Rolle der Klimapolitik auf Weltmarkt im Wandel

Spezial

Global - Die Klimapolitik bestimmt die Zukunft der Erdgasmärkte. Die Strukturverschiebungen im Weltmarkt setzen sich fort. Die Reserven reichen auch langfristig. Einige Einschätzungen einer Kurzstudie.

11. September 2013

Der wachsende Energiehunger der Asien-Pazifik-Region wird die Erdgas-Märkte der Zukunft prägen, die europäische Energiewende jedoch nicht behindern. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Auch langfristig droht demzufolge keine Knappheit des Rohstoffs, dem wegen seiner flexiblen Einsatzmöglichkeiten auch bei der Energiewende eine stützende Rolle zukommt.

Regional werde es aber zu deutlichen Veränderungen von Produktion und Nachfrage kommen, prognostizieren die Energieexperten anhand von Modellrechnungen. Demnach wird Asien langfristig die weltweite Nachfrage dominieren.

Brückentechnologie

In Europa hänge die künftige Bedeutung vor allem davon ab, ob Gas in der Energiewende als Brückentechnologie oder langfristige Ergänzung zur unsteten Einspeisung der erneuerbaren Energien genutzt werde. Insgesamt sei für die Zukunft der Erdgasmärkte entscheidend, ob die Politik verbindliche Emissionsobergrenzen festlegt und so den zukünftigen Erdgasverbrauch beschränkt.

Für die im DIW-Wochenbericht veröffentlichte Studie haben die DIW-Energieexperten Franziska Holz, Philipp M. Richter und Christian von Hirschhausen das Potenzial des weltweiten Erdgasmarktes untersucht und modellgestützt mögliche Entwicklungsszenarien für verschiedene Klimaschutzziele analysiert.

Demnach ist Erdgas auch langfristig verfügbar. Die weltweiten Erdgas-Reserven, also die aktuell wirtschaftlich abbaubaren Vorkommen des Rohstoffs, belaufen sich verschiedenen Schätzungen zufolge auf etwa 200Bio.m3 und würden bei einer fortlaufenden Förderrate des Jahres 2011 rund 60 Jahre lang ausreichen, um die weltweite Nachfrage zu bedienen. Werden über die Reserven hinaus auch die Ressourcen betrachtet, also die gesamten physischen Mengen ungeachtet der derzeitigen Wirtschaftlichkeit des Abbaus, reicht das Erdgas für geschätzte 230 bis 400 Jahre. Problematisch sei jedoch die im Erdgas enthaltene Menge an Kohlendioxid.

»Würden alle Reserven verbrannt, würden etwa 400 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt. Gemeinhin geht man jedoch davon aus, dass nicht mehr als 1.000 Milliarden Tonnen emittiert werden dürfen, um das Zwei-Grad-Erwärmungsziel noch zu schaffen«, erklärt Franziska Holz. Diese Emissionen fallen besonders auch durch die Nutzung von Kohle und Erdöl an, bei deren Verbrennung anteilig mehr CO2 freigesetzt wird. Somit würde eine politisch festgelegte globale Emissionsobergrenze eine tatsächlich bindende Einschränkung des Erdgasverbrauchs bedeuten.

Die Forscher sehen es als eine »realistische Betrachtungsweise«, dass Erdgas in Europa noch einige Jahrzehnte lang als Brückentechnologie eingesetzt werde. »In anderen Weltregionen, die derzeit noch sehr viel Kohle verbrauchen, könnte Erdgas einen wichtigen Beitrag zur CO2-Reduktion leisten.« Auch die Bedeutung bei der Dekarbonisierung der europäischen Energiewirtschaft, werde in den kommenden zwei Jahrzehnten sehr groß sein.

»Es ist im Moment schwer abzuschätzen, wie sich die Erdgasnachfrage in Europa entwickeln wird«, so Holz weiter. Die Europäische Kommission sehe in ihrer Energy Roadmap langfristig einen deutlichen Rückgang des Verbrauchs von Erdgas, besonders im Stromsektor, wo Erdgas als fossiler Rohstoff zu Gunsten der Erneuerbaren herausfallen würde. »Wir sehen auch alternative Szenarien, in denen Erdgas durchaus noch eine Rolle spielt, vielleicht sogar auch mit einem leichten Wachstum.«

Strukturen ändern sich

So stellen die Forscher fest, dass wenn Erdgas dauerhaft als Backup für die Variabilität von Erneuerbaren als notwendig erachtet werden würde, der Verbrauch auch jenseits der 2030er-Jahre auf hohem Niveau bleibe und europaweit sogar noch zunehmen könnte. Damit könne jedoch kein sehr ambitioniertes CO2-Emissionsminderungsziel erreicht werden.

In jedem Fall wird es den Forschern zufolge zu deutlichen Strukturverschiebungen auf dem Weltmarkt kommen. So hat es in den USA nach einem starken Preisanstieg zu Beginn des Jahrtausends einen regelrechten Explorations- und Förderboom gegeben, bei dem auch die neue Fördertechnologie des Frackings eingesetzt wurde.

In der Folge stieg die Erdgasförderung in den USA von etwa 520Miom3 im Jahr 2006 auf etwa 680Miom3 2012. Derzeit werde am Aufbau der für den Export notwendigen Infrastruktur gearbeitet, so dass die USA dann auch als Exporteur auftreten können, stellen die Forscher weiter fest.

Aufgrund der geografischen Lage müssten solche Exporte in Form von Flüssiggas (LNG) stattfinden, jedoch sei die LNG-Exportinfrastruktur erst im Aufbau. Hinzu kommt, dass Exporte in Länder ohne Freihandelsabkommen mit den USA durch amerikanische Behörden genehmigt werden müssen.

Neue Transportwege

Im Zuge der Genehmigungsprozesse für einige Terminals ist eine Diskussion in den USA entbrannt, ob es im nationalen Interesse sei, Exporte zuzulassen, so die Experten. Das US-Energieministerium habe sich aber entschlossen, zwei Terminals die allgemeine Exportlizenz zu erteilen. Diese hätten dann eine Gesamtexportkapazität von über 30Mrd.m3/a. Mittelfristig sei es möglich, dass sich die USA zu einem bedeutenden Erdgasexporteur entwickeln, schätzen die Forscher.

Den Rang als größter Erdgasverbraucher hingegen werde Nordamerika in wenigen Jahren an Asien abtreten. »Bereits 2025 könnte Asien mehr Erdgas verbrauchen als Nordamerika, das traditionell der größte Konsument ist«, heißt es in der Studie.

Asien werde auch Europa als größter Importeur ablösen. Während den Berechnungen zufolge der Nahe Osten ein strategischer Anbieter bleibt, geht die Bedeutung Russlands für die europäische Erdgasversorgung zurück. Durch die Verschiebung der globalen Handelsflüsse ergibt sich auch für Mittel- und Osteuropa eine sinkende Abhängigkeit von russischem Gas: Der Rohstoff kann in Zukunft zunehmend aus Richtung Westen importiert werden.

In Europa räumen die Experten dem Fracking nur geringes Potenzial ein. »Unter anderem die strengen Umweltauflagen in einigen europäischen Ländern, die geringen und sehr unsicheren Schätzungen bezüglich der vorhandenen Menge sowie die hohe Bevölkerungsdichte stehen einer leichten und kostengünstigen Erschließung der Vorkommen entgegen«, so die Wissenschaftler.

Erschienen in Ausgabe: 07/2013