Rein passiv hoch hinaus

Technik

Gebäude - In Freiburg entsteht derzeit durch Umbau im Bestand das erste Passiv-Hochhaus Deutschlands. Dabei stellen sich ganz andere Anforderungen etwa bei der Eliminierung von Wärmebrücken oder durch die Zahl der Mieter.

02. September 2010

Freiburg, Haltestelle Bugginger Straße, die Tram der Nummer 3 stoppt. Es ist Vormittag, zwei Frauen überqueren die Straße, die eine hält eine Einkaufstasche in der Hand, die andere zeigt auf das eingerüstete 16-stöckige Hochhaus. Monoton brummt ein Bohrer, dann ist er wieder still.

Hier in der Bugginger Straße 50 wird derzeit der 16-Stöcker zu Deutschlands erstem Passiv-Hochhaus umgebaut. Mit einer Investitionssumme von 13,4Mio.€ saniert ihn die Freiburger Stadtbau (FSB) seit August 2009. Rund ein Drittel der Summe kommt aus Fördertöpfen von Bund, Land und Kommune.

So fördert das Bundeswirtschaftsministerium das Projekt ›Sanierung Weingarten West‹, in dem die Bugginger Straße 50 eine zentrale Rolle spielt. Im Rahmen des Programms ›Energieeffiziente Stadt‹ gibt es rund 1Mio.€ für Begleitforschung. Das Projekt wird in enger Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme realisiert.

Bestand-Situation ausnutzen

Dabei ist im Rahmen des Forschungsprojektes geplant, in drei Geschossen des Hochhauses Messungen über den Verbrauch an Strom, Warmwasser, Heizung und Kaltwasser durchzuführen. Zusätzlich werden diese Wohnungen mit Stand-by-Abschaltern ausgestattet und einer automatischen Abschaltung der Heizung, wenn das Fenster geöffnet wird.

»Das große Innenvolumen bei relativ geringer Außenfläche ist ideal, um den Passivhausstandard zu erreichen«, erklärt Manfred Börsig, Leiter Technische Abteilung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. »Im Altbau hat man mit der bestehenden Situation auszukommen. Eine Schwierigkeit bei der Verwirklichung zum Passivhaus war hier, die Wärmebrücken einzudämmen.« Diese ergaben sich vor allem aus den ehemals am Gebäude langgezogenen Balkonen, sogenannte Loggien. Um die Wärmeverluste einzudämmen, haben die Bauherren daher die Gebäudehülle nach außen geschoben und gleichzeitig neuen Wohnraum generieren können. Die neuen Balkone sind thermisch vom Gebäude getrennt.

Anfang 2011 soll der Bau bezugsbereit sein. Auf einer Gesamtfläche von 7.750m2 gibt es dann 139 Wohnungen, das sind 49 Wohnungen und 1.000m² mehr ohne weiteren Flächenverbrauch.

Zahlreiche energetische Einzelmaßnahmen, etwa die Wärmedämmung der Fassade, eine Dreifachverglasung der Fenster oder die neue Niedrigtemperaturheizung und eine kontrollierte Zu- und Abluftanlage mit Wärmerückgewinnung sind im Sanierungskonzept enthalten. Eine Dach-Photovoltaikanlage mit einer Gesamtleistung von 25kWp speist schon Energie ein. Neu hinzugekommen ist die 17. Etage. Hier ist die Technik untergebracht. So sind Aggregate, Verteilungsleitungen der Zu- und Abluft und die Wärmetauscher eingehaust. Das soll Verluste an Wärme weiter reduzieren.

Auch die Luftkanäle mussten zusätzlich in das Haus eingebaut werden. »Das war im Bestand relativ schwierig. Bei so einem Hochhaus kommen Luftmassen zusammen, für die man normalerweise große Kanäle bräuchte«, so Börsig, »mit der vorgefundenen Statik nicht machbar.« Die Lösung: Die Kanäle sind in den Wohnungen auf drei bis vier Stellen verteilt.

Auch was die Mieterstruktur angeht, war einiges zu bedenken. Denn 139 Mietparteien haben andere Ansprüche als etwa vier, wie der Geschäftsführer der FSB Ralf Klausmann hervorhebt. Das fängt mit den individuellen Bedürfnissen an die Wohnraumtemperatur an und hört damit auf, dass die Mieter lernen müssen, wie man sich im Passivhaus verhält, etwa be- und entlüftet. »Insofern wird es notwendig sein, unsere Mieter über die neue Technik aufzuklären.« Angelernte Frauen sollen diese Energiespar-Schulung der Mieter übernehmen. (mwi)

Erschienen in Ausgabe: 07/2010