Jahren zu schultern.

Die Auswirkungen hat eine Studie der Unternehmensberatung K.Group untersucht. Ein Ergebnis: Die Unterschiede zwischen den Betreibern großer und kleiner Netze werden zunehmen. Während kleine Netzbetreiber die Chancen regionaler Kooperationen und des Outsourcings komplexer Aufgaben nutzen, werden große Netzbetreiber Zusammenschlüsse vorantreiben. Weniger als ein Drittel der Unternehmen verfügt laut Studie bereits über eine ausreichende Leistungstiefe in den zentralen Aufgaben eines Netzbetreibers: Regulierungs-, Netz nutzungs- und Assetmanagement sowie Grundsatzplanung, Netzvertrieb und Qualitätssicherung. Entgegen den regulatorischen Forderungen habe erst ein Viertel der Netzbetreiber die Verantwortung für die Leitwarte übernommen.

Laut der Studie ›Der Markt für Netzdienstleistungen bis 2015‹ des Marktforschungsunternehmens trend:research könnte die Vermarktung netznaher Dienstleistungen zwar eine attraktive Option darstellen. Doch sei der Markt für Netzdienstleistungen bis heute ein Käufermarkt geblieben, der sich an den Aufträgen der nachfragenden Netzbetreiber orientiert. »Da bleibt scheinbar wenig Raum für Wachstumsphantasien, denn die Netzbetreiber, die als Bedarfsträger über eine bedeutende Marktmacht verfügen, lösen aktuell nicht genug Nachfrageimpulse aus, sondern halten sich mit der Vergabe von Aufträgen zurück«, betont trend:research.

Im Rahmen der Befragung auf der Anbieterseite sei deutlich geworden, dass »gerade größere EVU in den letzten Jahren ihre Hausaufgaben gemacht haben und heute in der Lage sind, sich eine starke Position in einem Wettbewerbsumfeld zu erarbeiten, welches in Zukunft von wenigen großen Netzgesellschaften bestimmt sein wird«. Kleinere EVU müssten sich massiv anstrengen, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden beziehungsweise zum Stand der größeren EVU aufzuschließen.

»Umgehend« zur Netz AG

Auf der Höchstspannungsebene sind die Großen bereits unter sich. Bei der BNetzA sieht man auch hier noch spezielles Effizienzpotenzial. Eine einheitliche deutsche Regelzone sei ein entscheidender Schritt nach vorn im Bestreben, Synergien zu heben, Marktstrukturen zu vereinfachen und die Position Deutschlands im europäischen Verbundnetz zu stärken. Eine gemeinsame Netz AG durch die Zusammenlegung der vier Übertragungsnetze verringere laut BNetzA unter anderem den Koordinierungsaufwand beim grenzüberschreitenden Stromhandel. Die Bonner Behörde empfiehlt »dieses Projekt umgehend in Angriff zu nehmen und die Handlungsspielräume einer freiwilligen Lösung zu nutzen«.

RWE hat Mitte Juli angeboten, die Systemführerschaft für das Höchstspannungsnetz zu übernehmen. Zusätzlich schlug der Energieversorger vor, die Netzbauplanung zu koordinieren. Man wolle bei »der Gestaltung des künftigen Übertragungsnetzes in Europa vorweg gehen«, heißt es dort. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 7-8/2008