Regelenergie für das Erdgasnetz

Management

Bilanzkreise - Am 1. Oktober ändert sich der Netzkodex Gasbilanzierung. Experten erwarten mehr Volatilität im untertägigen Handel. Profitieren werden Großverbraucher, die kurzfristig ihren Gasbezug verändern können.

22. Juli 2015

Durch den Zugang zum freien Handelsmarkt und der Börse haben sich die in der Industrie verfügbaren Flexibilitätspotenziale zu einer beachtlichen wirtschaftlichen Chance entwickelt, die bisher kaum genutzt wurden. Regelenergie wird benötigt, um den technischen Ausgleich und die Stabilität der Netze in einem Marktgebiet zu gewährleisten. Das geschieht dann, wenn Verbräuche und Erzeugung von den Prognosewerten abweichen. Gründe hierfür sind Anlagen, die plötzlich vom Netz gehen, oder industrielle Endverbraucher, die mehr Gas benötigen als von den Bilanzkreisverantwortlichen prognostiziert wurde. Dabei sind die Marktgebietsverantwortlichen (MGV) für die Beschaffung und den Einsatz von Regelenergie verantwortlich.

Abrufreihenfolge

Die Verordnung über den Zugang zu Gasversorgungsnetzen (GasNZV) § 27 Einsatz von Regelenergie gibt vor, in welcher Reihenfolge dies zu geschehen hat. Zunächst müssen die Schwankungen in der Netzlast durch den Einsatz interner Regelenergie ausgeglichen werden, beispielsweise indem die Speicherfähigkeit der Netze oder aber netzzugehörige Speicher genutzt werden, die von Netzbetreibern ausschließlich dazu vorgesehen sind. Reicht das noch nicht aus, müssen die MGV externe Regelenergie beschaffen. Dazu wurde in einem Zielmodell für eine standardisierte, externe Beschaffung eine Abrufreihenfolge verschiedener Produkte definiert. Diese Merit-Order-Liste gibt vor, dass Regelenergie zunächst über standardisierte Kurzfristprodukte beschafft werden muss, erst über die Börse im eigenen, dann im benachbarten Marktgebiet sowie über bilaterale Plattformen.

Beschaffung über die Börse

Es folgt die Beschaffung standardisierter Langfristprodukte und schließlich nicht standardisierter Langfristprodukte im eigenen Marktgebiet über bilaterale Plattformen. Seit der Umsetzung des Zielmodells im Oktober 2013 hat sich gezeigt, dass der Großteil über die Börse und den Within-Day-Handel beschafft wird. Bestätigt wird das nicht nur durch die MGV, sondern auch durch die steigende Volatilität der Gaspreise im Within-Day-Handel. Die langfristige Beschaffung von Regelenergie spielt hingegen kaum noch eine Rolle.

Kleine und mittlere Anlagen

Natürlich stellt sich die Frage, wer an der Regelenergievermarktung teilnehmen kann und für wen sich eine Teilnahme lohnt. Dabei dürfte es vor allem eine Rolle spielen, ob flexible Kraftwerkskapazitäten vorhanden sind, die neben Gas mindestens einen weiteren Energieträger einsetzen können. An Bedeutung könnten auch die vorhandenen Gasspeicher gewinnen, die mittlerweile für ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr genutzt werden: nämlich zur Vorhaltung von Reserven für eine strukturierte Fahrweise oder für den Gas-Handel.

Dabei dürfte es sich vor allem um industrielle und gewerbliche Großkunden handeln, aber auch um kommunale Betriebe wie Stadtwerke. Allerdings sollte man auch die Betreiber kleinerer und mittlerer Anlagen in Betracht ziehen. Denn gerade im Rahmen einer zunehmend dezentralen Energie-Erzeugungsstruktur spielt die Menge solcher Erzeuger eine gewichtige Rolle. Voraussetzung ist auch hier eine mindestens bivalente Fahrweise der Anlage. Eine Teilnahme an der Regelenergievermarktung findet für diese Betreiber dadurch statt, dass Dienstleister diese Anlagen in Pools zusammenfassen.

Dadurch erhalten sie Marktzugang und die Chancen auf zusätzliche Erlöse durch die Regelenergievermarktung Gas. Ausschlaggebend für die Teilnahme ist das Potenzial, inwiefern eine flexible und intelligente Steuerung der Gas-Erzeugung und des -verbrauchs möglich ist, die sich an den Preissignalen an den Energiemärkten orientiert. Der Vermarktungsdienstleister beobachtet dabei die Entwicklungen am Spot- und Within-Day-Markt rund um die Uhr. Wird ein mit dem Anlagenbetreiber zuvor vereinbarter Grenzpreis an der Börse überschritten, verkauft der Dienstleister das Gas des Unternehmens am Intraday-Handelsplatz.

Menge und Anlagenfahrweise

Zuvor muss selbstverständlich geprüft werden, welche Gas-Mengen als Regelenergie zur Verfügung stehen und in welchem Maß in die Fahrweise der Anlagen eingegriffen werden kann. Über die technische Leistungsfähigkeit der Anlage hinaus sind genaue Analysen der Lastgänge sowie der Prozess- und Produktionsabläufe wichtig. Sie können bei der Frage helfen, inwieweit einige dieser Abläufe an eine flexible Fahrweise angepasst werden dürfen.

Sollte technisches Personal nicht 24 Stunden zur Verfügung stehen, so kann der Dienstleister über eine entsprechende Fernwirktechnik die Anlagen steuern, den Gasbezug der Anlage auf einen anderen Energieträger umstellen oder auf die Speicher zugreifen. Das Ziel ist letztendlich, die Wirtschaftlichkeit der bestehenden Erzeugungsanlagen zu verbessern, indem das Potenzial der flexiblen Fahrweise genutzt und mit einem intelligenten Lastmanagement kombiniert wird.

Arbeitspreise ab 40 Euro

Da die MGV dazu verpflichtet sind, Regelenergie fair und diskriminierungsfrei zu beschaffen, werden die Angebote anonym über die Börse getätigt. Gaspool und NCG veröffentlichen allerdings auf ihren Online-Präsenzen nachträglich den Einsatz von Regelenergie. Dabei wird unter anderem aufgelistet, wann und in welchem Marktgebiet, über welche MOL-Position, zu welchem Preis und in welcher Menge Regelenergie beschafft wurde. Aus der Auflistung von NCG geht hervor, dass in der Zeit vom 1. Januar 2015 bis zum 31. Mai zwanzig Mal ein Arbeitspreis von durchschnittlich mehr als 40€ beziehungsweise zwölf Mal von über 50€ für eine MWh geboten wurde. So wurde bereits in der ersten Januar-Hälfte an einem Tag Regelenergie für eine Einsatzdauer von vier Stunden bei einer Stundenmenge von 734MWh/h zu einem Preis von 84,60€/MWh am PEGAS-Markt eingekauft.

Gabi Gas 2.0

Wenngleich Arbeitspreise jenseits der 80€ pro MWh aktuell nicht den Regelfall darstellen, so sind sie doch ein Indiz für eine verstärkte Preis-Volatilität am Handelsmarkt. Mit der Umsetzung des Netzkodexes Gasbilanzierung GaBi Gas 2.0 zum 1. Oktober 2015 werden sich die Marktregeln ändern und die Volatilität vermutlich im untertägigen Handel weiter erhöhen. Der Druck auf die Bilanzkreisverantwortlichen, ihre Bilanzkreise ausgeglichen zu bewirtschaften, wird zunehmen. Denn die Preise für positive und negative Ausgleichsenergie werden sich dann am teuersten beziehungsweise am niedrigsten Preis orientieren, zu dem der Marktgebietsverantwortliche Regelenergie an der Börse gekauft hat. Das wird dazu führen, dass kurzfristige Mengen verstärkt im untertägigen Handel gekauft oder verkauft werden. Ein kurzfristiger Anstieg der Nachfrage wird eine deutliche Preisreaktion nach oben hervorrufen. Davon profitieren Unternehmen, die kurzfristig ihren Gasbezug verändern können.

Marc Ehry (Natgas)

Erschienen in Ausgabe: 06/2015