Perspektiven der Entkopplung?

Preisbildung Die in den 60er-Jahren eingeführte Öl-Gas-Preisbindung steht in der Kritik. Laut einer Studie gehen erste Versorger neue Wege, wie Gasindices. Es ist jedoch sehr umstritten, ob eine Entkoppelung für niedrige Preise sorgt.

02. Oktober 2008

Der Wettbewerb um Weiterverteiler wie um Endkunden hat sich seit 2007 mit hoher Dynamik weiterentwickelt. Das zeigen auch die Ergebnisse einer aktuellen Studie der PA Consulting Group: Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen, die einen neuen Bezugsvertrag abgeschlossen haben, beziehen Gas von neuen Marktteilnehmern – häufig in Ergänzung zu Verträgen mit traditionellen Anbietern und mit optimierten Beschaffungskosten.

Verbundunternehmen kristallisieren sich dabei als Gewinner im Wettbewerb um Endkunden heraus. Die große Mehrheit der von dem Beratungsunternehmen befragten Regionalversorger und Stadtwerke – deutlich mehr als 2007 – hat im traditionellen Versorgungsgebiet Kunden an diese Unternehmen oder an deren Töchter verloren.

Die Studienautoren haben zudem ausgemacht, dass ein Effekt des intensiveren Wettbewerbs, die sich andeutende Loslösung von der Ölpreisbindung ist. Während Regionalversorger und Stadtwerke Gas bisher in der Regel auf Basis von Ölpreisbindung und Festpreisen einkauften, wurde 2008 bereits ein kleiner Anteil auf Basis von Energiemarktnotierungen beschafft.

Auch beim Vertrieb von Erdgas hätten laut der Studie die Befragten auf die veränderten Rahmenbedingungen im Gasmarkt reagiert. Bei der Bepreisung von Erdgas für Endkunden hat sich mehr als die Hälfte der Befragten von der direkten Ölpreisbindung losgelöst – »ein Paradigmenwechsel «, so PA Consulting.

Bei aller Kritik an der Kopplung des Gaspreises an den Ölpreis stellt sich die Frage nach alternativen Determinanten. Eine mögliche Alternative wäre die Kopplung des Gaspreises an Gasindizes europäischer Energiemärkte. Diese gewinnt laut PA Consulting zumindest im Midund Downstream-Geschäft an Relevanz. Noch 2007 hätten die befragten Regionalversorger und Stadtwerke angegeben, dass keiner ihrer Gasbezugsverträge an Gasindices gekoppelt ist. In 2008 liegt dieser Anteil bereits bei 8 %.

Im Wettbewerb um wechselbereite Kunden haben sogar zwei Drittel der Unternehmen ihre Bepreisungsmechanismen angepasst – von der Loslösung der direkten Ölpreisbindung bis hin zur Abschaffung und Indizierung an Gasnotierungen. Künftig erwägt die große Mehrheit der befragten Energieversorger, ihre Systematik der Erdgasbepreisung anzupassen und diese von der Ölpreisbindung loszulösen – verbunden mit der Hoffnung, Gas günstiger anbieten zu können, um so die Position im traditionellen Versorgungsgebiet zu sichern.

Wettbewerb federt ab

Ob diese Loslösung von der Ölpreisbindung zu niedrigeren Gaspreisen führt, ist jedoch fraglich. Analysen von Märkten ohne oder mit eingeschränkter Ölpreisbindung, wie in den USA oder UK, zeigen, dass der Erdgaspreis auch ohne formelle Kopplung dem Ölpreis folgt. »Globaler Energiehunger und gleichzeitig begrenzte Verfügbarkeit von Erdgas lassen mittel- und langfristig ohnehin auf einen Anstieg des Gaspreises schließen «, hat Thomas Pockrandt, Mitarbeiter der PA Consulting Group, ausgemacht. Sich intensivierender Gas-zu- Gas-Wettbewerb und höhere Liquidität an europäischen Energiemärkten könnten diesen Trend allerdings abfedern.

Dazu komme, so Pockrandt, dass es zu Bepreisungsmechanismen kommen könne, die wenig transparent und für Verbraucher nur schwer nachvollziehbar sind. »Aufgrund der geringen Mengen, die derzeit an deutschen Gashandelspunkten gehandelt werden, wären sogar Manipulationen durch Marktteilnehmer nicht auszuschließen«, gibt sich der Marktexperte hinsichtlich einer Entkoppelung skeptisch.

Diese Gefahr sieht auch Dr. Bernhard Reutersberg, Vorstandsvorsitzender der E.on Ruhrgas. Die Ölpreisbindung verhindere, dass die wenigen Erdgasproduzenten die Preise willkürlich nach oben treiben. »Denn das könnten sie leicht«, so Reutersberg, »indem sie Gasmengen je nach Belieben vom Markt abziehen und so künstlich Engpässe schaffen.« Auch er hat beobachtet, dass an den weltweiten Börsenplätzen, an denen Erdgas kurzfristig und ohne Ölpreisbindung gehandelt wird, sich Gas- und Ölpreis gleichlaufend entwickeln. »Durch den kurzfristigen Handel verläuft das Auf und Ab der Gaspreise jedoch mit weit stärkeren Schwankungen. Saisonale Preisspitzen sind typisch, insbesondere im Winterhalbjahr«, so Reutersberg.

Dies sieht auch Otto Kolmer von der Gasbeschaffungsplattform Bayerngas so: »Die Energieträger Heizöl und Erdgas stehen auch im Wärmemarkt im Wettbewerb. Zudem gilt Rohöl traditionell als Leitwährung für die internationalen Energiemärkte. Mittel- und langfristig ist daher auch bei einer vertraglichen Entkopplung mit einer gleichgerichteten Entwicklung der Öl- und Gaspreise zu rechnen.« Außerdem, so Kolmer, führe die Tatsache, dass Rohöl und Erdgas meist aus denselben Quellen gefördert werden, dazu, dass »die Preisbildung auch bei einer Abschaffung der Ölpreisbindung weiterhin maßgeblich durch die Produzenten beeinflusst wird«.

Kurzfristverträge im Blick

Andererseits sieht Marktkenner Kolmer insbesondere für kurzfristige Lieferverträge neben festen Preisen auch eine verstärkte Chance auf variable Preismechanismen. Dabei sei auch eine Preisbindung an andere Rohstoffe – soweit sie frei gehandelt werden – oder an einem Gaspreisindex (Hubs, Börse) möglich. »Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, sodass zukünftig neben der Ölpreisbindung für langfristige Verträge auch mit alternativen Preisbildungen im Kurzfristhandel zu rechnen ist«, so Kolmer.

Mit Bewegung rechnet auch Thomas Pockrandt von der PA Consulting Group. Sollte die nationale Politik tatsächlich das Ziel verfolgen, die Kopplung von Öl- und Gaspreisen aufzuweichen, empfiehlt er, den Weg der Wettbewerbsintensivierung weiter zu verfolgen. Die europäische Kommission habe bereits klar gemacht, dass sie weitere Maßnahmen zur Wettbewerbsintensivierung verabschieden wird, solange kein vollständiger Wettbewerb hergestellt ist.

Pockrandt setzt hier jedoch eher auf die Kräfte des Marktes: »Eine durch rechtliche Maßnahmen durchgesetzte Abschaffung der Ölpreisbindung würde vermutlich seine Wirkung verfehlen.« Sofern sich aber der Wettbewerb in Deutschland weiter intensiviere, sei damit zu rechnen, dass es »zumindest in Teilen zu einer Loslösung von der Ölpreisbindung kommt«. Denn im Kampf um Kunden seien insbesondere neue Anbieter bereit, Erdgas mit neuen Bepreisungsmechanismen, wie die Kopplung an Gasindizes, anzubieten.

»Chance genutzt«

Erdgas Seit Jahresbeginn bietet Montana Gas in und um München Erdgas für Endverbraucher an. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer.

es: Was hat Sie zum Einstieg in den Gasmarkt bewogen?

Dies war schon immer unser Ziel und passt hervorragend zu unserer Unternehmensphilosophie. Jetzt hatten wir erstmalig aufgrund der vereinfachten Netzzugänge die Möglichkeit dazu und haben die Chance genutzt.

es: Weshalb haben Sie sich für den Standort München entschieden?

In München liegen unsere Wurzeln. Im Kerngeschäft beliefern wir rund 80.000 Kunden in Südbayern mit jährlich bis zu 800 Millionen Litern Mineralölprodukten.

es: Was sind die ersten Erfahrungen?

Aufgrund der Sensibilität bei den Energiepreisen und eines sehr positiven Feedbacks von Hausverwaltungen erwarten wir ein großes Interesse am neuen Erdgasangebot. Bis 2013 rechnen wir mit einer Wechselquote von rund zehn Prozent unter den rund eine Million Endverbrauchern in Südbayern. Der Wettbewerb auf dem Erdgasmarkt wird sich weiter intensivieren. Für Verbraucher wird die Wahl des Gasanbieters bald so einfach, wie den Stromanbieter oder den Handyvertrag zu wechseln.

es: Wie viele Erdgaskunden konnten Sie seit Jahresbeginn gewinnen?

Wir haben derzeit 14.000 Kunden, der überwiegende Teil sind Privathaushalte. Aufgrund der Attraktivität des Angebots sind aber auch bereits viele Großkunden darunter.

es: Was ist das Ziel bis zum Jahresende?

Wenn keine weiteren Preiserhöhungen seitens unserer Wettbewerber mehr stattfinden, erwarten wir etwa 15.000 Kunden. Unser Ziel ist: in rund fünf Jahren 40.000 Kunden.

es: Würde ein separater Gaspreisindex aus Ihrer Sicht Sinn machen?

Wenn man von der unterschiedlichen Ressourcenreichweite ausgeht, ist es nur eine Frage der Zeit, wann eine Entkopplung stattfindet. Dabei ist allerdings nicht sichergestellt, dass das Gas billiger wird. Wie bei Erdöl könnten Gasanbieterkartelle entstehen. Betrachtet man die Situation in Deutschland, muss man feststellen, dass die heutige Abhängigkeit von wenigen Gasanbietern nicht zwingend zu günstigeren Preisen führen muss, sondern von bilateralen Verhandlungen abhängen könnte.

es: Wie würde sich der Gaspreis bei einer Entkopplung entwickeln?

In diesem dann völlig neuen Markt ist es nicht vorhersehbar, wie viel freie Mengen verfügbar sind. Insofern kann eine Maßgeblichkeit der Preisbildung nicht abgeleitet werden.

Erschienen in Ausgabe: 10/2008