Verkehr

Pro und Kontra: Vorfahrt für die E-Mobilität?

Für Nutzfahrzeuge war der Dieselmotor jahrzehntelang das Mittel zum Zweck. Dann kam der VW-Diesel-Skandal. Die Alternativen heißen Strom, Erdgas oder Wasserstoff. Sollte man sich auf E-Mobilität konzentrieren? Wir holten zwei Meinungen ein.

23. Mai 2019
Pro und Kontra: Vorfahrt für die E-Mobilität?
(Bild: fotohansel – stock.adobe.com)

Pro: Michael Neuenfeldt, Street Scooter, Vertrieb & Marketing

»Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 55 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 gesunken sein. Das ist das große Ziel der Energiewende. Dass dieses Ziel nur mit einer Verkehrswende zu erreichen sein wird, liegt auf der Hand. Und für diese Verkehrswende wird die Elektromobilität der entscheidende Treiber werden.

Warum? Elektrisch angetriebene Fahrzeuge fahren lokal emissionsfrei. Das verbessert die Luftqualität und hilft, die in den Innenstädten weiterhin in großem Ausmaß drohenden Dieselfahrverbote zu vermeiden. Gegenüber Verbrennungsmotoren weisen E-Antriebe außerdem einen dramatisch besseren Wirkungsgrad von etwa 90 zu 30 Prozent auf. Das heißt, die eingesetzte Energie wird deutlich effektiver genutzt – und zwar um den Faktor drei.

Lokal emissionsfrei – das betrifft den Schadstoffausstoß während der Fahrt der E-Autos. Bei der Produktion des benötigten Stroms entsteht zwar noch CO2. Doch mit dem kontinuierlich steigenden Anteil erneuerbarer Energien am Strommix wird dessen Anteil weiter sinken. Und auch die Produktion von E-Fahrzeugen und speziell deren Batterien wird fortlaufend in ihrer Umweltbilanz optimiert.

Eine besondere Wirkung entfaltet die E-Mobilität in den Innenstädten. Hier steigt die Verkehrsbelastung infolge des wachsenden E-Commerce immer weiter an. Die E-Mobilität mildert die Umweltfolgen dieses Trends. Die über 9000 Street Scooter-Fahrzeuge etwa, die die Deutsche Post einsetzt, realisieren pro Jahr eine CO2-Ersparnis von 32.000 Tonnen.

Der Lieferverkehr eignet sich damit ideal für den Einsatz von E-Mobilität: Die Fahrzeuge legen relativ kurze Strecken zurück und können nachts aufgeladen werden. Nicht zuletzt macht auch die geringere Wartungsanfälligkeit von E-Fahrzeugen, die deutlich weniger Verschleißteile haben als Verbrenner, diese zu idealen Lieferfahrzeugen. In der Verkehrswende können Nutzfahrzeuge damit eine Vorreiterrolle bei der Verbreitung der Elektromobilität einnehmen.«

Kontra: Prof. Dr. Gerald Linke, Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches, Vorstandsvorsitzender

»Mit rund 170 Millionen Tonnen verursacht der Verkehrssektor rund ein Viertel der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland. Bis zum Jahr 2030 sollen sie um rund 40 Prozent sinken. Längst ist erwiesen, dass die einseitige Fokussierung auf eine Antriebsart nicht zum Erreichen der Klimaziele führt. Vielmehr sind Mobilitätskonzepte gefragt, die auch die Vorteile gasbasierter Kraftstoffe mit einbeziehen.

Eine Symbolpolitik, die einseitig die Elektromobilität fördert, ist nicht zielführend. Denn die Defizite liegen klar auf der Hand: Betrachtet man die Umweltbilanz der Fahrzeugantriebe samt Kraftstoffproduktion, sind Elektrofahrzeuge mit dem immer noch hohen Anteil der Kohleverstromung im deutschen Strom-Mix keineswegs emissionsfrei und alles andere als klimafreundlich.

Wir fordern daher eine echte Technologie-Offenheit, die es gasbasierten Kraftstoffen ermöglicht, ihr Potenzial auszuspielen. Denn überall dort, wo aufgrund der benötigten Energiemengen und -dichten batterieelektrische Antriebe nicht sinnvoll sind, etwa bei Schwerlasttransporten über lange Strecken sowie in der Schifffahrt, ist die Nutzung von erneuerbarem Methan und Erdgas als Kraftstoff mit reduzierten Emissionen bei Treibhausgasen, Stickoxiden und Feinstaub klar im Vorteil. Eine gemeinsam mit dem FVV durchgeführte Studie, die alle Formen klimaneutraler Mobilität verglich, belegt zudem: Der Transportpfad, der auf synthetischen Kraftstoffen fußt, ist der kostengünstigste. Hier können vorhandenen Infrastrukturen zur Verteilung der chemisch gespeicherten Energie unmittelbar verwendet werden, während der Ladestellen- und Stromverteilnetzausbau weit größere und z.T. schwer kalkulierbare Kosten verursacht.

Einen großen Beitrag zum Klimaschutz können auch Wasserstoff-betriebene Brennstoffzellenfahrzeuge leisten. Sie sind hocheffizient und bei Gewinnung von Wasserstoff aus erneuerbarem Strom emissionsfrei. Wasserstoff kann nicht nur bedarfsgerecht für eine klimaschonende Mobilität verwendet, sondern auch direkt in die Gasnetze eingespeist werden und damit über die vorhandene Infrastruktur zum Verbraucher gelangen. Er ist damit ein tragendes Element der zukünftigen Zwei-Energieträger-Welt aus Gas und Strom.«