»Prinzip Demand Response ist angekommen«

Menschen

Lastmanagement - Der Entelios-COO Tom Schulz zu den Plänen des Bundeswirtschaftsministeriums, eine Abschaltverordnung (AVO) für die energieintensive Industrie einzuführen.

02. März 2012

Die aktuellen Konzepte des BMWi werden in der Branche derzeit aktiv diskutiert. Was halten Sie von der geplanten Maßnahme, die energieintensive Industrie bei Bedarf zum Abschalten ihrer Anlagen zu bewegen?

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass es durch eine intensive Nutzung und die Einspeisung von mehr fluktuierenden Erneuerbaren zu Frequenz- und Spannungsschwankungen im Stromnetz kommen kann. Bisher haben wir bei der Energiewende vor allem die dort erforderlichen Maßnahmen im Blick gehabt. Dass aber auch abschaltbare Lasten eine systemwichtige Funktion für das deutsche Stromnetz haben – diese Erkenntnis hat nun neue Kraft gewonnen.

Wie wird der Missstand in der Stromversorgung bisher aufgefangen?

Bisher sorgt der Regelleistungsmarkt dafür, dass kurzfristig Reservekraftwerke zur Verfügung stehen, wenn zuwenig Energie eingespeist wird. In den USA etwa wird jedoch schon das umgekehrte Verfahren angewendet; das heißt, Verbraucher werden abgeschaltet. Das nennt man ›Demand Response‹. Die Stromabnehmer reagieren auf Anforderungen des Netzes. Erstmalig soll jetzt für diesen Fall eine sogenannte Abschaltverordnung in Kraft treten: Einem Bericht der FAZ zufolge will das Bundeswirtschaftsministerium energieintensive Betriebe über die genannte AVO motivieren, im Störfall kurzfristig ihren Strombezug drastisch zu kürzen.

Knapp ein Jahr nach dem Beginn der Energiewende in Deutschland ist damit das am schnellsten umsetzbare und mithin effizienteste Prinzip zu ihrer Realisierung in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen.

Reichen diese bisherigen Maßnahmen und Erkenntnisse denn aus?

Das sehe ich skeptisch: Die Fluktuationen der eingespeisten erneuerbaren Energien lassen sich mit echter Demand Response sehr elegant auffangen, mit den bekannten AVO-Mitteln aber eher nicht. Denn eins ist erkennbar geworden: Nicht Einzelmaßnahmen, sondern nur ein abgestimmtes Procedere bewirkt bei allen Teilnehmern die gewünschte Stabilität.

Wie nähert sich Ihr Unternehmen denn dieser Herausforderung?

Im Gegensatz zum radikalen ›Großabschalten‹ der AVO verfügt die von uns entwickelte Demand-Response-Technik über deutlich feinstufigere Steuerungsmöglichkeiten – sozusagen ›Skalpell statt Axt‹. Wegen der integrierten IT wie Expertensysteme oder Echtzeitplanung, in denen deutsche Informatiker Weltspitze sind, besteht hier großes innovatorisches Potenzial.

Darum schlagen wir aus Respekt vor einem Stand der Technik - der über Ausschaltknöpfe weit hinausgeht - vor, den Kreis potenzieller Schaltkandidaten aus der Industrie gleich deutlich größer zu ziehen als die bisher angedachten Metallschmelzen.

Neben Brauereien gibt es noch eine Vielzahl weiterer Großverbraucher, die im Rahmen der AVO mit den filigranen Möglichkeiten hochentwickelter Demand Response interessant sind. Womit sich das skizzierte schaltbare Verbrauchsvolumen von gegenwärtig ein bis zwei Gigawatt auf bis zu neun Gigawatt erweitern ließe – das hat die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) schon einmal ausgerechnet. Wir reden hier über das Äquivalent mehrerer Großkraftwerke. Damit wäre die Argumentation für die Mehrkosten, die auf die Stromverbraucher zukommen, die das Honorar für die Abschaltungen bezahlen, auch breit in Wirtschaft und Gesellschaft verankert.

Das hört sich so an, als könnten die Großverbraucher unter den Unternehmen alles alleine stemmen.

Ohne Kooperation und die Einbindung der Verbraucherseite ist die Neuordnung einer nachhaltigen Energiewende nicht zu schaffen. Es gilt, das Flexibilitätspotenzial der Größtverbraucher in Deutschland mit dem der großen und mittleren Verbraucher aus Industrie und Gewerbe zu kombinieren. Das Potenzial von Haushaltsverbrauchern, wie Waschmaschinen, ist weder ökonomisch noch volkswirtschaftlich sinnvoll zu heben. Daher bringt der Gedanke, der hinter der AVO steckt, die Energiewende am schnellsten und wirkungsvollsten voran. (mk)

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Erschienen in Ausgabe: 02/2012