Reisestart: Sibirien

Titelstory

Transport - Knapp ein Drittel des in Europa genutzten Erdgases kommt aus den großen Lagerstätten Sibiriens. Bevor es die Menschen in Westeuropa nutzen können, hat es einen langen Weg hinter sich.

04. Juni 2016

Wer macht sich in Berlin, Paris, London oder Prag schon Gedanken darüber, woher das Gas kommt, das den heimischen Küchenherd erhitzt oder die Heizung am Laufen hält. Wichtig ist, dass es bei Bedarf verfügbar ist. Rund 50Prozent des in Europa verbrauchten Erdgases stammen aus europäischen Quellen. Die andere Hälfte kommt aus Nordafrika, dem Nahen Osten und mit knapp 30Prozent vor allem aus Russland.

Novy Urengoy: Gasförderung in eisiger Tundra

Dabei stammt der größte Teil des gelieferten russischen Erdgases aus dem Gebiet um Novy Urengoy in Sibirien. Rund siebenBillionenKubikmeter Erdgas sind in den vergangenen vier Jahrzehnten aus den Lagerstätten rund um die ›Gashauptstadt‹ wie Novy Urengoy auch genannt wird gefördert worden. Derzeit sind es etwa 300Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich. Rund ein Drittel dieser geförderten Menge ist für Westeuropa bestimmt. Rund um die Stadt liegt, tief unter dem sibirischen Permafrostboden, eine der größten Erdgasreserven der Welt. Seit 1966 werden diese Vorkommen am Rande des Polarkreises im Nirgendwo der Tundra bereits angezapft.

Aus einer Tiefe von bis zu 4.000Meter holen Mitarbeiter der PAO Gazprom das Gas unter dem ewigen Eis hervor. Gut eine Woche ist es dann nach der Förderung durch das weitverzweigte Pipelinesystem zwischen Russland und Europa unterwegs, bevor es hierzulande von Industrie- und Haushaltskunden genutzt werden kann.

120.000 Menschen wohnen in Novy Urengoy. Oleg Osmigow ist einer von ihnen. Im Dämmerlicht stapft der Chefgeologe auf einen fast 60Meter hohen Bohrturm zu, der einsam in der verschneiten Steppe der sibirischen Tundra steht. Gerade bereiten seine Kollegen alles für die nächste Förderung vor. Osmigow und seine Kollegen erschließen mit einer Bohrung gerade eine neue Lagerstätte.

Auf dem Gasfeld herrschen außergewöhnliche Bedingungen. Nicht nur Osmigows Bart und seine Wimpern sind in Sekundenschnelle vereist, auch das Stahlgerüst der Förderanlage erstarrt in klirrender Kälte – obwohl es heute, wie Osmigow mit einem Lächeln betont, »angenehme 30Grad unter Null« seien. An den insgesamt 250 Wintertagen kann die Temperatur schon einmal auf bis zu minus 60 Grad sinken.

Am 1.000Tonnen schweren Bohrturm angekommen, klettert Osmigow die eiserne Treppe hinauf und öffnet die schwere Tür zum Maschinenraum. Lautstark dröhnt der Turbinenbohrer, der sich durch den 500Meter dicken Permafrostboden bis tief in die Erde frisst. Die Lagerstätte, die Osmigow mit seinem Team anpeilt, befindet sich in einer Tiefe von knapp 4.000Meter.

Aufbereitung von jährlich 3,65 Milliarden Kubikmeter Erdgas

Der Bohrer hat bereits eine Tiefe von 3.700Meter erreicht. Vor zwei Monaten haben sie mit der Explorationsbohrung angefangen. »Wir liegen gut im Zeitplan«, sagt Osmigow im Kontrollraum der Bohranlage. »Doch die Formation ist nicht einfach zu erreichen.«

Er erklärt, dass die geologischen Strukturen des Gasfeldes wesentlich komplexer sind als die bislang hauptsächlich genutzten, höher liegenden Lagerstätten in 1.700 oder 3.000Meter Tiefe. Eine Herausforderung sei auch der mit 600bar sehr hohe Lagerstättendruck. Zum Vergleich: In einem durchschnittlichen westeuropäischen Haushaltsnetz besteht ein Druck von nur 0,5bar.

Das geförderte Rohgas wird in einer Gasaufbereitungsanlage zusammengeführt. In der Anlage 22 kümmert sich das Team von Ildar Gilmutdinov darum, dass das Gas vor dem Weitertransport gereinigt und getrocknet wird. »Allein aus den hier zusammengeführten 19 Förderbohrungen strömen pro Stunde mehrere Tausend Kubikmeter Rohgas«, erklärt der Ingenieur.

Gilmutdinov steigt auf eine Empore im weitläufigen Maschinenraum. Sein Blick schweift über eine feinorchestrierte Ansammlung von Röhren, Messapparaturen und Tanks. Er bleibt an einigen Anzeigen stehen, die Menge, Dichte, Druck und Temperatur des Erdgases prüfen. Gilmutdinov erklärt die Arbeitsschritte, die hier stattfinden: Zuerst werde der Druck von 120 auf 60bar reduziert, um Gas und Gaskondensat zu trennen, dann folge die Reinigung und Trocknung.

In der Steuerungszentrale, auf zwei riesigen Bildschirmen und etlichen Monitoren, flimmern die Kennzahlen der aktuellen Produktion. Die Leistung der Anlage ist beeindruckend: 3,65Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr und 1,67Millionen Tonnen hochwertiges Kondensat werden alleine in dieser Anlage aufbereitet. Insgesamt 90Leute arbeiten hier und sorgen für den reibungslosen Ablauf der Gasproduktion.

»Wir haben genug Erdgas, um Europa sicher zu versorgen«, sind sich die Mitarbeiter sicher. Allein in der Achimov-Formation, die zu ihren Füßen liegt und gerade in der Region entwickelt wird, schlummert noch viel Förderpotenzial: Etwa dreiBillionen Kubikmeter Erdgas warten hier darauf, geborgen zu werden.

Verdichtung und Kontrolle für den Weitertransport

2.310 Kilometer südwestlich von Novy Urengoy, in der Nähe der Provinzhauptstadt Wologda, kommt das aufbereitete Erdgas in der Verdichterstation in Gryazovets an. Für den sicheren Weitertransport wird der Druck des Erdgases rund alle 200Kilometer in so genannten Verdichterstationen wieder erhöht.

Gryazovets ist ein Erdgasknotenpunkt. Sieben Erdgasleitungen erreichen ihn. Die zahlreichen Leitungen auf dem 2008 errichteten Gelände, transportieren das Gas zwischen großen Turbinenhäusern hin und her. Neben der Verdichtung werden hier auch die Qualität des Erdgases sowie die Mengen überprüft. Anschließend wird das Erdgas mit circa 100bar weitergeleitet.

Bis zur Ostseeküste und damit zur Ostsee-Pipeline Nord Stream sind es nur noch 917Kilometer oder, wie Gastransporteure rechnen, fünf weitere Verdichterstationen.

Mit 220 bar durch die längste Unterwasserpipeline der Welt

In Portovaya bei Vyborg gibt eine mächtige Verdichterstation dem Gas den richtigen Schwung für den letzten Streckenabschnitt durch das Meer. Jetzt ist Europa schon ganz nah: Nur noch 1.224Kilometer quer durch die Ostsee, dann hat das Erdgas die deutsche Küste und damit Europa erreicht.

In der letzten Verdichterstation auf russischem Gebiet wird der Gasfluss bis zur Anlandestation in Deutschland kontrolliert. Die Anlage selbst zählt weltweit zu den modernsten. Bis zu 170Millionen Kubikmeter Erdgas pro Tag können in der Erdgasanlage in Portovaja, rund 1,5Kilometer vor der Küste, getrocknet und verarbeitet werden.

Vor dem langen Weg durch die Ostsee ein besonders wichtiger Prozessschritt. Denn für den Transport durch die längste Unterwasserpipeline der Welt wird das Erdgas auf rund 220bar komprimiert; eine weitere Verdichtung ist in dem Transportsystem bis zur deutschen Ostseeküste nicht vorgesehen.

Um diesen gewaltigen Druck zu erzielen, verfügt die Station über acht Verdichter mit einer Gesamtleistung von 366Megawatt. Der britische Motorenhersteller Rolls-Royce lieferte eine 52-Megawatt-Gasturbine, die zum ersten Mal in einem Erdgassystem verwendet wird. Das ist weltweit einmalig. Die Bedeutung der Anlage für das europäische Erdgassystem sei sehr hoch, so Gazprom.

Moderne KWK-Anlage erhitzt das Erdgas

Wenn das Gas nach 1.224Kilometern durch das Meer in Deutschland an Land kommt, ist es vor allem eines: kalt. Denn es hat auf dem Weg die Temperatur des Ostseewassers angenommen – die im Winter nur knapp über dem Gefrierpunkt liegt.

»Wir müssen das Gas auf über zehn Grad erwärmen, damit die Temperatur bis zur nächsten Verdichterstation nicht unter fünf Grad fällt«, erklärt Betriebsingenieur Stefan Petter. Was den Weitertransport deutlich erschweren würde. Stefan Petter arbeitet für die Erdgastransportgesellschaft Gascade. Das Unternehmen betreibt die Anlage in Lubmin.

Für das Erwärmen des Gases nutzen die Betreiber die Abwärme einer hochmodernen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage (KWK). Mithilfe von Wärmetauschern wird dem Abgasstrom Abwärme entzogen und Wasser für den Aufwärmeprozess erhitzt. Dank der effektiven Wärmenutzung und der hohen Effizienz der Gasturbine verfügt die KWK-Anlage, die der Wingas-Gruppe sowie der E.on Energy Projects gehört, über einen Nutzungsgrad von etwa 90Prozent. Eine Anlage ohne Kraft-Wärme-Kopplung erreicht nicht einmal die Hälfte.

Jährlich bis zu 200.000Megawattstunden Strom kann die Anlage erzeugen – genug, um damit 50.000 Haushalte ein Jahr lang zu versorgen. Doch eigentlich geht es in Lubmin um Erdgas. 3,6 Millionen Kubikmeter des Gases kommen hier pro Stunde durch. In der Übernahmestation wird es dann in die OPAL-Pipeline (Ostsee-Pipeline-Anbindungs-Leitung) sowie in NEL-Pipeline (Nordeuropäische Erdgasleitung) für den Weitertransport in das europäische Gasnetz eingespeist. Von hier ist es noch eine kurze Reise, dann kann es zigtausend Haushalten Wärme bringen.

Tanja Requardt & Sven Schulte-Rummel (Auszug aus dem Gaswinner, das Energiemagazin von Wingas)

Erschienen in Ausgabe: 05/2016