"Politik soll den Marktprozess unterstützen"

Prof. Dr. Wolfgang Pfaffenberger, Leiter des bremer energie instituts

Ob die zweite Phase der Liberalisierung erfolgreich ist, darf nicht mehr am Strompreis gemessen werden. Vielmehr seien Politiker und Marktteilnehmer zum Umdenken gefordert, um die Stromversorgung in Zukunft wirtschaftlich und umweltverträglich zu gestalten, so Prof. Dr. Wolfgang Pfaffenberger anlässlich einer VDEW-Pressekonferenz im Januar. Er gab Anstöße zum Umdenken.

29. März 2004

Prof. Dr. Wolfgang Pfaffenberger, Leiter des bremer energie instituts, führte vor Augen, wie es um Deutschlands Kraftwerkspark bestellt ist: Durch die Altersstruktur der Kraftwerke und durch den Beschluss zum Verzicht auf die Kernenergienutzung ist in den nächsten 20 Jahren mit einem Rückgang der Kraftwerkskapazität in einer Größenordnung zu rechnen, die in naher Zukunft erhebliche Ersatzinvestitionen erfordert. Bis 2020 müssten zwischen 40.000 und 50.000 MW ersetzt oder zugebaut werden, so Berechnungen des bremer energie institutes.

„Kraftwerk ist aber nicht gleich Kraftwerk.“ Gemäß ihrer jährlichen Ausnutzungsdauer würden die Anlagen in unterschiedlichem Maße zur Stromerzeugung beitragen: Kernenergie und Braunkohle sind das Rückgrat der Stromversorgung im Grundlastbereich; Steinkohle deckt den Mittellastbereich ab. Erdgaskraftwerke würden nur mit knapp 2.000 Stunden im Jahr eingesetzt, und „Windkraftwerke tragen zur Deckung der Leistungsanforderungen nur relativ wenig bei, weil sie durchschnittlich nur auf knapp l.500 Jahresnutzungsstunden kommen“. Wie soll vor dieser Bewertung der Energieträger der Zukunft aussehen?

„Einen idealen Energieträger, der alle Ansprüche befriedigt, gibt es nicht“, stellte Pfaffenberger klar. „Der Umweltverträglichkeit der erneuerbaren Energieträger steht ihre fehlende Wettbewerbsfähigkeit bei vielen wesentlichen Einsatzformen gegenüber, ebenso die aus dem teilweise sehr schwankenden Angebot resultierenden Folgekosten wie die Bereitstellung von Regelenergie.“ Und ein steigender Beitrag der Offshore-Windenergienutzung setze voraus, dass stärker als bisher Netz, Erzeugung und Regelkraftwerke im Zusammenhang gesehen werden müssten. Außerdem würde „die deutsche Stromversorgung mit einem deutlichen Ausbau der Offshore-Windenergieanlagen von dem bisherigen Prinzip einer verbrauchsnahen Erzeugung abweichen“. Die Vor- und Nachteile einer solchen Entwicklung wären noch nicht abschließend bewertet.

„Bei Gas sind das Preisrisiko, die geringere Wettbewerbsfähigkeit und die sich aus dem Preisrisiko sowie den unsicheren politischen Rahmenbedingungen der Exportländer ergebende möglicherweise geringere Versorgungssicherheit negativ zu werten.“ Diese Nachteile könnten beim Einsatz in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen wieder aufgewogen werden, denn der Wärmemarkt selbst sei stark vom Gas bestimmt. „Bei der Kohle steht der günstigen Bewertung hinsichtlich Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Preisrisiko die ungünstigere Bewertung bei der Umweltverträglichkeit durch Treibhausgase und andere Luftschadstoffe gegenüber.“

Auch künftig wird es also einen Energiemix geben, der so zu gestalten ist, dass die Vor- und Nachteile einzelner Energieträger im Sinne der höchsten volkswirtschaftlichen Effektivität kombiniert werden.

Umweltentlastung zu den geringsten Kosten

Dennoch könne eine Entlastung der Umwelt herbeigeführt werden, ist Pfaffenberger überzeugt: „Es gibt bei allen Kraftwerkstechnologien viele Möglichkeiten zur Verbesserung der Effektivität und damit auch zur Verringerung der Umweltbelastung. Grundsätzlich gilt, dass die Umweltentlastung dort stattfinden sollte, wo sie zu den geringsten volkswirtschaftlichen Kosten realisierbar ist.“ Anreize gebe die Einführung eines CO2-Emissionszertifikatehandels. Damit ein solches System aber wirklich funktionieren könne, müsse es flächendeckend alle Emissionen umfassen. „Auf die Dauer muss auch die Förderung der erneuerbaren Energieträger an ihrem Umweltnutzen gemessen werden.“Um den künftigen Anforderungen Rechnung zu tragen, müssten am Großhandelsmarkt für Strompreise Erhöhungen durchsetzbar sein. „Das setzt allerdings voraus, dass die Politik diesen Prozess versteht und ihn nicht etwa durch regulierende Eingriffe in die Preisbildung außer Kraft setzt“, mahnte Pfaffenberger. „Von besonderer Wichtigkeit ist auch, dass im Grundlastbereich kostengünstige Energieträger eingesetzt werden, damit die Erhöhung des Preisniveaus für Strom in volkswirtschaftlich vertretbarem Rahmen bleibt.“

Voraussetzung für das Funktionieren des Marktes in der zweiten Phase der Liberalisierung wären verlässliche und kalkulierbare Rahmenbedingungen: „Wie generell in der Marktwirtschaft sind energie- und umweltpolitische Ziele auf politischer Ebene zu definieren, Wege zu deren Erreichung sind aber dem Marktprozess zu überlassen. Dabei liegt die Verantwortung bei den Unternehmen.“

Pfaffenberger nennt die wichtigsten Rahmenbedingungen, um eine nachhaltige Energieversorgung sicherzustellen:

- Für alle Erzeugungsoptionen müssen gleiche Wettbewerbsbedingungen hergestellt werden.

- Die Aufrechterhaltung eines ausgewogenen Energiemixes zur Minimierung von Preis- und Versorgungsrisiken darf durch politische Eingriffe nicht behindert werden.

- Die aus dem CO2-Emissionszertifikatehandel resultierenden Preiseffekte müssen kalkulierbar sein, damit notwendige Investitionen nicht blockiert werden.

- Die politisch gewünschte Steigerung des Anteils erneuerbarer Energieträger an der Stromerzeugung in Deutschland ist vorwiegend nach Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten sowie anhand des jeweiligen Beitrages zur Erreichung umweltpolitischer Ziele auszurichten. Auf längere Sicht müssen erneuerbare Energieträger subventionsfrei zur Stromerzeugung beitragen.

- Für die Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien an der zukünftigen Stromerzeugung ist ihr Einbeziehen in das Lastmanagement erforderlich. Darüber hinaus erfordern Erzeugungsstandorte, die nicht in Verbrauchsschwerpunkten angesiedelt sind, eine abgestimmte Entwicklung des Übertragungsnetzes und der Verteilernetze. Bei unsteter Einspeisung sind die notwendigen Reservekapazitäten einzuplanen.

- Die Möglichkeiten für eine Integration des aus erneuerbaren Energiequellen erzeugten Stroms ins Stromversorgungssystem sind zu verbessern. Längerfristig sollte das Risiko der unsteten Einspeisung von den Betreibern der entsprechenden Anlagen getragen werden, die die dafür erforderliche Reserveleistung durch entsprechende Ausschreibungen beschaffen können.

- Übertragungs- und Verteilnetze müssen in einer Weise reguliert werden, die einen fairen Wettbewerb der Erzeugungsoptionen unterstützt und dafür sorgt, dass Erhalt und Ausbau der Netze rentabel sind.

Erschienen in Ausgabe: 03/2004