»Preise als größter Motor«

Energieeffizienz Politische Vorgaben setzten auch die Industrie unter Druck. Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (dena), zu den Chancen und Grenzen der Energieproduktivität.

24. April 2008

es: Laut einer VDE-Studie wird der Verbrauch bis 2025 um rund 30 % steigen. Sind so die Klimaschutzziele der Politik überhaupt erreichbar?

Herr Kohler: Wir teilen die Auffassung des VDE nicht und beziehen uns neben unserer eigenen Expertise auf die Studie vom BDI. Diese kommt zu einem sinkenden Energieverbrauch, was auch durch aktuelle Zahlen belegt wird. Der Primärenergieverbrauch ist in 2007 temperaturbereinigt um 3,7 Prozent gesunken, in der Stromerzeugung hatten wir ein Null-Wachstum. Die wirtschaftlichen Einsparpotenziale in den verschiedenen Verbrauchssektoren sind so groß, dass wir das von der Bundesregierung beschlossene Effizienzziel – Steigerung der jährlichen Energieproduktivität um drei Prozent bis 2020 – erreichen können. Die hohen Energiepreise sind der größte Motor für Energieeffizienz, verbunden mit funktionierenden Energieeffizienzmärkten, die heute von vielen innovativen Unternehmen geschaffen werden.

es: Die technischen Möglichkeiten werden, so der VDE, nicht ausgeschöpft. Was muss hier getan werden?

Man muss zwischen wirtschaftlichen und technischen Energiesparpotenzialen unterscheiden. Nicht alle technischen Möglichkeiten zur Energieeinsparung rentieren sich. Aber nur, wenn sich eine Investition in die Steigerung der Energieeffizienz auch wirtschaftlich auszahlt, wird ein Unternehmen sie auch tätigen. Nur ist es oft noch so, dass viele Unternehmen sich der Möglichkeiten, Energie einzusparen, nicht bewusst sind oder nicht wissen, wo sie ansetzen sollen. Infolgedessen werden auch die wirtschaftlichen Energieeffizienzpotenziale in den Unternehmen noch nicht voll ausgeschöpft. Über die Höhe erzielbarer Kosteneinsparungen durch Energieeffizienzmaßnahmen sind die Entscheider in Unternehmen oftmals erstaunt. Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Kapitalrenditen für diese Maßnahmen meist im zweistelligen Bereich liegen.

es: Durch finanzielle Anreize könnten entsprechende Investitionen gefördert werden. Wie könnte dies idealerweise zukünftig aussehen?

Die BDI-Studie stellt eindeutig fest, dass die notwendigen Effizienzpotenziale zur Realisierung der Ziele der Bundesregierung heute wirtschaftlich darstellbar sind. Daher halte ich nichts von der Argumentation, dass in diesem Bereich große Förderprogramme erforderlich sind. Eine Ausnahme ist der Gebäudebereich: Dort sind die höheren Anfangsinvestitionen häufig noch ein Hemmnis für energieeffizientes Bauen und Sanieren. Die Förderung, zum Beispiel von effizienten Kühlschränken, halte ich aber nicht für sinnvoll: Wer heute einen A++-Kühlschrank kauft, der spart pro Jahr circa 60 Euro Stromkosten gegenüber einem ineffizienten Gerät.

es: Eine andere Möglichkeit sind ordnungspolitische Eingriffe, wie etwa in Australien. Was halten Sie davon?

Ordnungspolitik ist nötig und wird auch entsprechend angewendet. Doch alleine damit können wir keine Energieeffizienzmärkte schaffen. Der Staat soll die Rahmenbedingungen und Ziele setzen, dem einzelnen Akteur aber die Umsetzungsfreiheit lassen. Die Verschärfung der Energieeinsparverordnung um 30 Prozent beispielsweise ist richtig. Ob der Hausbesitzer sie mit Wärmedämmung oder Anlagentechnik erreicht, sollte ihm überlassen sein.

es: Ist die Industrie leichter zum Energiesparen zu bewegen als Privathaushalte?

Im Vergleich zu privaten Haushalten braucht es bei Unternehmen andere Ansätze, um diese zur Steigerung der Energieeffizienz zu motivieren. Die Wirtschaftlichkeit ist in beiden Sektoren entscheidend. Unternehmen setzen noch höhere Erwartungen an die Amortisation der Investitionen. Diese Erwartungen können sehr viele Energieeffizienzmaßnahmen auch erfüllen. Für Privathaushalte sind neben den Energiekosten emotionale Aspekte wichtig. Hier gilt es Trends zu berücksichtigen. In Unternehmen wird eher rationaler entschieden. Aber natürlich müssen die Botschaften auch hier die Zielgruppen, wie technische und kaufmännische Entscheider, persönlich ansprechen. Wichtig ist es, gute Motive für die Erschließung von Energieeinsparungen aufzuzeigen. Dies sind übergreifend die monetären Vorteile.

es: Erachten Sie den Einsatz von Energiebeauftragten in Betrieben als sinnvoll?

Ja. An der Steigerung der Energieeffizienz sind viele Abteilungen zu beteiligen. Um höchste Einsparungen zu erzielen und Schnittstellenverluste zu vermeiden, ist ein systematisches Vorgehen und das Zusammenwirken aller nötig. Dafür sollte eine eigene Organisationsstruktur entwickelt werden, die sich den unternehmensspezifischen Bedingungen anpasst, alle energiebezogenen Themen zusammenführt, den Verbrauch und Bedarf transparent macht und die Optimierungsmöglichkeiten aufzeigt.

Erschienen in Ausgabe: 05/2008