Smart Meter

Rollout: Langsam, aber sicher

Jetzt läuft der Umbau der Stromzählerinfrastruktur endlich. Aber manche Detailfrage ist noch offen. Eine Herausforderung für Techniker und Juristen.

10. Dezember 2018
(Bild: photon_photo/stock.adobe.com; Bild Zähler: metamorworks/stock.adobe.com)

Jüngst hat das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE eine neue Version der Anwendungsregel Messwesen Strom – Metering Code (E VDE-AR-N 4400) vorgelegt. Der Code ist ein übergreifender Standard, mit dem sich Messdaten der öffentlichen Elektrizitätsversorgung einheitlich erfassen und übertragen lassen. Er definiert die technischen Mindestanforderungen für den Messstellenbetrieb.

Fokus auf das Smart Meter Gateway

Die Code-Überarbeitung war für den geplanten Rollout intelligenter Messsysteme notwendig. Insbesondere dem Smart Meter Gateway als Kommunikationseinheit kommt eine zentrale Rolle zu. Dort sind künftig die Messdaten korrekt aufzubereiten, bevor sie an die jeweiligen Marktpartner weitergeleitet werden. Die Standards dazu finden sich im Metering Code. Bisher drehten sich die Festlegungen hauptsächlich um den Zähler. Die Neufassung ergänzt jetzt vor allem Regeln für das Smart Meter Gateway. In diesem Jahr haben viele Netzbetreiber den Austausch der analogen Ferrariszähler in Angriff genommen. Bundesweit installierten Zählermonteure moderne Messeinrichtungen. Unter anderem ließen SWM Netz sowie Netze BW in ihren Versorgungsgebieten die Hardware austauschen. Der Rollout intelligenter Messeinrichtungen steht weiterhin aus. Ursprünglich hätte er in diesem Sommer starten sollen. Solange nicht drei Smart Meter Gateways zertifiziert sind und die Markterklärung durch das BSI erfolgt, kann der Rollout intelligenter Messsysteme nicht starten.

Start erst 2019?

Erst 2019 werde sich das ändern, sagen viele Fachleute. Sie erwarten, dass Ende 2018 oder Anfang des neuen Jahres die sogenannte Markterklärung erfolgt; das ist quasi die amtliche Mitteilung, dass drei zertifizierte Gateways verfügbar sind. Dann könnten die Netzbetreiber sowie deren Dienstleister für das Smart Metering im ersten Quartal 2019 das tun, was die Branche seit Jahren auf Tagungen und Workshops diskutiert hat: von der Testphase in den operativen Rollout der intelligenten Messsysteme starten.

Gesetzeslage

Die digitalen Messeinrichtungen sind indes nicht nur ein Thema bei Technikern und Ingenieuren. Auch Juristen müssen sich damit beschäftigen. Der Ordnungsrahmen des intelligenten Messsystems besteht unter anderem aus der Mess- und Eichverordnung, dem Interimsmodell der Bundesnetzagentur zur Abwicklung der Marktprozesse sowie dem Messstellenbetriebsgesetz (MsbG).

Obwohl die Regelungen novelliert wurden, sind Experten zufolge noch einige Fragen offen. Das könnte unter Umständen weitreichende Folgen haben. Nach § 30 MsbG wird die Ausstattung von Messstellen mit intelligenten Messsystemen verpflichtend, wenn mindestens drei Unternehmen zertifizierte Geräte zur Verfügung stellen können.

Unklar ist, anhand welcher Kriterien das BSI die Marktverfügbarkeit intelligenter Messsysteme überhaupt definiert.

»In der Konsequenz werden die Geräte, die diesen Kriterien nicht entsprechen, nicht mehr zugelassen werden«, so die Anwaltskanzlei Becker Büttner Held (BBH) in ihrem Energieblog. »Der § 30 MsbG birgt demnach sehr weitreichende Rechtsfolgen. Ob diese gerichtlich überprüfbar sein werden, ist derzeit noch offen«, heißt es in dem Blog weiter.

Über den Tellerrand

In Frankreich ging der Rollout im Vergleich zu Deutschland einfach vonstatten. »In Frankreich ist der flächendeckende Rollout eines intelligenten Messsystems namens Linky nahezu problemlos erfolgt«, so BBH. Auch in der Schweiz findet demnach der flächendeckende Rollout mit einem Minimum von 80 Prozent bereits statt. In beiden Ländern verwendet man marktgerechte und verfügbare Sicherheitsmechanismen, heißt es im Energieblog.

Aus Sicht von BBH sind die Anforderungen an intelligente Messsysteme seitens des BSI so hoch, dass selbst normale Bank- oder Kreditkarten diesen Ansprüchen nicht gerecht werden würden. »Unser kompletter Zahlungsverkehr ist nicht so sensibel organisiert, wie es für die Stromverbrauchsthematik vorgesehen ist. Das ist völlig abstrus«, so die Kanzlei. hd

Kommentar

Safety first

Aus technischer wie rechtlicher Sicht ist das Großprojekt Rollout offenbar noch nicht wetterfest. Aller Anfang ist schwer. Das gilt erst recht bei Großprojekten. Das BSI will nichts dem Zufall überlassen. Sicherheit vor Schnelligkeit. Das ist richtig so. Wenn es deshalb länger dauert als gedacht – geschenkt. Einen tagelangen Blackout infolge eines Hackerangriffs möchte ich lieber nicht erleben. Die BSI-Experten tun gut daran, alle erdenklichen Vorkehrungen zu treffen, damit in Deutschland die Lichter nicht ausgehen. Überziehen sollten sie indes nicht. Wenn selbst die Standards des Bankwesens nicht übertragbar sind, welche sind es dann? Diese Frage müssen sich die BSI-Experten schon gefallen lassen. Was in der Schweiz und in Frankreich geht, muss auch in Deutschland gehen. (hd)

Erschienen in Ausgabe: Nr. 08/2018