Regionale Diskrepanz

Studie Der demografische Wandel stellt die bisher stark zentral aufgestellte Energieversorgung vor große Herausforderungen.

31. August 2007

»In den europäischen Powerzentren wird das Bruttoinlandsprodukt bis 2020 überdurchschnittlich mit 3,1 Prozent pro Jahr steigen und 0,7 Prozent über dem BIP der übrigen Regionen Europas liegen«, sagt Dr. Matthias Cord, Leiter der europäischen Utilities Practice bei A. T. Kearney. Dies habe Folgen für den Energieverbrauch in Europa: Dieser wächst laut einer von der Unternehmensberatung kürzlich vorgestellten Studie in den Powerzentren bis 2020 mit 17 % doppelt so stark wie im europäischen Durchschnitt. In Deutschland fällt der Energieverbrauch in den Powerzentren allerdings um 0,8 % und außerhalb um 4,5 %.

Gerade in den Regionen, die ein starkes Stromverbrauchswachstum aufweisen, gehen bis zum Jahr 2020 jedoch signifikante Kapazitäten vom Netz, heißt es in der Studie weiter. Der Bedarf in Bayern wird danach von 2005 bis 2020 um 29,4 % steigen, die Stromerzeugung durch vom Netz gehende Kraftwerke gleichzeitig jedoch um 51,7 % zurückgehen. In Bremen (27,9/87 %), Baden-Württemberg (28,2/36,7 %), Hamburg (30,3/27,7 %) und Hessen (23,2/78,9 %) soll die Entwicklung ähnlich verlaufen.

»Hinzu kommt, dass viele Kraftwerksneubauten überwiegend außerhalb der Wachstumsregionen Deutschlands geplant sind, in den meisten Bundesländern mit hohen Wachstumsraten sind nur geringe Kraftwerkskapazitäten projektiert«, erklärt Studienleiter Kurt Oswald. Das regionale Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch nehme in Deutschland bis 2020 um 14 % zu und verstärke sich vor allem in den südlichen Bundesländern. Die ostdeutschen Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sowie Niedersachsen und Schleswig-Holstein werden Erzeugungsüberschüsse erzielen. Ein wichtiger Treiber in den norddeutschen Regionen ist die starke Zunahme der Windenergie.

»Die hieraus entstehende regionale Diskrepanz macht ein Hinterfragen der Standortwahl für neue Projekte sowie eine Neubewertung von zentraler und dezentraler Stromerzeugung notwendig «, sagt Oswald. Insbesondere in Regionen mit strukturell hohen Netzkosten würden dezentrale Erzeugungstechnologien immer mehr zu einer wirtschaftlichen Alternative zur zentralen Erzeugung. « Bis 2020 würden die Erzeugungskosten stark zurückgehen und dezentralen Technologien wie Photovoltaik, Mini-BHKW, Brennstoffzellen oder Mikroturbinen wettbewerbsfähig sein.

»Die steigende Bedeutung der dezentralen Erzeugung sowie der Konzentrationstrend der Bevölkerung haben Auswirkungen auf Energiewirtschaft und Haushalte «, sagt Cord. So werde sich die Funktion der Verteilnetze grundlegend verändern. Regulatorisch bedingt würden die Netztarife in Deutschland bis 2020 zwar um 22 % sinken. Allerdings würden in urbanen 35 % und in ländlichen Gebieten 55 % dieser Tarifsenkungen auf der Verteilstufe durch Veränderung der Netzlast wieder aufgehoben.

Erschienen in Ausgabe: 09/2007