Preisbindung an Öl bleibt bestehen

BGW-Präsident Ulrich Hartmann zur Verbändevereinbarung Gas

Durch die Verbändevereinbarung wird sich der Wettbewerb auf dem Erdgasmarkt intensivieren, meint Ulrich Hartmann, Präsident des Bundesverbands der Gas- und Wasserwirtschaft e.V. in Bonn (BGW) und Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Hein Gas GmbH, Hamburg. Allzu große Hoffnungen auf die Preisentwicklung macht Hartmann den Gaskunden nicht.

10. April 2001

ES: Herr Hartmann, die Verhandlungen zur Verbändevereinbarung sind im Winter weit fortgeschritten. Stehen die wichtigsten Eckpfeiler nun fest?

Hartmann: Auf die wesentlichen Eckwerte konnten sich die beteiligten Verbände, also BDI, VIK, VKU und der BGW, weitestgehend einigen. Was noch fehlt, ist beispielsweise die Einigung über konkrete Gebühren. Insofern bilden Eckwerte und konkrete Gebührensätze nach Meinung der Industrie ein Paket. Um hier weiterzukommen, findet im Februar ein Spitzengespräch statt.

ES:Rechnen Sie mit einer baldigen Einigung? Wann wird die Verbändevereinbarung Erdgas in Kraft treten?

Hartmann: Voraussichtlich werden wir die Verhandlungen im Laufe des ersten Quartals 2000 abschließen. Wenn alles planmäßig verläuft, tritt die Verbändevereinbarung voraussichtlich im August diesen Jahres in Kraft. Ähnlich wie bei der Verbändevereinbarung Strom ist eine Befristung auf ein Jahr geplant. Binnen dieser Zeit möchten wir Erfahrungen mit der Regelung sammeln.

ES: Welche Bedeutung hat die Verbändevereinbarung für Industrie- und Gewerbebetriebe?

Hartmann: Die Vereinbarung formuliert ja wichtige Bedingungen für die Belieferung durch neue Anbieter. Dadurch kommen mehr Lieferanten für den Kunden in Frage. Inwieweit sich allerdings Vorteile - etwa beim Preis - ergeben, lässt sich pauschal nicht beantworten, denn der Preis hängt mitunter von der Transportentfernung ab. Jeder Industriebetrieb muss also selbst beurteilen, ob er mit anderen Verträgen einen Vorteil erzielen kann.

ES: Wie wird sich die Entfernung zwischen Lieferant und Kunde in den Offerten niederschlagen.

Hartmann: Da bei Erdgas - im Gegensatz zum Strom - ein physikalischer Transport notwendig ist, gilt für das Netz der überregionalen Fernversorgung eine entfernungsabhängige Durchleitungsgebühr. Bei Distanzen in den lokalen und regionalen Versorgungsnetzen macht dies keinen Sinn, weil der Energiefluss hier nicht eindeutig nachgewiesen werden kann. Das liegt an der engen Vermaschung der Netze. In diesem Fall kommt daher eine Pauschale in Frage, ein sogenannter Briefmarkentarif. Diese Regelung betrifft inbesondere den Endverteilermarkt und die Regionalstufe.

ES: Gelten diese Tarife auch für ausländische Anbieter?

Hartmann: Im Prinzip unterscheidet die Verbändevereinbarung nicht zwischen in- und ausländischen Anbietern. Allerdings gilt entsprechend der EU-Gasrichtlinie, dass nur diejenigen Länder durchleiten dürfen, die auch ihren Markt geöffnet haben.

ES: Welche Engpässe gibt es im Leitungsnetz, die eine Durchleitung von vornherein unmöglich machen?

Hartmann: Das kann ich aus heutiger Sicht nicht beantworten. Bevor sich die Engpässe herauskristallisieren, müssen sich erst einmal die durch den Wettbewerb verschobenen Bedarfe einstellen.

ES: Wie wird sich der Erdgaspreis entwickeln? Ist es wahrscheinlich, dass die Bindung an den Ölpreis aufgehoben wird?

Hartmann: Eine Entkopplung von Öl- und Erdgaspreis wird es nicht geben. Ganz im Gegenteil erwarte ich sogar, dass sich die Ölbindung über kurz oder lang auf Großbritannien ausdehnen wird, denn die Briten werden zunehmend auf Bezüge vom Kontinent angewiesen sein. Dennoch werden die Preise durch den verschärften Wettbewerb nachgeben, weil die Margen sinken. Dem tragen die Unternehmen der Erdgasbranche derzeit durch ein massives Kostenmanagement Rechnung. Allerdings sollte sich beim Erdgas keiner Hoffnungen auf große Preisstürze machen, wie es sie im Strommarkt gab, denn die Margen waren bei Gas schon immer gering. Schließlich steht Erdgas seit Jahrzehnten im Wettbewerb mit Heizöl und Fernwärme. (du)

Erschienen in Ausgabe: 01/2000